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Alleinerziehende besser als ihr Ruf

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Alleinerziehende besser als ihr Ruf

15.07.2011, 14:40 Uhr | mmh, amr

Kinder auf Ferienfreizeit der Bepanthen-Kinderförderung. (Foto: Bayer Health Care)

Die Bepanthen-Kinderförderung bietet Freizeitaktivitäten für Kinder an. (Foto: Bayer Health Care)

Kinder gelten als Armutsrisiko in Deutschland, umso mehr wenn sie von einem Elternteil allein erzogen werden. Ist das nicht ein Armutszeugnis für ein reiches Land? Doch wie empfinden die Betroffenen, nämlich die Kinder selbst? Eine aktuelle sozialwissenschaftliche Studie der Uni Bielefeld hat sich dieser Perspektive gewidmet. Aus Kindersicht beleuchtet sie, wie stark Familienstatus und soziale Lage Kinder in Deutschland beeinträchtigen.

Erfahrung der Ausgrenzung

Der Familienstatus "Alleinerziehend" gilt als einer der Armutsrisikofaktoren. Seit 1996 stieg die Zahl Alleinerziehender in Deutschland um knapp 70 Prozent auf derzeit 2,2 Millionen. Welchen Einfluss Alleinerziehung und soziale Lage aus Sicht von Kindern in Deutschland auf sie haben, wollten Bielefelder Sozialwissenschaftler wissen. Von März bis April 2011 befragten sie dazu 1053 sechs- bis 13-jährige Kinder in persönlichen Interviews.

Armutslage prägt Aufwachsen

Alleinerziehende berichten zwar von vielen Belastungen, geben diese aber nicht an ihre Kinder weiter. Den größten negativen Einfluss auf das Aufwachsen von Kindern hat in erster Linie die Armutslage selbst. Sie wirkt sich in hohem Maße auf alle Lebensbereiche, das Wohlergehen und die Belastung der Kinder aus. Bereits jedes sechste Kind aus sozio-ökonomisch benachteiligten Haushalten artikuliert, dass seine Familie nicht genügend Geld für alles hätte, was sie zum Leben braucht. "Wenn bereits Sechsjährige materielle Einschränkungen spüren und äußern, ist das bedenklich“, sagt Professor Holger Ziegler, der die Untersuchung leitete.

Brennpunktthema Kinderarmut

Kinder in Deutschland sind arm, wenn ihre Eltern über ein Einkommen verfügen, das weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Nettoeinkommens umfasst. Das bedeutet 925 Euro pro Monat für einen Ein-Personen-Haushalt zuzüglich 277,50 Euro für ein Kind unter 14 Jahren. Derzeit sind 2,5 Millionen Kinder von Armut betroffen.

Status bestimmt nicht den Erziehungsstil

Kinder von Alleinerziehenden berichten über genau so viel Aufmerksamkeit und Zuwendung wie ihre Altersgenossen aus Familien - sie geben sogar zu 100 Prozent an, sie "hätten immer jemanden, der sich um sie kümmert". Dennoch werden sozial benachteiligte Kinder von Alleinerziehenden im Vergleich zu allen anderen Kindern am häufigsten ausgegrenzt: Jedes dritte Kind sozial benachteiligter Alleinerziehender wird gemobbt.

Neben der materiellen Lage wirkt sich die von den Kindern wahrgenommene Erziehungspraxis - und nicht der von den Eltern angegebene Erziehungsstil - auf alle Lebensbereiche der Kinder entscheidend aus. Dabei erleben Kinder aus benachteiligten und alleinerziehenden Familien genauso sehr eine interessierte und zugewandte Erziehungspraxis. Das widerlegt das Vorurteil, wonach in benachteiligten Milieus oder bei Alleinerziehenden keine gute Erziehung praktiziert wird. Es ist ein wichtiges Ergebnis der Studie, dass die Erziehungspraxis überwiegend nicht durch die Schichtzugehörigkeit oder den Familienstatus "Alleinerziehend" bestimmt wird.

Soziale Lage beeinflusst Fähigkeiten und Belastung

Kinder aus ökonomisch benachteiligten Haushalten schätzen ihre Fähigkeiten schlechter ein als privilegierte. Sie trauen sich häufig weniger zu und haben von Anfang an signifikant schlechtere Noten. Kinder aus privilegierten Familien bekommen selbst dann bessere Noten, wenn sie ihre Fähigkeiten im Vergleich zu sozial benachteiligten Kindern schlechter einschätzen. Welche Fähigkeiten sich Kinder zutrauen, hängt auch davon ab, ob es den Eltern gelingt, eine fördernde, anregungsreiche Umwelt herzustellen. "Damit müssen keine teuren Ausflüge verbunden sein, sondern es geht um eine abwechslungsreiche Freizeitgestaltung wie der gemeinsame Waldspaziergang oder Spielplatzbesuch", verdeutlicht Professor Ziegler.

Ob Kinder emotional belastet sind, ist ebenfalls primär von der sozialen Lage abhängig. Gut ein Viertel der Kinder aus sozial benachteiligten Millieus gibt an, sich emotional belastet zu fühlen. Der Status "Alleinerziehend" wirkt hierbei noch verstärkend: So geben Kinder von sozial benachteiligten Alleinerziehenden mit 22 Prozent am häufigsten an, „oft traurig zu sein, ohne zu wissen warum“.

Kinder äußern ein hohes Selbstwirksamkeitsempfinden: Zwischen 70 und 80 Prozent bejahen, "Probleme lösen zu können" und "sich zu helfen zu wissen". Dabei ist das Selbstwirksamkeitsempfinden bei Kindern von sozial benachteiligten Alleinerziehenden tendenziell sogar noch höher als bei privilegierten. Dies spricht dafür, dass die Kinder offenbar früh lernen, mit Einschränkungen und Schwierigkeiten zurechtzukommen.

Bedürfnisse sozial benachteiligter Kinder

Die Studie hat gezeigt, dass das Gelingen einer fördernden, anregungsreichen Umwelt stark von der sozialen Lage der Eltern abhängig ist. Dies unterstreicht die Relevanz von nicht-formellen Bildungsangeboten, wie sie das Kinder- und Jugendwerk "Die Arche" e.V. seit 1995 an ihren Standorten bundesweit bietet. "Ob Tanzen, Reiten, Ausflüge oder Feriencamps - eine sinnvolle Freizeitgestaltung kompensiert die strukturelle Benachteiligung von Kindern, die in Armut aufwachsen und liefert ihnen wichtige Impulse für ihre Entwicklung", berichtet Bernd Siggelkow, Gründer und Leiter der Arche.


Quelle: t-online.de

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