22.06.2011, 11:51 Uhr | sca
Ein Arzt sollte zuerst organische Ursachen ausschließen. (Foto: imago)
Die Eltern-Redaktion von t-online.de hat mit einer Mutter gesprochen, deren Sohn erst mit elf Jahren gelernt hat, seine Blase auch nachts zu kontrollieren. Britta, 39 Jahre alt, berichtet von ihren Erfahrungen mit dem Bettnässen bei ihrem Sohn Niklas, heute zwölf Jahre alt. Er hat noch eine Schwester, heute drei Jahre alt.
Tagsüber war er mit zweieinhalb Jahren trocken, nachts hat er es erst kurz vor seinem elftem Geburtstag gelernt. Da ich von den Kinderärzten gefragt wurde und immer wieder gesagt wird, das nächtliche Einnässen hänge mit zu früh erzwungenem Trockenwerden zusammen - der Wunsch, tagsüber ohne Windel zu gehen, kam von meinem Sohn. Er hatte in einem Buch gesehen, wie ein Junge an einen Baum gepinkelt hat und wollte es nachmachen. Als ich ihm sagte, dass ginge erst, wenn er keine Windel mehr trägt, hat er am nächsten Tag entschieden, ohne zu gehen.
Ich glaube, die Heilung ist einfach mit dem Älterwerden gekommen. Nach allem, was die Ärzte uns gesagt hatten, war der Reifungsprozess bei ihm verzögert, der ihn nachts aufwachen ließ. Er hat schon immer extrem tief geschlafen, schon als Baby konnte ihn nachts eigentlich nichts aufwecken. Wir konnten immer Licht anmachen, Krach machen und so weiter, das ganze Zimmer hätte man umbauen können. Das hat sich erst spät immer mehr verwachsen.
Eltern-Redaktion: Wann haben Sie das erste Mal gedacht, dass er jetzt aber mal trocken werden könnte?
Das war kurz nach seinem fünften Geburtstag. Ich hatte in einer Zeitschrift gelesen, dass man in diesem Alter einen Arzt aufsuchen sollte.
Eltern-Redaktion: Welche Therapien haben Sie versucht?
Ach, so ziemlich alles, was es gibt. Als unser Sohn gerade fünf Jahre alt war, haben wir einen Sonnen-Wolken-Kalender gemalt.
Dann haben wir versucht, ihn nachts zu wecken, um ihn auf die Toilette zu setzen. Das war fast unmöglich, weil er ja so tief geschlafen hat. Wir haben ihn gerüttelt und geschüttelt, aber das hat nichts gebracht. Als er sieben oder acht Jahre alt war, haben wir es mit einer Klingelhose probiert. Aber auch die hat ihn nicht wirklich wach bekommen. Es gab zwar kleine Erfolge, aber insgesamt war es sehr anstrengend für alle Beteiligten und meistens waren alle wach, bis auf unseren großen Sohn. Und wir haben ihn wieder gerüttelt und geschüttelt. Vielleicht waren wir auch nicht immer konsequent genug. Denn die Behandlung darf für eine gewisse Zeit nicht unterbrochen werden.Wenn aber Besuch ansteht oder die Familie ein Wochenende wegfahren möchte, ist das schwierig. Vor einer Klassenfahrt haben wir es dann sogar mit Hormontabletten versucht, weil wir natürlich in Sorge waren, dass er von seinen Klassenkameraden geärgert werden könnte und es ihm selber die Freude an der Fahrt nimmt. Wir hatten aber ein sehr schlechtes Gefühl dabei, weil die Liste möglicher Nebenwirkungen sehr lang war. Gebracht hat es gar nichts und wir haben schnell wieder damit aufgehört. Als Niklas neun oder zehn Jahre alt war, haben wir einen Homöopathen aufgesucht, der unseren Sohn sehr eingehend befragt hat. Seine Behandlung hat den größten Erfolg gebracht - zwei Monate am Stück ohne nasses Bett. Außerdem hat der Homöopath unserem Sohn erzählt, dass er selber bis zu seinem elften Lebensjahr damit Probleme hatte.
Viele Leute hatten tausend gute Tipps auf Lager von "der will halt nicht“ oder "gib ihm abends einfach nichts zu trinken, dann wird das schon". Als wir dann die Therapien versucht haben, wussten es auch oft alle besser. Aber es gab auch Mütter, die sehr gut reagiert haben und ihn in keine Schublade gepackt haben.
