16.11.2011, 08:34 Uhr | mmh
Aschenputtel, Schneewittchen, Dornröschen - sie gehören zur Kindheit in Deutschland dazu. Grimms und Andersens Märchen sind so etwas wie ein Weltkulturerbe, denn ähnliche Märchenfiguren gibt es in aller Welt. Dank Disney, KiKa-TV & Co. bleiben diese Figuren auch für weitere Generationen lebendig. Freundschaft, Trauer, Leid, Hoffnung, Glück, Liebe - diese Ur-Erfahrungen stecken in allen Märchen. Wurden Ihnen noch Märchen erzählt? Märchen scheinen wieder in Mode zu kommen: Sogar eine neue Quizshow nimmt sich des Themas an und Deutschlands berühmteste "Märchentante", Stephanie zu Guttenberg brachte die "Märchen-Apotheke" heraus. Bieten Märchen wirklich Rezepte für den Alltag, für die Kindheit, für das Leben? Fest steht: Kinder lieben Märchen und so erzählen Sie sie richtig: Fünf Tipps für Märchenerzähler.
Kinder, denen vorgelesen wird, sind erfolgreicher in der Schule und gestalten ihre Freizeit aktiver. zum Video
Aschenputtel als Therapie für nicht-funktionierende Patchworkfamilien? Die kluge Bauerntochter als Lebensentwurf für Hochbegabte? Der Wolf und die sieben Geißlein als Selbsthilfegruppe bei Online-Sucht? Rapunzel als Migrationsbeauftragte? Allerleirauh deckt sexuellen Missbrauch auf? König Drosselbart kuriert Magersucht und Hase und Igel lösen die Mobbing-Thematik? So ziemlich alle Schlagworte der aktuellen Erziehungsratgeber sind in der “Märchen-Apotheke” (Kösel, 2011) versammelt, die sich in der Verbindung von Grimms Märchen und kleinen Einführungen in die Thematik als "Heilmittel für Kinderseelen" versteht. Doch ist es wirklich so einfach?
“Nein”, sagt Märchenerzählerin Sabine Lutkat, “diese ganz konkrete Zuordnung eines bestimmten Problems widerspricht allem, was Märchen wollen. Das verspricht etwas, was das Buch und die Märchen nicht halten können.” Grundsätzlich könnten Märchen Anleitungen zum Leben sein, in Workshops, Seminaren und Therapien werden Märchen eingesetzt, auch für Management und Paarbeziehungen.
Märchen sprechen grundsätzliche Probleme an, aber nicht konkrete. es geht um Angst, Verlust, Furcht, Tod, Freundschaft, Liebe, Eifersucht. Um Erfahrungen, die in den Geschichten zwar historisch eingebettet sind, aber für jeden verständliche Grunderfahrungen sind, über alle Zeiten hinweg
Sie selbst würde zwar immer dafür plädieren, Märchen zu erzählen, aber nicht zu einem bestimmten Zweck, ohne "um zu". Diese “Wenn-dann-Rezeptur” sei allerdings momentan sehr gefragt. “Eltern sind auf der Suche nach Erziehungs-Rezepten und Handlungsanleitungen”. Ein Phänomen unserer Zeit.
Das gesuchte Rezept heißt: Wenn Kinder diese Geschichte hören, dann lernen sie das und das. "Würden Märchen nach diesem einfach Prinzip funktionieren, dann wäre es schrecklich", meint Lutkat, die im Vorstand der Europäischen Märchengesellschaft mitarbeitet. Denn Märchen verlaufen nicht immer geradlinig, die Wege sind oft verschlungen, aber sie gehen immer gut aus, selbst das vom bösen Wolf. Ein weiteres Merkmal von Märchen und ihrer Wirkung ist, dass sich Kinder immer mit der Hauptfigur identifizieren. "Märchen sagen dem Kind: Du bist ein Königskind." Sie geben, so Lutkat Hoffnung, geben Mut, stärken. Die Botschaft an Kinder lautet: Sei mutig, geh deinen Weg, übernimm selbst Verantwortung für dein Denken und Handeln!
"Superdoping für Kinderhirne", so nennt der Göttinger Neurobiologe Gerald Hüther Märchen. Seine These: Märchen aktivieren emotionale Zentren im Gehirn, Fantasie, Kreativität und Konzentrationsvermögen würden angeregt. Märchen sind ein wahres Zaubermittel, das auch noch, so die Märchenexpertin Helga Zitzlsperger, das Empathievermögen steigere, da sich die Kinder in die Märchenfiguren hineinversetzen.
