20.04.2012, 11:44 Uhr | Simone Blaß
"Heute würden sie bei mir ADHS diagnostizieren": Will Smith spricht offen über seine Störung. (Bild: imago)
Es gibt immer wieder Menschen, die die Diagnose ADHS gleichsetzen mit Attributen wie "anders", "unbremsbar" oder gar "krank". Da werden Kinder schnell in Schubladen gesteckt, aus denen nur schwer wieder herauszukommen ist. Dabei haben Menschen, die von dem Störungsbild betroffen sind, ganz erstaunliche Anlagen, die es zu fördern und zu nutzen gilt - und die ihnen Zukunftsaussichten bieten können, von denen andere manchmal nur träumen. Davon zeugen auch berühmte Künstler wie zum Beispiel die Schauspieler Robin Williams und Will Smith, die ebenfalls die Krankheit ADHS haben. "Ich war immer der Alberne, der Probleme hatte aufmerksam zu sein", erklärte Smith, der offen über seine Störung spricht: "Wenn ich heute Kind wäre, würden sie bei mir ADHS diagnostizieren."
Der Pädagoge Gerhard Spitzer, der selbst ADHS hat, konzentriert sich in seinem Buch "Warum zappelt Philipp?" ganz bewusst auf die erstaunlichen Vorteile von ADHS. Er gewinnt selbst den Merkmalen, die zunächst vielleicht von Betroffenen beziehungsweise deren Umfeld als negativ empfunden werden, positive Seiten ab. Das "vorlaute Plappermaul" weist eine Menge sprachliche Eloquenz auf, "chaotische Planlosigkeit" zeigt die Fähigkeit zu intuitivem Handeln und die "Zappeligkeit" ist ein Tatendrang, der richtig genutzt eine hohe Einsatzbereitschaft und durchaus auch erstaunliches Durchhaltevermögen nach sich ziehen kann. Doch viele dieser Potenziale kommen erst im Erwachsenenalter zum Tragen. "Das heißt jedoch nicht, dass die erstaunlichen Fähigkeiten nicht schon früher da wären, sondern dass Lehrer oder auch Eltern vielfach viel zu stark auf die natürlich auffälligen Probleme und Schwierigkeiten achten und damit in erster Linie diese in den Blickpunkt der Aufmerksamkeit rücken."
Eins der wohl auffälligsten Merkmale von ADHS ist, dass weder dem Kind selbst noch seinem Umfeld schnell langweilig wird. Menschen mit ADHS finden immer etwas, das interessant ist und sie haben sehr oft die wundervolle Fähigkeit, andere zum Lachen zu bringen. Dass sie dadurch schnell zum Klassenclown werden und als unstet gelten, bringt das fast schon automatisch mit sich. Aber die meist für alles offene und tolerante Art macht diese Menschen zu faszinierenden Gesprächspartnern und die erhöhte Risikobereitschaft, die manchen Eltern zu Recht den Schlaf raubt, ist auf der anderen Seite mit Eigenschaften wie Mut, Einsatzbereitschaft und Furchtlosigkeit gleichzusetzen und nicht selten findet man Menschen mit dem Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom unter Extremsportlern und in Berufen wie Feuerwehrmann oder Bergretter.
Die Zukunftsaussichten, die Kinder mit ADHS haben, sind ziemlich rosig. Vorausgesetzt, sie lernen, ihre Fähigkeiten in ihrem Leben richtig einzusetzen und suchen sich zum Beispiel einen Beruf, der für sie Berufung ist. Albert Einstein, Ludwig van Beethoven, Walt Disney, Will Smith oder Robin Williams - bei all diesen Künstlern weiß oder vermutet man, dass sie ADHS hatten beziehungsweise haben - und das Glück, ihre Fähigkeiten zu nutzen. Künstler, Animateur, Moderator, Koch oder auch Pädagoge: Alles Berufe, die sich besonders gut für Menschen mit Fähigkeiten wie Ideenreichtum, Impulsivität, Begeisterungsfähigkeit und Selbstlosigkeit eignen und damit perfekt sind für den typischen Zappelphilipp.
Selbstverständlich treffen nicht alle genannten Merkmale auch auf alle Menschen mit ADHS zu, aber sie sind häufig zu beobachtende Erscheinungsbilder. Eine vom deutschen Bundesverband Arbeitskreis Überaktives Kind in Zusammenarbeit mit der Charité der Humboldt Universität in Berlin durchgeführte Befragung hat ergeben, dass 76 Prozent aller befragten Eltern an ihrem von ADHS betroffenen Kind vor allem dessen außerordentliche Sensibilität schätzen. 68 Prozent bewundern die unersättliche Neugier, 67 Prozent den ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und 64 Prozent schätzen die große Fantasie. Fast alle Kinder mit ADHS verfügen zusätzlich über eine starke kreative Begabung. "Wenn Eltern ihr Kind genau beobachten, seine spezifische künstlerische Begabung erkennen und entsprechend fördern können, bestehen größte Chancen, dem Kind zu verbesserter Aufmerksamkeit und mehr innerer Ruhe zu verhelfen und damit seinen Leidensdruck zu verringern."
