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Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom: Expertengespräch zu ADS

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Expertengespräch zu ADS

07.11.2008, 15:43 Uhr | ruf

Christine Falk-Frühbrodt, M.A. ist Erziehungswissenschaftlerin, Psychologin und Leiterin des IFLW - Institut für integratives Lernen und Weiterbildung. Sie ist seit 1994 auf das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADS/ADHS) spezialisiert und hat das "Elterntraining bei ADS/ADHS“ entwickelt. Kids sprach mit ihr über ADS und die damit verbundenen Probleme.

Eltern-Redaktion:ADS scheint zu einer Volkskrankheit zu werden, doch die Zahl der Fehldiagnosen ist hoch. Was raten Sie Eltern, die den Verdacht hegen, ihr Kind könnte an ADS leiden?

Christine Falk-Frühbrodt: Die Zahl der ADS-Diagnosen ist hoch, weil die Diagnose-Kriterien so allgemein gefasst sind, dass sehr viele Kinder darunter fallen. Für sich genommen sind Bewegungsfreude, Impulsivität, Lautstärke und gelegentlicher Unfug völlig normale kindliche Verhaltensweisen, die weder einer Diagnostik noch einer Therapie bedürfen: Michel aus Lönneberga und Pippi Langstrumpf waren schließlich auch nicht krank. Erleben Eltern aber Schwierigkeiten im Umgang mit ihrem Kind, die sie aus eigener Kraft nicht bewältigen können, sollten sie sich an eine Erziehungs- und Familienberatungsstelle wenden oder ein professionell angeleitetes Elterntraining besuchen. Liegen die Auffälligkeiten eher im Bereich der Konzentration, der Wahrnehmung oder im körperlichen Befinden, ist eine Abklärung beim Kinderarzt erforderlich. Er kann erste Tests durchführen und an Spezialisten überweisen.

Eltern-Redaktion:Was passiert in der Diagnostik und wie geht es danach weiter?

Christine Falk-Frühbrodt: Wichtig ist eine ausführliche Diagnostik, in der die Stärken und Schwächen des Kindes, seine Lebensgeschichte, sein familiäres Umfeld und sein Verhalten in unterschiedlichen Situationen in den Blick genommen werden. Eine ärztliche Untersuchung ist auch wichtig, weil ADS-Symptome körperliche Ursachen haben können. Das gilt beispielsweise für die Hyperaktivität: Manche Kinder zappeln, weil sie bestimmte Nahrungsmittel nicht vertragen oder aufgrund von Hauterkrankungen unter Juckreiz leiden. Wesentliche Ziele einer ADS-Diagnostik sollten ein Kennenlernen des Kindes sein und Antworten auf die Frage, warum das Kind dieses Verhalten zeigt und was es benötigt, um mit sich und seiner Umwelt besser klar zu kommen. Daraus ergeben sich bei jedem Kind etwas anders aussehende therapeutische Schritte. Eine ADS-Therapie ist idealerweise multimodal, das heißt aus verschiedenen Bausteinen bestehend, zum Beispiel Beratung der Eltern und Lehrer, Ergotherapie, Verhaltenstherapie oder Lerntherapie.

Eltern-Redaktion:Was sagen Sie zu der recht umstrittenen Behandlung mit Medikamenten?

Christine Falk-Frühbrodt: Ob Medikamente zur Behandlung von ADS-Symptomen sinnvoll sind, muss stets im Einzelfall entschieden werden. Vielfach helfen ein Elterntraining, eine psychotherapeutische Begleitung und im Falle von Lernschwierigkeiten eine Lerntherapie für das Kind so viel weiter, dass sich die Frage nach einer medikamentösen Behandlung nicht mehr stellt. Medikamente stellen keine dauerhafte Lösung dar und können den Blick auf psychosoziale Ursachen verdecken. Wenn ein Kind auffälliges Verhalten zeigt, will es uns etwas auf seine Art sagen. Vielleicht benötigt es mehr Ruhe, Anregung oder Zuwendung, einen geregelteren Tagesablauf oder weniger Fernsehen und Computerspiele. Aufgabe von uns Erwachsenen ist es, diese Botschaften zu entschlüsseln und dem Kind zu geben, was es für seine Entwicklung benötigt. Das ist der mühsamere, aber bessere Weg.

