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"stern TV": Eine Leben mit Tourette

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"Zucken, schimpfen, spucken! - Leben mit Tourette"

15.06.2010, 14:14 Uhr | rev

Seit Christian (36) zehn war, leidet er an Tourette: Inzwischen ist er Vater einer dreijährigen Tochter.  (Quelle: VOX/Conny Klee/MP)

Seit Christian (36) zehn war, leidet er an Tourette: Inzwischen ist er Vater einer dreijährigen Tochter. (Quelle: VOX/Conny Klee/MP)

Tics sind keine Marotten, die man sich abgewöhnen kann, Tics sind Zwänge. Sie treten auf als plötzliche, ungewollte und ungewöhnlich heftige Bewegungen oder Lautäußerungen, entweder einzeln oder in Serie. Man unterscheidet zwischen motorischen Tics wie zum Beispiel Augenzwinkern, Schulterzucken oder Kopfnicken und vokalen Tics wie Husten, Bellen oder das Herausbrüllen von obszönen Wörtern. Besonders unter Kindern und Jugendlichen sind Tics weit verbreitet. Laut der "Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie" leiden bis zu zwölf Prozent der Grundschulkinder an solchen Störungen. Jungs trifft es dabei dreimal häufiger als Mädchen. Eine spezielle, jedoch eher seltene Tic-Störung ist das sogenannte Tourette-Syndrom, über das in der "Stern TV"-Reportage vom 15. Juni berichtet wurde.

"Zucken, schimpfen, spucken! - Leben mit Tourette"

Das Tourette-Syndrom ist benannt nach Gilles de la Tourette, der 1885 die Symptomatik der Krankheit erstmals beschrieb: Hier verbinden sich Bewegungs-Tics und oft anstößige oder sehr aggressive Äußerungen wie "Arschloch" miteinander. In Deutschland sind schätzungsweise 40.000 Menschen vom Tourette-Syndrom betroffen, weltweit sollen es 0,05 Prozent der Erdbevölkerung sein. Die "Stern TV"-Reportage "Zucken, schimpfen, spucken! - Leben mit Tourette" zeigt Menschen, die unter der Krankheit leiden und wie das Leben von zwei Erwachsenen (Christian, 36, und Dieter, 41) und vom erst 14 Jahre alten Christopher durch zwanghafte Tics bestimmt wird.

Wenn Papa mal wieder "Arschloch" schreit

Der inzwischen 36-jährige Christian leidet an Tourette seit er zehn war. Bei den meisten Menschen mit Tourette-Störung hat die Krankheit ihre Anfänge in der Kindheit. Das Tourette ist Christians ständiger Begleiter - jedoch nicht seine Persönlichkeit. Wenn er in die Sparkasse kommt und höflich nach seinen Kontoauszügen fragt, brüllt sein Tourette lauthals "Überfall". Seit drei Jahren ist er Vater einer Tochter: Phyllis und auch ihre Freunde sind es gewohnt, dass Christian zuckt und schreit und mit dem Kopf gegen die Wand donnert. Für Phyllis ist das normal - sie schläft auch bei dem größten Lärm selig. Ihr Vater nennt das "touretteresistent". Wenn Besuch da ist und Papa schreit mal wieder "Arschloch", klärt Phyllis die Erwachsenen auf: "Das sind böse Wörter, die darf man nicht sagen - nur der Papa darf das."

Das Tourette meldet sich immer im unpassendsten Moment

Christian erklärt, dass die Tics, besonders die verbalen und obszönen Lautäußerungen, ganz speziell dann auftreten, wenn sie in der jeweiligen Situation völlig unangebracht sind: Das Tourette mache immer das, was gerade am unpassendsten ist. Entsprechend schwierig ist es für Tourette-Kranke sich in der Öffentlichkeit zu bewegen, sich in einer Gesellschaft zurecht zu finden, die größtenteils über die Krankheit nicht aufgeklärt ist. Stern TV-Reportage begleitet Christian seit mehreren Jahren. In der Öffentlichkeit stoßen insbesondere die verbalen Tics oft noch auf ungläubiges Unverständnis. Christian geht dieses Problem offensiv an: Nach jedem "Du Sau!", das ihn das Tourette schreien lässt, folgt unverzüglich die Frage: "Sie wissen Bescheid?" Und die meisten Menschen in seinem Heimatort wissen inzwischen Bescheid und haben gelernt mit Christians Tics umzugehen. Die Beziehung zu Phyllis' Mutter ist jedoch inzwischen zerbrochen. Er sieht Phyllis nur am Wochenende und vermisst das familiäre Zusammenleben.

