01.06.2011, 11:59 Uhr
Typisch für Neurodermitits sind runde entzündliche Hautpartien. (Foto: dpa-tmn) (Quelle: dpa)
Die Diagnose Neurodermitis ist für viele Eltern erst einmal ein Schock. Aber in gewisser Weise auch eine Erleichterung, weil sie nun wissen, warum ihr Baby sich kratzt und so unruhig ist. Wichtiger noch: Die Hauterkrankung ist mit guten Erfolgsaussichten behandelbar.
Das Baby kratzt sich, weint und ist unruhig. Die Haut ist trocken, schuppig oder blutig. An ruhige Nächte ist nicht mehr zu denken. "Neurodermitis ist eine sehr große Belastung für Familien", sagt Rüdiger Szczepanski von der Gesellschaft für Pädiatrische Allergologie und Umweltmedizin (GPA). Und die beginnt oft sehr früh: "Fast 80 Prozent aller Neurodermitiserkrankungen beginnen in den ersten zwei Lebensjahren." Schätzungen zufolge seien in Industrieländern bereits zehn bis 15 Prozent aller Kinder und Jugendlichen betroffen, sagt Szczepanski, der auch am Kinderhospital in Osnabrück als Kinderarzt tätig ist.
Hinter der Neurodermitis, auch atopisches Ekzem oder atopische Dermatitis genannt, steht eine chronisch-entzündliche Hauterkrankung, die in Schüben verläuft und mit starkem Juckreiz verbunden ist. "Bei Babys zeigen sich erste Entzündungsherde häufig im Gesicht und an Bauch oder Rücken", sagt der Kinderarzt Peter Thilemann aus München.
Typisch seien rundliche trockene oder manchmal auch nässende Ekzeme, die in ihrer Stärke und Intensität sehr individuell ausgeprägt sind und in schweren Verläufen große Teile des ganzen Körpers betreffen können. "Neurodermitis ist nicht kurzfristig heilbar, aber mit guten Erfolgsaussichten behandelbar", sagt Thilemann.
Die Ursachen für die Hauterkrankung sind vielfältig. Hintergrund ist oft eine genetische Veranlagung, überdurchschnittlich häufig sind Kinder von Allergikern betroffen. Genmutationen, die vererbt werden können, verändern die Schutzbarriere der Haut, sie ist anfälliger für Umwelteinflüsse. "Die Haut produziert geringere Mengen des Filaggrin-Proteins, eines wichtigen Bestandteils der Hautbarriere", erklärt Szczepanski.
Doch nicht bei jedem Kind, das familiär vorbelastet ist, bricht die Neurodermitis aus. Es ist ein individuelles und komplexes Wechselspiel zwischen Genetik, Umwelteinflüssen und immunologischen Veränderungen. Hans Bisgaard, Professor an der Universität in Kopenhagen, hat die Wechselwirkung von Umwelt und Genen bei Kindern mit Filaggrin-Mutation in einer Studie untersucht. Dabei stellte er fest, dass besonders das Aufwachsen mit einer Katze im Haushalt das Ausbruchsrisiko der Erkrankung erhöht, während Hunde tendenziell eher vorbeugend wirken.
Ist das eigene Kind betroffen, wünschen Eltern natürlich, dass die Erkrankung so schnell wie möglich wieder verschwindet. Thilemann kennt den Leidensdruck, warnt aber vor Übereifer: "Neurodermitis kann nicht von heute auf morgen geheilt werden." In der Regel dauere eine Behandlung zwei bis drei Jahre, bei vielen Kindern kommt es im Vorschulalter zu einer Spontanheilung: "Oft bleiben aber auch leichte Ekzeme bestehen, die erst im Schul- und Jugendalter allmählich abklingen." Bei einer guten Therapie können die Kinder damit aber weitgehend beschwerdefrei leben.
Um dieses Ziel zu erreichen, gilt es, den richtigen Arzt zu finden. "Im Idealfall sollte dies ein Kinder- oder Hautarzt mit allergologischer Zusatzausbildung sein", empfiehlt Szczepanski. Auch wenn immer individuell geschaut werden müsse, hat sich als Behandlungsrahmen ein Stufenplan nach Schweregrad als erfolgsversprechend erwiesen. Bei leichten Entzündungsherden wird mit pflegenden und rückfettenden Salben auf Glycerin- oder Harnstoffbasis gearbeitet. "Kommt es zu schubweisen Verschlechterungen, kann mit Zinkpräparaten oder juckzreizstillenden Mitteln ergänzt werden", sagt Szczepanski. "Bei Babys und Kleinkindern sind auch rückfettende Ölbäder oder fett-feuchte Wickel sehr entlastend", ergänzt Thilemann.
Bei schweren Verläufen sei Kortison zu empfehlen, auch wenn viele Eltern diesem Wirkstoff sehr skeptisch gegenüber stehen. "Es ist aber wichtig, einmal den Teufelskreis zwischen Entzündung und Juckreiz zu brechen", erklärt Szczepanski. "Mittlerweile gibt es sehr niedrig dosierte Kortisonsalben, die kaum Nebenwirkungen haben."
Für die Aufklärung über das Krankheitsbild und die Therapie empfehlen beide Ärzte den Besuch einer speziellen Elternschulung, wie sie mittlerweile bundesweit angeboten wird. Informationen dieser von der Berliner Charité betreuten Arbeitsgemeinschaft finden Eltern im Internet unter www.neurodermitisschulung.de.
Wenn das Baby Neurodermitis bekommt, befürchten viele stillende Mütter, dass die Ursache in der eigenen Ernährung liegt. Der Kinderarzt Peter Thilemann rät aber dringend davon ab, auf Verdacht abzustillen. Gerade das Stillen in den ersten vier bis sechs Lebensmonaten sei eine wichtige Unterstützung des noch unreifen kindlichen Immunsystems.
Ratgeber Gesundheit - Neurodermitis: Was Sie selbst tun können
Quelle: dpa-tmn
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