03.06.2011, 10:42 Uhr | Simone Blaß
Pro und Contra Einheitsschule: Wie lange dürfen sie gemeinsame lernen? (Foto: imago)
16 Bundesländer, nicht ganz 40.000 Schulen - da kann es schon mal unübersichtlich werden. Vor allem, weil die Kulturhoheit und damit auch die Zuständigkeit für Schul- und Hochschulwesen bei den Ländern liegt. Das heißt, das Schulsystem ist nicht durch das Grundgesetz geregelt. Es gibt zwar ein bundesweit gültiges Grundgerüst, aber die einzelnen Elemente werden ziemlich unterschiedlich gestaltet und benannt. Ein Trend allerdings zeichnet sich ganz deutlich ab: Deutschland schielt nach Skandinavien und schafft Schulen, in denen die Kinder länger gemeinsam lernen können. Nicht immer zur Freude aller. Wir haben Pro und Contra der Einheitsschule zusammengetragen und geben Ihnen einen Überblick über die zahlreichen Schulformen in Deutschland: Chaos oder Vielfalt?
Dank der Föderalismusreform gleicht das deutsche Bildungssystem einem Flickenteppich. Allein ein Umzug von einem Bundesland ins andere mit Kindern, die bereits über das Grundschulalter hinaus sind, stellt Familien oft vor große Probleme. Wirft man einen Blick in skandinavische Länder, dann scheint die Lösung sich regelrecht aufzudrängen. Als Paradebeispiel wird immer wieder Finnland genannt. Dort besuchen alle Kinder gemeinsam neun Jahre lang den allgemeinbildenden grundlegenden Unterricht. Das äußerst erfolgreiche finnische Bildungssystem basiert also, sehr vereinfacht gesagt, auf dem Prinzip der Einheitsschule. Wenn man genauer hinsieht, hat es sicher auch etwas mit kleineren Klassen, mehreren Lehrern pro Klasse, einem getrennten Unterricht von Leistungsgruppen, gezielter Einzelförderung, verstärkter Projektarbeit statt Frontalunterricht, Ganztagsschulen und einer Organisations-Entlastung der Lehrer zu tun. Eine lange Liste nicht ganz unwichtiger Punkte.
Die Gesamtschule, die allerdings noch nicht flächendeckend angeboten wird, gilt in Deutschland als die Alternative zum dreigliedrigen Schulsystem. Wobei hier zwischen der integrierten und der kooperativen Gesamtschule ein gewaltiger Unterschied besteht. Allgemein kann man sagen: Die drei herkömmlichen Schulformen - Hauptschule, Realschule und Gymnasium - werden miteinander kombiniert. Eine endgültige Entscheidung muss nicht bereits nach der vierten Klasse getroffen werden. Die Schüler bilden entsprechend ihrer Neigungen und ihrer Leistungsfähigkeit ihre Schwerpunkte. Nach der zehnten Klasse haben sie die Möglichkeit, die Allgemeine Hochschulreife zu erwerben.
Befürworter der Gesamtschule sind der Ansicht, unterschiedliche Leistungsstufen könnten so besser und vor allem differenzierter gefördert werden. Ein gemeinsames längeres Lernen soll für mehr Chancengleichheit sorgen. So hätten die Schulen zum Beispiel nicht die Möglichkeit, ein lernschwaches Kind nach ein paar Jahren mal schnell an den Nächsten weiterzureichen. Soziale Gerechtigkeit steht hier auf Punkt eins der Argumenten-Liste. Die Befürworter dieses Konzepts, das bereits in den 70er-Jahren bei uns eingeführt wurde, weisen immer wieder darauf hin, dass nicht nur die Schwächeren von den Stärkeren profitieren können, sondern auch umgekehrt. Schließlich lernt man am meisten und dauerhaftesten, indem man erklärt und wiederholt.
Das Gegenargument liegt hier auf der Hand: Es könnten auch die einen über- und die anderen unterfordert sein. Das hängt stark vom Potenzial der entsprechenden Lehrkräfte ab. Ganz klar ist: Es besteht ein größerer Bedarf an pädagogischer und didaktischer Kompetenz. Und da wird es schwierig.
Kritiker verweisen immer wieder darauf, dass der einzelne Schüler lang nicht so gut seiner Begabung entsprechend gefördert werden kann. Ganztagsangebote sind bei uns häufig nicht mehr als nachmittägliche Betreuung und die Angst, dass sich die Bildungsqualität weiter verschlechtert, ist groß. Von "Gleichmacherei" ist die Rede. Und vom so genannten "Creaming-Effekt", der besagt, dass die Gesamtschule eher ein Auffangbecken sei für schwächere Schüler. Denn die Eltern der besseren Kinder tendieren nach wie vor dazu, ihren Nachwuchs auf ein Gymnasium zu schicken.
Wenn es darum geht, die Schulen nach der Grundschule zusammenzulegen, dann steht häufig das Argument des "Schulsterbens", vor allem in ländlicheren Gegenden, auf Punkt eins der Tagesordnung. Man kann sagen, dass die Gesamtschule derzeit die am stärksten diskutierte Schulform ist.
Hier kommt eine weitere, in Deutschland immer häufiger genutzte Möglichkeit ins Spiel: die Gemeinschaftsschule. Der entscheidende Unterschied zur Gesamtschule ist der, dass sich die einzelnen Schulen vor Ort der demografischen Situation entsprechend verändern können. Das heißt, die Gemeinschaftsschule ist eine Alternative zum bestehenden Schulsystem. Denn gerade für kleinere Gemeinden ist der herkömmliche Bildungsweg nicht mehr zu finanzieren.
