04.02.2009, 13:49 Uhr | sca
Chips & Co. gehören neben Bewegungsmangel zu den Hauptursachen für Adipositas. (Bild: Imago)
"Unsere Kinder und Jugendlichen werden immer fetter, weil sie sich nicht bewegen und viel zu viel Zeit vor dem Fernseher oder der Spielkonsole verbringen", so ist in dem Buch "Generation Chips" (Fröhlich/Finsterer, Krenn Verlag, siehe www.generation-chips.de) zu lesen. Aber auch familiäre Belastungen, die soziale Herkunft und die ethnische Zugehörigkeit erhöhen das Risiko. Diese Kinder werden vor ihrer eigentlichen Lebenserwartung sterben, "und zwar an den Krankheiten, die sie schon in jungen Jahren mit Pommes und Chips beim Computerspiel heranzüchten", schreiben die Autoren weiter.Im Interview beantwortet Edmund Fröhlich t.-online.de/eltern Fragen zu Ursachen und Folgen von Übergewicht bzw. Adipositas.
Fröhlich: Weil sich unsere Kinder immer weniger bewegen und immer mehr Zeit vor dem Fernseher, dem Computer und der Play-Station verbringen, werden sie immer dicker. Unterstützt wird diese Entwicklung durch den Verlust traditioneller Ernährungsgewohnheiten in den Familien. Viele Kinder erleben zu Hause kein regelmäßiges Frühstück oder gemeinsames Abendessen. Stattdessen entwickeln die Kinder ungesunde Essgewohnheiten, die auch im Erwachsenenalter das Verhalten prägen. So werden aus dicken Schulkindern dicke Erwachsene.
Fröhlich: Familiäre Belastung (adipöse und übergewichtige Eltern), sind die größten Risikofaktoren für die Entstehung einer Adipositas im Kindes- und Jugendalter. Auch, wenn die Gene einen gewissen Einfluss auf das Körpergewicht haben, so sind sie nicht der Grund für Übergewicht. Sie geben lediglich Auskunft über die Neigung dazu. Und genau hier gilt es anzusetzen: Denn letztendlich sind in den meisten Fällen Kalorien im Übermaß und mangelnde Bewegung schuld am hohen Gewicht. Ob ein Mensch dick wird oder nicht, hat zwar auch etwas mit seiner Veranlagung zu tun, aber das ist keine ausreichende Erklärung. Denn auch, wenn in Familien mit vielen übergewichtigen Personen die Wahrscheinlichkeit höher ist, so liegt das in vielen Fällen auch am Verhalten. Und das kann verändert werden. Schwieriger ist es mit den Lebens-Verhältnissen in denen Kinder aufwachsen, diese lassen sich nicht so ohne weiteres beeinflussen.
Fröhlich: Bei etwa fünf Prozent der Patienten liegen Stoffwechselstörungen vor, Störungen im Hormonhaushalt oder andere körperliche Gegebenheiten, auf die der Lebensstil des Patienten keinen Einfluss hat. Die anderen 95 Prozent gehören zu der von uns so bezeichneten "Generation Chips".
Fröhlich: Kinder mit Migrationshintergrund und/oder einem niedrigeren sozialen Status (geringes Einkommen der Eltern, niedrige Schulbildung) sind wesentlich stärker gefährdet als ihre Altersgenossen. Sie sind "besser“ und früher mit Spielkonsolen und Bildschirmgeräten ausgestattet, verbringen mehr Zeit vor den Geräten und auch die Art der Spiele korreliert mit dem Bildungshintergrund.
Fröhlich: Im Alltag wird das enorme Gesundheitsrisiko von Übergewicht völlig unterschätzt. Der Krankheitswert ergibt sich zum einen aus der funktionellen und individuellen Einschränkung, der psychosozialen Beeinträchtigung und vor allem der bereits fassbaren höheren Komorbidität im Vergleich zu Normalgewichtigen. Etwa 30 Prozent der chronischen Krankheiten sind darauf zurückzuführen. Jedes achte Kind in der Bundesrepublik weist bei der Einschulung Übergewicht auf und muss in der Folge mit Diabetes, Gallensteinen, Nierenschäden, Plattfüßen, einer Fettleber oder Gelenkschädigungen leben.
Fröhlich: Nicht nur die Komorbidität steigt an, sondern auch die Auswirkungen auf Schule, Beruf und Berufsfindung. In der Schule sind die Kinder und Jugendlichen häufig Hänseleien von Gleichaltrigen ausgesetzt. "Als Letzter gewählt, als Erster ausgeschieden und dann auch noch ausgelacht und verspottet‘‘, so fasste ein Sportlehrer einmal den Alltag dicker Schüler beim Sport in der Schule zusammen. Diese Kinder leiden unendlich. Auf dem Arbeitsmarkt haben dicke Jugendliche im Kampf um qualifizierte Lehrstellen kaum eine Chance. Kein Wunder, wer stellt schon jemanden ein, von dem man annehmen muss, dass er häufiger krank ist. Auch wird ihnen häufiger unterstellt, dass sie träge und faul sind.
sca
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