23.08.2011, 09:43 Uhr | Simone Blaß
Wunde sauber halten ist das Wichtigste. Danach entweder Verband oder luftdurchlässiges Pflaster benutzen.
Eine Verletzung, von der eindeutig ein roter Strich in Richtung Herz geht? Ganz klar, hier handelt es sich um eine Blutvergiftung! Denkt man. Doch so einfach ist es nicht. Die Sepsis, wie sie in der Fachsprache heißt, zeigt sich nicht so leicht. In über 98 Prozent aller Fälle handelt es sich um eine Systemerkrankung. Eine Erkrankung also, die sich auf das gesamte Organsystem auswirkt. Im Anfangsstadium gleicht die Blutvergiftung vor allem bei Kindern einer Erkältung, entwickelt sich dann aber innerhalb weniger Stunden lebensbedrohlich.
Bei einer Blutvergiftung breiten sich Bakterien unerwünscht im Körper aus und produzieren dabei Gifte, die den Menschen innerhalb von Stunden töten können. Und zwar, indem Entzündungen in den Organen verursacht werden, die schlimmstenfalls zum Organversagen führen.
Wenn man sich vorstellt, dass in Deutschland rund 10.000 Kinder jährlich an der Sepsis erkranken, dann wird die Brisanz dieses Themas deutlich. Denn selbst, wenn es nicht zum Tod kommt: Auch die Schäden, die entstehen können, sind gravierend: "Die Kinder können chronische Organschäden bekommen und zwar an jedem Organ, auch dem Gehirn. Bei ganz schweren Verläufen muss manchmal sogar amputiert werden. Und das ist leider gar nicht so selten!", bedauert Dr. Michael Sasse, der leitende Oberarzt der Intensivstation an der Medizinischen Hochschule in Hannover. "Nur eine schnelle intensivmedizinische Betreuung sowie eine gleichzeitig erfolgende antibiotische Behandlung können das Schlimmste verhindern."
Allerdings muss man sagen: Die meisten Kinder, die eine Blutvergiftung bekommen, haben sich diese im Krankenhaus geholt. Gefährliche Keime, so genannte "Klinikerreger" befallen sowieso schon geschwächte Patienten. Besonders Frühgeborene und Kinder, die auf Intensivstationen liegen, sind hier gefährdet. Etwa 25 Prozent dieser kleinen Patienten bekommen dort eine Sepsis oder sind deswegen eingeliefert worden.
Doch natürlich kann man sich eine Blutvergiftung auch auf dem klassischen Weg holen. Über eine Verletzung oder eine kleine eitrige Entzündung. "Als Vater würde ich sagen, einer Blutvergiftung kann man nicht vorbeugen", meint Dr. Sasse. Was man allerdings tun kann, ist, eine Wunde und sei sie noch so klein, gleich zu desinfizieren. "Übervorsicht ist aber auch nicht angebracht. In nur zwei Prozent aller Fälle gehen die Infektionen über die Haut und verbreiten sich dann über die Venen."
Man kann sich also keineswegs darauf verlassen, dass man eine Blutvergiftung an dem berühmten Streifen, der von der Verletzung Richtung Herz geht, erkennen kann. Denn bei diesem Streifen handelt es sich in Wahrheit um eine Entzündung der Lymphgefäße, die sich allerdings schnell zu einer Sepsis entwickeln kann und ebenfalls unbedingt ärztliche Behandlung braucht. Der rote, manchmal auch bläuliche Strich ist also ein Hinweis auf eine mögliche Blutvergiftung. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Die einzige Möglichkeit, die Eltern haben, ist eine Verletzung genau zu beobachten: Wie sieht sie aus, ist sie eitrig, bildet sich ein größer werdender roter Kreis oder sieht sie irgendwie entzündet aus? In solchen Fällen sollte man unbedingt einen Fachmann einen Blick darauf werfen lassen. Und zwar möglichst zügig, denn das Immunsystem arbeitet auf Hochtouren und es kann durchaus passieren, dass sich die Erreger über Nacht im ganzen Körper verteilen.
"Eine Sepsis bei einem Kind zu erkennen ist schwierig, denn die Symptome ähneln zu Beginn stark denen einer Erkältung", erklärt der Intensivmediziner. Selbst für den Kinderarzt ist es nicht leicht, eine Blutvergiftung früh genug zu diagnostizieren. Mit teilweise schlimmen Folgen: "Da Kinder relativ wenig Kraftreserven haben, kann sich das innerhalb von wenigen Stunden, fast schlagartig, zu einer schweren und lebensbedrohlichen Krankheit ausweiten."
Wenn Eltern an ihrem Kind beobachten, dass sich das Fieber nicht mit den üblichen Mitteln senken lässt, wenn das Kind außergewöhnlich schlapp ist, kaum ansprechbar beziehungsweise verwirrt ist und Anzeichen von extremer Blässe, also mangelnder Durchblutung zeigt, das Herz rast und Atemnot auftritt, dann sollten sie so schnell wie möglich den Notarzt rufen. Eine Fahrt mit dem eigenen Auto ins nächste Krankenhaus kann erschreckenderweise schon zu lange dauern.
"Der Erfolg der Behandlung entscheidet sich ganz am Anfang. Damit keine chronischen Schäden entstehen und das Kind nicht stirbt, muss sofort mit der Therapie begonnen werden." Da die Kinder in der Regel nicht an weiteren Grunderkrankungen leiden, wird hier viel aggressiver therapiert als bei Erwachsenen. Mit dem entsprechenden Erfolg. "Wir arbeiten teilweise mit bis zu acht Ärzten und Pflegekräften gleichzeitig an einem kleinen Patienten und diese Voraussetzungen, die wir hier in Hannover haben, sind in anderen Krankenhäusern oft gar nicht gegeben."
Darum hat Dr. Michael Sasse das Kinderintensivnetzwerk zur Sepsisbehandlung gegründet. Ziel ist es, ein flächendeckend optimales Angebot anzubieten. Dazu gehört unter anderem eine mobile Einsatzgruppe, die Tag und Nacht in einem Radius von rund 200 km um Hannover herum Ärzte in anderen Kliniken unterstützt, bei Notfällen in das betreffende Krankenhaus fliegt. "Der Aufwand für das Netzwerk ist gigantisch und lebt vom Enthusiasmus. Und vom Willen, jedem Kind die gleiche Chance geben zu wollen!" In dieser Form ist das Projekt weltweit das einzige seiner Art.
"Uns ist wichtig, dass wir auf einem Level mit allen Kliniken arbeiten, unser Wissen raustragen, mehrfach im Monat Fortbildungen für Mediziner und Pfleger anbieten und so dafür sorgen, dass die Erstversorgung überall perfekt läuft. Damit können wir nicht nur die chronischen Schäden minimieren, sondern auch die Anzahl der Todesfälle." Denn in den Krankenhäusern, in denen die Ärzte auf diese speziellen Notfälle vorbereitet sind, sterben etwa zwei Prozent der Kinder. In anderen sind es bis zu zehn Prozent - ein gewaltiger Unterschied.
Quelle: t-online.de
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