
25.08.2011, 17:13 Uhr | Julia Jüttner
Der Tod eines Kindes trifft nicht nur die Eltern - auch Geschwister haben oft zu leiden. (Quelle: imago)
Der gewaltsame Tod eines Kindes erschüttert die Familie. Im Mittelpunkt des Mitgefühls - die Eltern: Was sie wohl aushalten müssen! Wie unermesslich ihre Trauer ist! Mit welchen Gefühlen die Geschwister der Toten kämpfen, gerät da oft zur Nebensache.
Hannah ist froh, dass ihre Schwester tot ist. Endlich kann sie deren Klamotten tragen, ohne eine Standpauke zu befürchten. Den fliederfarbenen Schal mit den glitzernden Pailletten, die enge Jeans oder das geringelte Sommerkleid. Endlich kann sie deren Make-up ausprobieren und in die grünen Stiefel schlupfen.
Hannah ruft ihre Freunde an, erzählt von dem brutalen Tod ihrer Schwester. Alle freuen sich mit ihr. Gemeinsam planen sie eine Party - das muss doch gefeiert werden! Endlich ist die Schwester tot!
Dann kramt Hannah in den riesigen Fotokartons nach gemeinsamen Bildern. Sie will daraus eine Einladung zu der Feier basteln. Alle sollen wissen, dass die Schwester tot ist.
Hannah schreckt aus dem Schlaf hoch.
Immer an derselben Stelle. Meist kleben ihr dann Haarsträhnen an der verschwitzten Stirn, die Hitze staut sich unter dem Federbett. Ihre Augen brennen, als habe sie beim Träumen geweint.
Hannahs Schwester wurde getötet.
Sich im immer wiederkehrenden Alptraum über den Tod der Schwester zu freuen, der noch heute so schmerzlich und qualvoll für sie ist, erschüttert Hannah immer wieder aufs Neue. Anfangs blieb sie nach solchen Nächten einfach liegen, meldete sich krank, gab sich ihrer Trauer vollends hin. Oft zog sie nicht einmal die Rollläden hoch.
Mit Hilfe ihrer Therapeutin hat es Hannah geschafft, auch nach solchen Träumen aufzustehen, sich dem Leben zu stellen. Notfalls wie eine Maschine zu funktionieren, aber mit aller Entschlossenheit nach vorne zu blicken.
Jahre hat es gedauert, um an diesen Punkt zu gelangen. Jahre hatte es auch gedauert, bis Hannah registrierte, dass sie es ohne Hilfe nicht schaffen würde. Sie sitzt in einer Studenten-WG in Flensburg, wo sie zu Besuch bei Freunden ist. Hannah möchte ihren Namen wahren, das Gewaltverbrechen an ihrer Schwester nicht öffentlich machen. Sie hat lange gezögert, sich dem Gespräch mit Fremden zu stellen.
Simone Rönick weiß, wie viel Überwindung es die Betroffenen kostet, sich zu öffnen. Sie selbst verlor erst ihre Schwester, dann, im Alter von 37 Jahren, ihren Ehemann. Sie blieb mit vier kleinen Kindern zurück, das jüngste gerade einmal elf Monate alt.
Simone Rönick ist Trauerbegleiterin und Heilpraktikerin für Psychotherapie. Vor sechs Jahren gründete sie TrauerZeit, das Zentrum für trauernde Kinder und Familien Berlin Brandenburg.
Der Tod eines Bruders oder einer Schwester ziehe sich wie ein roter Faden durch das Leben der Geschwister, sagt Rönick. "Viele von ihnen erkennen das allerdings erst als Erwachsene." Pro Woche wenden sich zwischen vier und sechs Betroffene an TrauerZeit, suchen Rat und Begleitung. Sie kommen auf eigene Initiative oder werden von Schulen, Hospizen oder Jugendämtern vermittelt. Oft sind Kinder darunter, die Jahre nach dem Tod eines Angehörigen auffällig werden, ihrem gewohnten Alltag entgleisen.
Rönick spricht von einer "amputierten Familie", wenn Vater, Mutter oder Kind gestorben sind. Den Hinterbliebenen wurde etwas genommen, dass bisher immer da war. Sie versucht, ihnen Hilfestellung im Alltag zu geben, damit sie nicht nur funktionieren, sondern darin auch einen Sinn sehen, vielleicht sogar Lebensfreude.
Trauer sei keine Krankheit, sagt Rönick. Aber werde sie nicht behandelt, könne Trauer krank machen. Die Symptome klingen lapidar: Schlafstörungen, Übelkeit, Kopfschmerzen und Konzentrationsprobleme. Doch auch Atemnot und Herzbeschwerden können die Folge sein.
Die Schicksalswege, die folgen, ähneln sich oft: Eltern entzweien sich in ihrer Trauer, einige trennen sich. Andere werden krank oder verlieren ihren Job. Die Trauer zerstört ihr Leben. Und in ihrer Trauer vergessen sie oft die Geschwister ihres toten Kindes.
Hannahs Eltern taten nach dem Verlust erst einmal so, als sei nichts geschehen. Sie deckten zu den Mahlzeiten weiterhin für vier Personen, als sei Hannahs Schwester noch am Leben. Sie kauften Geschenke für ihren Geburtstag und zu Weihnachten, obwohl es keinen Baum, keine Kugeln, keine Kerzen mehr gab.
