02.01.2009, 10:30 Uhr | mmh
Mobbing im Netz: Kinder, die in Communities diffamiert werden, brauchen Hilfe. (Foto: Archiv)
Cyber-Bullying, Stress im Internet, Flaming: Gezielte Beleidigungen können den Betroffenen das Leben zur Hölle machen. Leider ist es inzwischen alltäglich. Aber: man kann sich wehren. Portal-Betreiber und Moderatoren können eingeschaltet werden.
Gegen Chrissi wurde auf SchülerVZ eine Gruppe gebildet. "Seitdem denkt jeder, dass ich ein Opfer bin. Ich fühle mich mies", erzählt die 15-Jährige im Chat auf Seitenstark.de. Der 13-jährige Dörni schreibt, dass seine Klasse versucht, ihn im Internet fertig zu machen. Manche lesen im Netz Gerüchte über sich, andere werden in Chats beschimpft oder gehänselt. Mobbing im Internet hat viele Gesichter. Wer ein Opfer von "Cyber-Bullying" wird, kann sich wehren - zum Beispiel, indem er Mobber an Portal-Betreiber oder Moderatoren meldet. Wichtig ist aber auch, Erwachsene direkt einzuschalten.
Dass "Cyber-Bullying" den Betroffenen das Leben zur Hölle machen kann, zeigt das Beispiel Lori Drew. Die 49-jährige Amerikanerin schlüpfte in die Rolle eines Jungen. Sie flirtete per Internet mit einer 13-Jährigen und mobbte sie dann so sehr, dass diese sich das Leben nahm. Ein Gericht soll jetzt darüber entscheiden, ob Lori Drew für ihre Tat ins Gefängnis muss. Der Fall ist drastisch, Cybermobbing aber längst alltäglich: In der JIM-Studie 2008 erklärten 25 Prozent der befragten 12- bis 19-Jährigen, dass in ihrem Bekanntenkreis schon jemand in einer Community fertig gemacht wurde. Am häufigsten verbreitet ist Flaming, also Beschimpfungen und Beleidigungen, sagt die Professorin Petra Grimm von der Hochschule für Medien in Stuttgart. Daneben kommen häufig Cyberthreats vor, Online-Drohungen, bei denen Übergriffe auf Opfer angekündigt werden. Manche Mobber übernehmen ein gefälschtes Profil, um es für Täuschungsaktionen einzusetzen - so wie Lori Drew es tat.
Wurden früher vor allem diejenigen Opfer, die anders als die Mehrheit oder weniger beliebt waren, trifft das heute nicht mehr zu, sagt Grimm. "Da die Täter beim Cyber-Mobbing anonym bleiben können, sind auch Jugendliche gefährdet, die keine typischen Opfer-Merkmale aufweisen." Heute könne es schon genügen, dass eine Freundschaft oder eine Beziehung geplatzt ist, um in der Schusslinie zu stehen. Ob man gemobbt wird oder nicht, hängt meistens von der Lust der Mobber ab, erklären auch die Experten des Portals Seitenstark.de aus Bonn. Mobbing kann also jeden treffen. Allerdings sollte man möglichst keine Angriffsflächen bieten, etwa durch ungepflegte Haare, starken Mundgeruch, schmutzige Fingernägel oder ordinäre Sprüche. Den oder die Mobber zu beleidigen sei ebenfalls tabu, sagt Kristine Kretschmer von Seitenstark.de: "Dann macht man sich nur angreifbar."
Doch was können Mobbing-Opfer tun, wenn in Communities plötzlich Lügen über sie verbreitet werden oder peinliche Fotos auftauchen? Erstmal ist es wichtig, genau zu wissen, was im Netz kursiert. Deshalb sollte man sich regelmäßig selbst googeln, um herauszufinden, wo und vor allem wie der eigene Name im Internet auftaucht, rät das ServiceBureau Jugendinformation in einem Flyer zu "Cyber-Bullying". Auch eine Bildersuche bringt manchmal Erstaunliches zutage. Mobbing-Opfer sollten alle Beweise sichern, indem sie Kopien von Bildern oder Chats speichern. Dadurch könne man belegen, was passiert ist, rät die Initiative Klicksafe.de in Ludwigshafen. Rechtlich ist die Situation so: Verbreitet ein Mobber im Internet Beleidigungen oder Unwahrheiten, können die Betroffenen einen Unterlassungsanspruch geltend machen oder Strafanzeige wegen Verleumdung stellen, erläutert die Initiative Klicksafe.de aus Ludwigshafen. Drohungen seien auch online Straftaten und sollten der Polizei gemeldet werden.
Wer in einer Social Community beschimpft wird, hat die Möglichkeit, den Mobber - den "Bully" - zu sperren. Oft gibt es einen "Ignorieren"-Button, der aktiviert werden kann. Auf keinen Fall sollte man auf die Attacken reagieren. Denn dadurch fühlten sich die Täter nur zum Weitermachen angestachelt, warnt Klicksafe.de. Werden die Gerüchte in der Community gestreut, gibt es die Möglichkeit, sich an den Betreiber zu wenden. Der Täter könne dann gesperrt werden, sagt Grimm. In Foren können Moderatoren beleidigende Inhalte löschen. Laufen auf dem Handy ständig Schmäh-SMS auf, spammen verleumderische E-Mails das Postfach zu oder landen Drohungen per Instant Messenger auf dem Rechner, kann es sinnvoll sein, sich neue Nummern oder Adressen zuzulegen, rät Klicksafe.de.
Wichtig ist aber auch Unterstützung: "Jugendliche, die Opfer von Cyber-Mobbing geworden sind, sollten unbedingt ihren Eltern davon erzählen", sagt Prof. Grimm. Sind die Täter Mitschüler, sollten die Lehrer eingeschaltet werden. "Es ist Sache der Schule, dann tätig zu werden", ergänzt Kristine Kretschmer. Macht der Klassenlehrer nichts, hilft der Vertrauenslehrer vielleicht weiter. Im schlimmsten Fall müssten die Eltern die Schulleitung einschalten. Das alles setzt voraus, dass man sich traut, über das Mobbing zu reden. "Die meisten schämen sich aber", sagt Kretschmer - und erzählen nichts. Mobbing-Opfer fühlten sich schwach, einsam und hilflos. Dann kann ein Tagebuch helfen, in das alle Vorfälle eingetragen werden. "Man hat so das Gefühl, aktiv zu werden." Ein weiterer Vorteil: Mit Hilfe des Tagebuches lässt sich gegenüber Eltern oder Lehrern das gesamte Ausmaß des Mobbings belegen.
Quelle: dpa
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