21.02.2011, 14:43 Uhr
ADHS-Gymnasium in Esslingen: Schüler der 8. Klasse im Unterricht. (Foto: dpa) (Quelle: dpa)
Mathe-Unterricht in Klasse 8: An der Tafel stehen komplizierte Rechnungen unter langen Wurzelzeichen, die Schüler lauschen still den Worten des Lehrers. Erst auf den zweiten Blick fällt auf, dass das Klassenzimmer karg wirkt. Drei von Schülern gestaltete Plakate über die Musikgrößen Eminem, Culcha Candela und 50 Cent hängen da. Außerdem eine Uhr - sonst nichts.
Auf Ablenkung jeder Art wird am Privaten Gymnasium Esslingen bewusst verzichtet, denn die mehr als 80 Schüler leiden unter ADHS. Konzentration fällt ihnen schwer, weil sie einfach zu viele Eindrücke in sich aufnehmen. Nur jeder vierte kommt ohne Medikament zurecht - aber sie steuern auf ein Abitur zu.
Die Esslinger Schule ist seines Wissens das einzige ADHS-Gymnasium in Deutschland. Die Krankheit mit dem Namen Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung müsse oft als Begründung herhalten, wenn Kinder besonders lebhaft sind, berichtet Schulleiter Thomas Dahm. "Manchmal dient sie auch als Entschuldigung für Erziehungsfehler." Rund 30 Prozent der Eltern glaubten, ihr Kind habe ADHS. "Laut Bundesärztekammer sind es drei bis sechs Prozent, die an der Krankheit leiden. Das ist realistisch." Während vor allem die Jungs häufig zappelig seien, würden die Mädchen oft zu Träumern.
Die Schule hat darauf allerdings mehr Antworten, als nur kahle Wände. "Da viele Kinder bereits im öffentlichen Schulsystem gescheitert sind, wenn sie zu uns kommen, bauen wir erst einmal Selbstkompetenz und Zuversicht auf", sagt der Schulleiter. Dann werden die soziale Kompetenz und die Methodik geschult. Wichtige Instrumente an der Ganztagsschule sind etwa kleine Klassen von höchstens 15 Schülern, klare, immer wiederkehrende Anweisungen und ein Belohnungssystem nach Punkten. Die 20 Lehrer, von denen nicht alle Vollzeit arbeiten, haben besondere Schulungen zu der Krankheit absolviert.
Ganz wichtig ist Dahm die Zusammenarbeit mit den Eltern. Sie stellt die Lehrer hin und wieder auf die Probe. Manchmal ist es ein Kraftakt, wie der Schulleiter sagt. Der Grund: Viele Eltern würden selbst unter dem Syndrom leiden und seien wegen eigener schlechter Erfahrungen wenig kooperativ. Doch oft ließen sich viele Probleme mit Verständnis und Humor lösen.
Johannes Streif, Sprecher von ADHS-Deutschland, weist auf die Bedeutung von Einrichtungen wie der in Esslingen hin. Zwar sei es wünschenswert, wenn Schüler mit Lern- oder Verhaltensproblemen möglichst schnell in Regelschulen integriert werden könnten, doch sei das nicht immer möglich. "Deshalb halte ich Schulen wie diese für sehr wichtig."
Auch die Forschung hat etwas davon, dass hier so viele ADHS-Kinder gemeinsam lernen. Seit kurzem wird in einem wissenschaftlichen Projekt in Esslingen erprobt, ob man den Kindern mit "wenn - dann"-Regeln helfen kann, ihren Lernalltag zu strukturieren und Probleme in den Griff zu kriegen. Am Ende des Projekts IDeA, das von der Bosch-Stiftung gefördert wird, sollen Hilfen für das Lehrertraining stehen. "Wir haben hier viele Schüler an einem Gymnasium. Das ist spannend", sagt Caterina Gawrilow vom IDeA-Zentrum in Frankfurt.
Doch die Schule kämpft mit den Finanzen. Vor Januar 2012 ist eine staatliche Anerkennung nicht in Sicht, und folglich auch nicht der damit verbundene Zuschuss von rund 350 Euro pro Schüler. Alle müssen zurzeit den Gürtel enger schnallen, um die Kosten von rund 930 Euro pro Schulplatz zu schultern. Eltern zahlen Schulgeld nach Einkommen sowie Mitgliedsbeitrage an den Trägerverein. Die Lehrer verzichten laut Dahm derzeit auf bis zu zehn Prozent ihres Gehaltes. Die Jugendämter zahlen einen Zuschuss über die Eingliederungshilfe für Schüler. Der Rest muss aus Spenden kommen. Dahm sagt: "Wir hoffen auf ein warmes und weiches Herz eines Unternehmers."
Quelle: dpa
Stine schrieb:
am 14. Januar 2012 um 20:59:27
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@Ecco
Etwas widersprechen muss ich dir doch: meine beiden Söhne haben AD(H)S. Deswegen habe ich mich ausbilden lassen, wie sie
"ticken" und wie man ihnen entgegen kommt. Nun unterrichte ich an einer Grundschule in einer Klasse, in der etwa 6 ADSler und teilweise mit Legasthenie sitzen, wie man den Unterricht für sie "aufmerksamer" macht. 98% der Lehrer wissen nicht, was das überhaupt ist. Es sei, sie haben eigene ADSler! Diese Generation ändert das Schulsystem, weil es immer mehr werde
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Ecco schrieb:
am 2. August 2011 um 21:18:26
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So was Armseliges!
Nicht die Kinder sind am Schulsystem gescheitert - das lassen sie nur unfähige und verantwortungslose Erwachsene glauben.
Unser Schulsystem und sehr viele faule und unfähige "Lehrkräfte" - besser LEERkräfte - sind die wirklichen Versager hier und verantwortlich.
Und wenn wirkliche Pädagogen auftauchen und so eine tolle und wichtige Arbeit machen wie hier beschrieben, dann müssen die kämpfen. Klar, wer sitzt denn in den Gremien? In den Parlamenten treiben sich zu Hauf gescheiterte Lehrer
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Christian Alexander Tietgen schrieb:
am 2. August 2011 um 20:25:25
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Die Eltern
Oft schämen sich die Eltern und zeigen deswegen kein Verständnis für die Kinder, gleichzeitig behindern sie aber auch die
Behandlung, weil sie sich mit ihrem Problem längst abgefunden haben und so auch bei ihren Kindern keinen Handlungsbedarf sehen. Dabei verhindert eine frühe Behandlung doch, dass die Kinder die selben Probleme bekommen wie ihre Eltern.
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