Interessanterweise zeigen die Forschungsergebnisse der letzten Jahre, dass ADHS-Betroffene gute Chancen haben auf eine hohe Lebensqualität im Alter. "Die Annahme einer guten Altersqualität ist aber keine mystische Glorifizierung des Phänomens ADHS, sondern eine ganz logische Folge des lebenslangen Bewegungsdranges, des unersättlichen Wissensdurstes sowie auch der hohen Auffassungsgabe und der rationalen Intelligenz", so Gerhard Spitzer. Der bekannte Familiencoach und Erziehungsberater, der zudem Gastdozent an der Pädagogischen Hochschule in Wien ist, spricht dabei nicht nur aus eigener Erfahrung, sondern auch aus der fast drei Jahrzehnte dauernden Arbeit mit Kindern.
Selbstverständlich ist ADHS für viele ein Problem, das auch Leidensdruck mit sich bringt. Sowohl für den Betroffenen als auch für seine Familie. Doch den meisten der sehr oft als nachteilig bezeichneten Eigenschaften kann man ihre eigene positive Seite gegenüberstellen. Was übrigens nicht nur für Menschen mit ADHS gilt, sondern natürlich auch für solche, die ADS haben, bei denen also die Hyperaktivität wegfällt und die allgemein eher als Schussel und Träumer gelten. Manchmal ist es nur eine Frage der Sichtweise. Sprunghaftigkeit ist durchaus auch mit Flexibilität gleichzusetzen, das Bedürfnis im Mittelpunkt zu stehen beinhaltet auch charismatische Führungsqualitäten und Menschen, die extrem sensibel sind, haben meist auch ein besonders ausgeprägtes Einfühlungsvermögen.
Sobald es gelungen ist, ein gewisses Potenzial bei dem betroffenen Kind zu entdecken und zu fördern, wird sich das Bild wandeln. "Dann ist das Wollen auf einmal kein Problem mehr, denn dann übernehmen die große Begeisterungsfähigkeit Ihres Kindes, seine Energie und seine Fähigkeit für kreative Lösungen das Kommando." Gerhard Spitzer rät dazu, ADHS nicht ausschließlich als Defizit, bedrückende Last oder unheilbare Krankheit wahrzunehmen, sondern es auch als Gabe zu sehen. ADS beziehungsweise ADHS allerdings zu glorifizieren und das Störungsbild verklärt zu sehen, wäre eine falsche Herangehensweise. "Es muss auch klar sein, dass es zwar von Vorteil ist, die positiven Seiten von ADHS zu kennen, aber dass es für jeden einzelnen Betroffenen wie auch für die Bezugspersonen viel Arbeit bedeutet, diese auch nutzen zu lernen." Doch ab und zu kann es einfach hilfreich sein, den Blickwinkel zu ändern, um zu sehen, was für ein wundervoller und interessanter Mensch hinter einem Zappelphilipp oder auch einem Hanns Guck-in-die-Luft steckt.
Quelle: t-online.de
Caroline schrieb:
am 9. Mai 2012 um 09:37:58
(0)
(0)
@Zeitungsleser
Sicherlich ist heute in den Elternhäusern aufgrund doppelter Berufstätigkeit und des wachsenden Drucks in der Arbeitswelt
vieles nicht so, wie es sein sollte. Hier wäre auf gesellschaftlicher Ebene einiges zu tun. Aber es gibt genauso viele Kinder aus intakten Familien mit guten emotionalen Beziehungen. Sie lassen zudem die genetischen Komponenten und Komorbiditäten wie Tics und Zwänge außer Acht. Dies sind Störungen des Gehirnstoffwechsels und nicht nur Verhaltensprobleme,
mehr
Kommentar melden
Tarzoon schrieb:
am 24. April 2012 um 17:38:56
(0)
(2)
@Psycho
Wenn diese Kinder überhaupt lange ihr Erwachsenendasein genießen können!!!! Viele Eltern, Sozialpädagogen, Psychologen und
Psychiater sehen in ADS/ADHS tatsächlich einen Grund, Kinder mit Chemikalien zu vergiften um dann total ergeben der Pharmaindustrie nachzuplappern, wie sehr diese Gifte den Kindern helfen würden!!!
mehr
Kommentar melden
Tarzoon schrieb:
am 24. April 2012 um 17:30:38
(0)
(3)
Organversagen!!!
Von ADS oder ADHS bekommt kein Kind einen Leberschaden. Von Ritalin schon! Da sind die ständigen Kopfschmerzen, über Tage
anhaltende Übelkeit, öfteres Übergeben echt die kleineren Übel!! Und wenn euch euer Kind auf Knien bittet, die "bösen Pillen" wegzulassen (erst kürzlich so selbst erlebt), was macht ihr dann? Mit Gewalt einflößen? Zwangsmedikation wie in der Psychiatrie????
mehr
Kommentar melden
Bitte füllen Sie alle Felder aus.

Sie sind der Meinung, dass dieser Kommentar anstößige Inhalte enthält.

Attraktive und sportive Mode für Sie und Ihn: kompromisslose Qualität, die überzeugt. zum Special
Strafft den Hüft- und Taillenbereich und sorgt für ein volleres Dekolleté - jetzt für 19,99 €. von neckermann.de
Zeigen Sie Flagge - alles für die per- fekte EM-Party in Schwarz-Rot-Gold.
von GINGAR.de
Tolle Kurven perfekt in Szene gesetzt: zauberhafte Damenmode bis Größe 60. zum XXL-Special