Dabei sei die Hauptfigur auch nicht immer lieb, nett und brav, ihr Lebensweg verlaufe bestimmt nicht immer geradlinig. Doch die Zuordnung eines bestimmten Erziehungsproblems - wie in der "Märchen-Apotheke" suggeriere dem Kind, "Du bist nicht okay, so wie Du bist". Ebenso den Eltern: Habe ich mein Kind vernachlässigt, weil es immer wieder das Märchen von Sterntaler hören will?
"Ich würde nie einem Kind ein Gespräch über Märchen 'aufdrücken'", wehrt Sabine Lutkat ab, "aber die merken sehr wohl selber, dass das Themen sind, die etwas mit ihnen zu tun haben, wenn sie eine Geschichte immer wieder hören wollen, dann müssen sie daran etwas abarbeiten.
"Märchen machen keine Angst", beschwichtigt Lutkat, "im Gegenteil, sie stellen die Bilder zur Verfügung, die Angst ausdrücken. Die Angst wird greifbar, damit kann ich sie bekämpfen, den Wolf, die Hexe, den Vampir." Bestes Beispiel ist "Rumpelstilzchen": Kann ich etwas benennen, dann verliert es seinen Schrecken.
Kinder lassen nur die Bilder entstehen, die sie auch bewältigen können, die inneren Bilder entwickeln sich beim Vorlesen in einem sehr kreativen Prozess. Genau das ist das Problem an Märchenfilmen, hier werden die Bilder vorgegeben.
Einen erfolgreichen Versuch, Märchen wieder populär zu machen, startete der Kindersender KiKa vor wenigen Jahren mit der Zeichentrickserie "SimsalaGrimm": Der Schelm YoYo und der Wissenschaftler, Arzt, Philosoph und Bücherwurm Doc Croc flogen mit einem sprechenden Märchenbuch in die Geschichten ein und erleben sie mit.
Anfangs waren Märchen für Erwachsene erzählt und geschrieben. Sie waren gespickt mit sexuellen Anspielungen und stellenweise wirklich grausam. Erst die Brüder Grimm schliffen diese Kanten ab und machten die Erzählungen jugendfrei. Diese Fassungen sammelten sie in ihren "Kinder- und Hausmärchen", dem Klassiker der deutschen Märchenbücher.
Die 68er Generation verbannte die als rückständig und frauenfeindlich verrufenen Märchen aus den Kinderzimmern. Walt Disney brachte sie zurück. Aus dem riesigen Märchenschatz, den Andersen und Grimm zusammengetragen haben, kennen die meisten Menschen nur noch rund 20. Immer noch werden Märchen erzählt, vor allem in den Elternhäusern des Bildungsbürgertums sind sie noch präsent. In den Kindergärten trauen sich heute nicht mehr alle Erzieherinnen an die alten Geschichten, sie greifen lieber auf neue Bilderbücher zurück, denn auch davon gibt es viele wunderbare.
Ein sehr gelungenes Beispiel für eine Märchenverfilmung ist für Lutkat die tschechisch-deutsche Produktion "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel", ein wirklicher Weihnachtsklassiker. Nur für Erwachsene geeignet, aber sehr empfehlenswert, da er vieles im Symbolischen lässt, ist die "Schneewittchen"-Verfilmung mit Sigourney Weaver als böse Stiefmutter.
Sabine Lutkat liebt Feen-Märchen. Und was ist ihr Lieblingsmärchen aus dem Kreis der bekannten? "Der Froschkönig, weil die freche Königstochter den Frosch nicht küsst, sondern an die Wand klatscht - und genau deshalb alles gut wird."
Quelle: t-online.de
Entchen schrieb:
am 17. November 2011 um 18:50:09
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Märchen
Ich wurde Anfang der 70' Jahre geboren, und meine Eltern mischten zusammen, was sie selbst erlebt hatten: nationalsozialistische
Härte und Teile der Ideologie, dazu Feminismus und Prügel - kommunistisches Hochleistungsdenken, verschiedene christliche Richtungen (Freikirchen). Trotzdem gab es Märchen. Märchen und biblische Geschichten waren das einzig Vernünftige in meiner Kindheit und lehren mich bis heute. Sehr empfehlenswert sind auch Bücher von Astrid Lindgren und Janusz Korczak.
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Mutter schrieb:
am 16. November 2011 um 12:00:21
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Charakterbildend
Wer Märchen hört und liest, wird diese Geschichten verinnerlichen. In Lebenskrisen wirken diese Geschichten nach und
helfen, neue Orientierung zu finden. Dafür sollten die Märchen aber in der Kinderseele "eingebrannt" sein, als Erwachsener die Lösungen im Märchen zu suchen, wird vermutlich schwerlich gelingen, da Märchen "aus dem Herzen sprechen". Also keine Rezepte für Problemkinder, sondern "Vorsorge" fürs Leben.
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