Kurzschluss im Gehirn - mit schlimmen Folgen

Ein solch offenen Umgang mit dem Tourette, wie Christian ihn pflegt, muss Christopher erst lernen: Christopher weiß erst seit zwei Jahren, dass er Tourette hat. Aber die Symptome kennt er schon lange. Es begann, als er sechs Jahre alt war, mit Blinzeln und Kopfschütteln - unwillkürliche Bewegungen, die nicht weiter auffielen. "Er ist halt etwas unruhig, ein lebhaftes Kind", dachte die Mutter. Und auch als er immer wieder "cool, krass, geil" brüllte, waren seine Schwestern zwar genervt, aber an eine Krankheit dachte keiner. Die Stern TV-Reportage beschreibt den steinigen Weg von Christopher: Das Tourette führte zu Ärger in der Schule und - als die verbalen Tics stärker wurden - zu sozialer Isolation. Freunde hatte er zu diesem Zeitpunkt längst keine mehr. Manche seiner verbalen Tics führten dazu, dass er von anderen verprügelt wurde. Schließlich bestätigten zwei Kinderpsychiater die Diagnose: Tourette - ein Kurzschluss im Gehirn. Christophers Mutter setzt sich inzwischen engagiert für mehr Aufklärung und Verständnis gegenüber Tourette-Kranken ein.

In den meisten Fällen verschwinden die Tics wieder von selbst

Nicht immer sind Tics mit derartig drastischen Folgen verbunden: Wissenschaftler unterscheiden zwischen chronischen Tic-Störungen, die länger als zwölf Monate andauern, und vorübergehenden Formen, die nach maximal einem Jahr wieder abgeklungen sind. Bei 70 Prozent der betroffenen Kindern handelt es sich um eine vorübergehende Störung, die auch ohne Behandlung - meistens nach der Pubertät - wieder von selbst verschwindet. In anderen Fällen kann allerdings oft eine Therapie helfen. Auf jeden Fall sollten Eltern mit einem Kinderarzt sprechen, wenn sie bei ihrem Kind vermeintliche Tics bemerken.

Tics sind behandelbar

Bei besonders schweren und lang anhaltenden Störungen kommt es zur Behandlung. Hierfür können verschiedene Therapiemöglichkeiten miteinander kombiniert werden: Zum Beispiel kann das Erlernen von Entspannungstechniken dem Kind helfen, die Anzahl der auftretenden Tics zu verringern. Dazu gibt es auch komplexe Verhaltenstherapien, bei denen die Kinder lernen, den nicht willkürlichen Bewegungen oder Äußerungen entgegenzuwirken. Notfalls kann auch eine medikamentöse Behandlung - insbesondere durch Neuroleptika - eine Linderung der Symptome herbeiführen. Heilbar ist das Tourette-Syndrom allerdings nicht.

Wie Eltern sich verhalten sollten

Die Eltern betroffener Kind müssen sich unbedingt bewusst sein, dass ihr Kind für gewöhnlich keine Kontrolle über seine Tics hat. Es ist zwecklos, dass Kind zu ermahnen, wenn es wieder mal zuckt oder bellt. Stattdessen sollten Eltern dem Kind das Gefühl vermitteln, dass es trotz seiner Störung geliebt wird. Es ist deshalb sinnvoll den Tics im alltäglichen Umgang so wenig Beachtung wie möglich zu schenken. Auch wenn das nicht immer möglich sein wird: Kinder mit Tic-Störungen werden oft von Mitschülern ausgelacht, gehänselt und beschimpft - so wie es auch im Fall von Christopher geschehen ist. Das sind dann schreckliche Erfahrungen, die ein Kind am ehesten mit der Unterstützung der Eltern verarbeiten kann. Die Eltern sollten mit dem Kind über die Erlebnisse reden und auch darüber, wie das Kind am besten auf solches Verhalten von anderen reagiert. Auch ein Gespräch mit dem Lehrer oder mit Eltern von Schulkameraden kann womöglich dafür sorgen, dass dem Kind künftig mehr Verständnis entgegengebracht wird.


Quelle: t-online.de

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