Eltern-Redaktion:Was sollten Eltern tun, wenn das Kind eine ADS-Diagnose hat?

Christine Falk-Frühbrodt: Mama und Papa sind wichtiger als jeder Therapeut. Das gilt auch für Eltern, die das Gefühl haben, vieles falsch gemacht zu haben. Ein wesentlicher erster Schritt ist die Erkenntnis, dass das Kind nicht boshaft handelt: Jedes Kind möchte seinen Eltern Freude machen, Erfolg haben und sich zugehörig fühlen können. Wenn das nicht gelingt, leiden das Kind und seine Eltern gleichermaßen. Kinder mit ADS brauchen die Gewissheit, dass sie die Liebe und Anerkennung ihrer Eltern nie verlieren können. Gleichzeitig benötigten sie Eltern, die nicht zu viel Mitleid und Verständnis zeigen und mit Geduld, Optimismus und Ausdauer den richtigen Weg zeigen. Erwachsene im Umfeld von Kindern mit ADS müssen wie Trüffelschweine sein, die das Gute im Kind suchen, ans Licht bringen und freudig begrüßen. So kann auch das Kind erkennen, was es gut kann und künftig häufiger zeigen sollte.

Eltern-Redaktion:Wo sollte man bei Kindern mit ADS eine Grenze ziehen? Welches Verhalten ist nicht mehr akzeptabel?

Christine Falk-Frühbrodt: Eltern müssen handeln, wenn das ADS-Kind mit seinem Verhalten sich selbst oder andere verletzt oder in Gefahr bringt. Wichtig ist, dass Eltern dabei klar und liebevoll vorgehen. Das Kind muss spüren, dass es als Mensch angenommen und geschätzt wird. Gleichzeitig muss ihm deutlich werden, dass es sich mit seinem Verhalten Nachteile einhandelt. Eltern, die ihren Kindern das erwünschte Verhalten vorleben und Bemühungen mit Lob und Anerkennung verstärken, handeln aus heutiger Sicht richtig. Früher dachte man, dass Kinder besser werden, wenn man ihnen ihre Schlechtigkeit vor Augen führt. Das stimmt aber nicht: Kritik und Strafe entmutigen und wirken einem gesunden Selbstwertgefühl entgegen. Das gilt insbesondere für Kinder mit ADS, die selten Zuspruch erfahren.

Eltern-Redaktion:Gibt es Dinge, die man bei Kindern mit ADS auf jeden Fall vermeiden sollte?

Christine Falk-Frühbrodt: Ich rate davon ab, einem Kind mit ADS-Diagnose zu sagen, dass es aufgrund des ADS zu bestimmten Verhaltensweisen nicht in der Lage sei. Damit fördert man die Schwächen des Kindes, weil es seine Bemühungen reduziert oder gar einstellt. Kinder mit ADS benötigen in vielen Bereichen, zum Beispiel beim Lernen, sehr viel mehr Übung. Wer nicht davon überzeugt ist, dass seine Anstrengungen zum Erfolg führen können, wird sich nicht mehr anstrengen und am Ende tatsächlich erfolglos bleiben. Dieses Phänomen nennen Psychologen eine sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Schädlich sind auch negative Etikettierungen wie „tollpatschig“, „frech“ oder „faul“: Wer sein Kind so nennt, fördert genau dieses Verhalten.

Eltern-Redaktion: Wie hoch sind die Heilungschancen bei ADS?

Christine Falk-Frühbrodt: ADS ist aus meiner Sicht keine Krankheit, sondern eine andere Art, die zu Welt sehen, zu denken und zu handeln. Erfahren Betroffene immerzu Ablehnung seitens ihres sozialen Umfelds, kann aber ein Leidensdruck mit Krankheitswert entstehen. Ich bin davon überzeugt, dass jeder ADS-Betroffene glücklich werden kann, wenn er seinen Platz im Leben findet. Bei Kindern ist dafür Rückhalt durch die Eltern von großer Bedeutung, in der Pubertät werden Gleichaltrige wichtiger und im Erwachsenenalter können die richtigen beruflichen Aufgaben einem Menschen mit ADS große Erfolge ermöglichen: Kreativität, Individualität und Mut prädestinieren geradezu für Aufgaben in der Kunst, Politik und im Vertrieb. ADS sollte viel öfter als Chance begriffen, statt als Krankheit bekämpft werden.


Quelle: t-online.de

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