Die wohl am häufigsten gewählte Lösung: ein Bestehenbleiben des Gymnasiums und ein Zusammenlegen von Real- und Hauptschule. Das liegt vor allem daran, dass das Interesse, das Gymnasium als solches zu erhalten, in Deutschland relativ hoch ist. Und daran, dass vor allem Hauptschulen keinen guten Ruf mehr haben und damit von einem ziemlichen Schwund betroffen sind.
Es gilt nun, tragfähige Kompromisse zu finden, die Bestand haben und Verlässlichkeit bieten. Damit Eltern nicht mehr befürchten müssen, dass die Bildungspolitik an den Bedürfnissen ihrer Kinder vorbeiregiert. Denn eines hat Hamburg ganz deutlich gezeigt: Schulpolitische Verordnungen von oben - ohne demokratischen Prozess - sind nicht mehr zeitgemäß und vor allem auch nicht mehr erwünscht.
Bildungspolitiker stehen heutzutage vor einigen Problemen. So wie es ist, kann es nicht bleiben. Doch Reformen, vor allem im Bildungssystem, brauchen viel Zeit. Und verlässliche Rahmenbedingungen. Hinzu kommt: Die Erfahrungen der Eltern mit Reformen im Schulbereich sind nicht die besten und schrecken so manchen ab. Allein das G8, also die Verkürzung der Gymnasialzeit von neun auf acht Jahre, steckt vielen noch in den Knochen. Manchmal fehlt der Mut zur Reform, meist aber eher das Vertrauen in die Verantwortlichen, diese auch wohlüberlegt umsetzen zu können. Und nicht zu Ungunsten der Schülerinnen und Schüler und damit im weiteren Sinne auch der Eltern.
Gerade Eltern von Grundschulabgängern stehen bei ihrer Entscheidung für die Zukunft des Kindes in Deutschland oft völlig verlassen da: Gymnasium, Realschule, Hauptschule mit oder ohne M-Zweig, Gesamtschulen, Mittelschulen, Stadtteilschulen, Regionalschulen, Privatschulen … Und dann auch noch die immer wieder in den Raum geworfene Frage nach einer längeren gemeinsamen Grundschulzeit. Der Primarschule, wie man sie zum Beispiel aus der Schweiz kennt.
Warum sich Hamburgs Eltern bei dem Volksentscheid im vergangenen Jahr dagegen entschieden haben, kann man nur vermuten. Aber man geht davon aus, dass es der Politik nicht gelungen ist, sozial schwächere Stadtteile zu motivieren. Und dafür umso mehr Menschen ihre Stimme abgegeben haben, die befürchten, dass begabte oder zumindest von zuhause aus gut geförderte Kinder durch das längere gemeinsame Lernen ausgebremst werden könnten. Die genannten Vorteile, wie langfristiger sozioökonomischer Nutzen, keine zu frühe Auslese oder auch die Chance auf mehr Integration, fanden nicht wirklich Gehör.
Bildung ist eines der entscheidenden Wahlthemen geworden und damit eine echte Herausforderung für die Politik. Denn zu großer Leistungsdruck ohne Freizeitausgleich, Unsummen für Nachhilfe, zu viele Schüler ohne Abschluss und ein Bildungssystem, in dem sozial schwächere beziehungsweise bildungsferne Familien oder solche mit Migrationshintergrund von vornherein weniger Chancen haben, entwickeln sich langsam aber sicher zu einem nicht mehr wegzuleugnendem gesellschaftlichen Problem.
Quelle: t-online.de
LENA schrieb:
am 18. Februar 2012 um 14:28:21
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DER BERICHT IST GUT UND SEHR TREFFEND !
1. haben wir zuviele versch. Schulformen, dann sollte auf jeden Fall länger zus. gelernt werden (
bis einschl. 6 Klasse ) und ALLE HAUPTSCHULEN ABSCHAFFEN, auch müssen die Lernpläne an Schulen ( Hauptschule ganz besonders wichtig ) attraktiver und kreativer werden, mehr Teamarbeit ist auch gefragt, warum finden wohl sehr viele Schüler die Schule langweilig ???? Das muss die Politik, Experten und Schulministerien sich mal fragen ! Muss auch der Schreiberin FRANZI recht geben, denn diese Bundeslä
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Mutter schrieb:
am 25. August 2011 um 09:31:19
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Hauptschule ist nötig
Die Hauptschule als praxisorientierter Bildungsgang für Menschen, deren Fähigkeiten eben nicht in der Abstraktion
liegen, ist absolut nötig in der Bildungslandschaft. Wenn die Hauptschule von denen befreit würde, die nicht wollen, könnten die anderen so beschult werden, dass sich jeder Handwerksbetrieb um fleißige, motivierte Azubis aus diesem Kreis reissen würde. Ich weiß was ich sage, wir haben eine Schlosserei.
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platon schrieb:
am 16. August 2011 um 13:29:43
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Schule
nein, die Einheitsschule ist nicht die Lösung sondern nur eine Verschleierungstaktik, damit Dummheit nicht so auffällt. In Schweden
hat jeder Abitur. Es gibt da Abitur A B C D. und Abi D ist vergleichbar mit einem schlechten Hauptschüler. Aber hauptsache man hat Abitur, ha, ha, ha.
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