15.02.2012, 12:06 Uhr | sca; ots
Viele Medikamente, die Kinder verschrieben bekommen, sind nicht für sie zugelassen. (Bild: Imago)
Die Folgen können enorm sein - von Qualen durch falsche Schmerzmittel bis zu Schädigungen des Organismus: Regelmäßig werden Kinder in Deutschland mit Medikamenten behandelt, die gar nicht für sie zugelassen sind, berichtete das Magazin "Healthy Living" in der Juni-Ausgabe 2009. Kaum vorstellbar in einem medizinisch - scheinbar - gut versorgten und reichen Industriestaat wie Deutschland: Es gibt viel zu wenig Medikamente für Kinder. Die Folge: der sogenannte "Off-label-Use". Das heißt, Ärzte sind gezwungen erkrankten Kindern Medikamente zu verschreiben, die nicht für sie gedacht sind. Nicht selten verschreiben Ärzte Kindern Medikamente ohne geeignete Zulassung. Es zeigt sich, dass gerade für Kinder der Zugang zu sicheren medikamentösen Therapien stark beschränkt ist.
Die Zahlen sind gigantisch. Im Jahr 2008 wurden in der Bundesrepublik rund 9,5 Millionen Kindern unter 15 Jahren etwa 1,3 Milliarden rezeptpflichtige Tagesdosierungen an Medikamenten verschrieben. Und der Bedarf wird weiter bestehen, denn nach einer aktuellen Umfrage der DAK sind mehr als ein Viertel der deutschen Kinder chronisch krank.
Was viele Eltern nicht wissen: Ein großer Teil der verschriebenen Medikamente ist für ihre Töchter und Söhne gar nicht zugelassen. Eine neue Studie im Auftrag der Gmünder Ersatzkasse hat die Verschreibungspraxis für rund 1,4 Millionen Arzneimittelpackungen untersucht und kommt zu diesen alarmierenden Ergebnissen: Von den Medikamenten, die bei Säuglingen zur Anwendung kamen, waren nur 80 Prozent für sie zugelassen, bei Neugeborenen sogar nur circa 40 Prozent. Insgesamt hatten 16 Prozent der verschriebenen Arzneien keine Zulassung für Kinder.
Der Mediziner Prof. Hannsjörg Seyberth erklärt in HEALTHY LIVING, welche dramatischen Folgen diese Praxis haben kann: "Kinder haben einen besonderen Stoffwechsel, ihre Verdauungs- und Entgiftungsorgane und ihr Hormonhaushalt verarbeiten medizinische Wirkstoffe ganz anders als die von Erwachsenen. Daher können Medikamente, die von Erwachsenen gut vertragen werden, bei Kindern katastrophale Schäden hervorrufen. Einige Antibiotika haben bei Kindern zum Tod durch Kreislaufversagen geführt, bei bestimmten Mitteln können Krämpfe und Atemlähmungen auftreten. Und hinzu kommen noch schwer einzuschätzende Spätfolgen."
Dass viele Medikamente nur für Erwachsene zugelassen sind, hat übrigens den Grund, dass Hersteller über Jahre keine Zulassung für Kinder beantragt haben - ihnen war das Prozedere zu teuer. Zum Glück ist eine Besserung dieser unerträglichen Situation in Sicht: Vor gut zwei Jahren setzte die Europäische Union eine Richtlinie in Kraft, nach der jedes neue Medikament auch für Kinder zugelassen werden muss. Hersteller müssen für alle neuen Produkte die sichere Anwendung an Kindern durch Studien belegen.
Mehr als 50 Mittel haben seitdem eine Zulassung für Kinder erhalten oder wurden in ihrem Altersbereich erweitert. Gleichzeitig laufen Zulassungsverfahren für etwa 300 Medikamente, die schon im Gebrauch sind. Und: Jedem Antrag ist eine Kinderstudie beigefügt.
Quelle: t-online.de
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