Ich habe später immer genau überlegt, wo ich ihn übernachten ließ. Manchen Eltern, bei denen ich mit Verständnis gerecht habe, habe ich einfach erzählt, was los ist. Da gab's keine Probleme und das fand ich immer toll. Bei anderen Familien habe ich meinem Sohn das Übernachten ausgeredet und später, als er älter war, auch erklärt warum. Es waren einfach Familien, die nach meinem Gefühl nicht damit hätten umgehen können. Den Eltern habe ich erzählt, unser Sohn sei halt kein "Übernachter", aber das andere Kind könne gerne bei uns übernachten. Wenn andere Kinder bei uns übernachtet haben, habe ich ihn immer zweimal in der Nacht geweckt - aber oft hat es dann trotzdem nicht geklappt.
Am Anfang war ich total irritiert, weil ich noch nie gehört habe, dass es Probleme beim nachts Trockenwerden geben kann. Als ich dann kurz nach seinem fünften Geburtstag gelesen hatte, dass man in dem Alter mit einer Behandlung anfangen muss, bin ich zum Kinderarzt gegangen. Der hat sich erstmal richtig lustig gemacht, nach dem Motto ich wäre eine hysterische Mutter. Zwischendurch haben wir uns ganz schön Stress gemacht und phasenweise haben mich die Wäscheberge und der Geruch ganz schön gestört. Bestimmt konnte ich das nicht immer vor unserem Sohn verbergen. Aber wir haben ihn auch immer getröstet, dass er viele andere Stärken hätte, ein guter Schüler sei und er es irgendwann lernen werde. Je älter er wurde, desto mehr haben wir gelernt, es zu akzeptieren und einfach abzuwarten. Jetzt ist Niklas kein Tiefschläfer mehr, er wacht auf bei lauteren Geräuschen und auch, wenn nachts seine Blase voll ist.
Ja, das wollten wir ihm auf keinen Fall vorenthalten. Wir haben vor allen Klassenfahrten, als er sechs, sieben und neun Jahre alt war, mit der Lehrerin gesprochen und sehr, sehr gute Erfahrungen gemacht. Alle drei Lehrerinnen haben toll reagiert und uns super unterstützt. Auf der letzten Klassenfahrt hat die Lehrerin mit uns vereinbart, Niklas morgens als ersten zu wecken und per Handzeichen zu fragen, ob es geklappt hat oder nicht. An einem Morgen hat es nicht geklappt, und unser Sohn hat es trotz aller Absprachen nicht mit der Lehrerin besprochen. Es war ihm wohl einfach zu peinlich. Er hat das Bett dann heimlich selber mit neuer Bettwäsche aus der Jugendherberge bezogen. Den Stress, nicht von anderen dabei entdeckt zu werden, stelle ich mir lieber nicht vor. Bei der letzten Klassenfahrt in der fünften Klasse haben wir nicht mal mit dem Klassenlehrer gesprochen und unser Sohn hat wohl gewusst, dass er es schaffen würde.
Die Eltern-Redaktion von t-online.de dankt für das Interview.
Interview I: "Druck ist der falsche Weg"
Die Namen der Mutter und der Kinder wurden von der Redaktion geändert.
Quelle: t-online.de
Ella schrieb:
am 25. April 2012 um 17:25:44
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Ablenken von sich selbst
das ist die einzige Erklärung für die, die auch noch gute Ratschläge erteilen. Das macht nur jemand, der keine
Ahnung hat. Die solche Situationen nicht selbst miterlebt haben, können nicht mitreden. Statt kluge Ratschläge zu erteilen und sich lustig machen, sollten sie lieber die Klappe halten und froh sein, dass sie nicht selbst betroffen sind. Sich in anderer Leute Lage zu versetzen kann eben nicht jeder. Und sich die kleine heile Welt zurechtzulügen ist bestimmt viel praktischer.
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lula schrieb:
am 30. März 2012 um 18:03:28
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oje
Oje, das muss schon schlimm sein als Mutter wenn andere dann so blöd reagieren und so blöde Tipps geben... Und erst als die Person, die
das Problem hat, ich möchte mir den Stress lieber nicht vorstellen, den man hat, wenn man das immer verstecken muss! Aber ich finde: Hut ab vor den Eltern, die das hier erzählt haben, wie sie diese Situation gemeistert haben! Echt klasse! Und dass sie vor der Redaktion so offen waren find ich echt bemerkenswert!
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