Hannah ertappte die Mutter dabei, wie sie sich im Zimmer ihrer verstorbenen Schwester einschloss, wie sie an deren getragener Kleidung roch, wie sie vor dem kleinen Erinnerungsaltar voller Bilder niederkniete und weinte. Dass die Geschwister toter Kinder im Familiengefüge in den Hintergrund rutschen, sei normal, sagt Trauerbegleiterin Rönick. "Die Eltern sehen das nicht, haben nicht den Blick und die Kraft dafür. Auf einmal dreht sich alles um das tote Kind." Die hinterbliebenen Geschwister fühlen sich ungeliebt, nicht beachtet.
Ein Gefühl, an das sie sich manchmal schon zu Lebzeiten gewöhnen mussten, weil das Kind krank war und gepflegt werden musste. Thomas erging es so. Seine Schwester erkrankte an Mukoviszidose. Sie war 19 Jahre alt, als sie starb. Im Krankenhaus hatte sie fürs Abitur gelernt, immer die Zukunft geplant, obwohl sie wusste, dass sie gar keine hat.
Thomas trägt immer ein kleines Foto bei sich, es zeigt die beiden als Kleinkinder. Für ihn war es die beste Zeit seines Lebens. Tod war damals noch kein Thema für ihn. Je älter er wurde, desto dominanter wurde es. Vielleicht der letzte Sommer mit der Schwester, vielleicht der letzte Urlaub, vielleicht das letzte Weihnachtsfest.
Es gab Momente, da klammerte er sich heimlich an die Hoffnung, dass alles besser werden würde, wenn seine Schwester tot, ihr Leiden vorbei sei. Doch es wurde umso schlimmer. Seine Eltern leben zwar noch zusammen, und doch getrennt. Gemeinsam pilgern sie ans Grab der Tochter, es ist der einzige Weg, den sie noch gemeinsam gehen.
Geburtstage, Ostern, Weihnachten - Feste werden seit ihrem Tod keine mehr gefeiert. Für Thomas' Eltern gibt es keinen Grund mehr dazu. Auch er ist keiner. Als sei er gemeinsam mit seiner Schwester gestorben. Tod ist oft der Tod einer ganzen Familie.
"Das mit deiner Schwester ist ja schrecklich, das tut mir so leid! Deine armen Eltern." Ein Satz, den Hannah in verschiedenen Varianten Hunderte Male gehört hat. Wie es ihr geht? Wie sehr sie leidet? Wie schrecklich der Verlust und die Erinnerung an das Verbrechen ist - danach haben sie nur ganz wenige gefragt.
Vielleicht hätte Hannah auch gar keine Antwort parat gehabt. Aber das Gefühl, dass man auch sie in ihrer Trauer ernst nimmt, hat sie schmerzlich vermisst.
Doch es gibt auch andere Beispiele. Noch in der Nacht, als sie vom Mord an ihrer Tochter Heike erfuhren, versprachen sich Wilfried und Magdalene Block, dass sie sich nicht loslassen und dass sie auch ihren Sohn mit seiner Trauer nicht alleine lassen werden. "Als wir hörten, dass unsere Tochter tot ist, war uns sofort klar: Jetzt haben wir nur noch unseren Sohn und den müssen wir miteinbeziehen", sagt Wilfried Block.
Anfangs konnten sie gar nicht anders. "Im ersten Monat waren wir wie in Schockstarre", erinnert er sich. Konten auflösen, Wohnung leer räumen - das machte alles ihr Sohn.
Ihre Art, den Verlust zu verarbeiten, drängten sie ihm nicht auf. "Man muss respektieren, dass die eigenen Kinder anders trauern als man selbst. Und man muss sich gegenseitig Raum lassen für diese Trauer", sagt Wilfried Block. Dass das nicht immer einfach ist, weiß er nur zu gut. Noch immer gibt es Momente, von denen die Blocks sagen: "Da ist man ganz unten." Trauer braucht Zeit.
Trauer braucht aber auch Disziplin, glaubt Wilfried Block. "Man muss versuchen, mit dem Schicksal fertig zu werden und dafür muss man selbst etwas tun." So bemühen sich die Blocks nicht nur zurückzublicken, nicht in ihrem unermesslichen Schmerz zu versinken, nicht immer nur zu jammern.
Nur ein einziges Mal haben Wilfried und Magdalene Block für Heike gedeckt - am ersten Heiligabend nach ihrem Tod. Die junge Lehrerin war sechs Tage zuvor ermordet worden. Ein einmaliges Ritual. "Es wäre schrecklich für unseren Sohn, wenn seine Schwester nun immer unsichtbar am Tisch sitzt."
Die Sorge, nun auch noch ihren Sohn zu verlieren, weil sich alles nur um die verstorbene Tochter dreht, war allgegenwärtig. Und ist es bis heute. Am 24. Juli hätte Heike Geburtstag gehabt. Der Sohn war es, der vorschlug, an diesem Tag gemeinsam zum Friedhof zu gehen. Dort trank die "amputierte Familie" ein Gläschen Sekt, wie es Heike so gern getan hat, und aß ein Stück ihrer Lieblingsschokolade. Eines davon legten sie auf ihr Grab.
Quelle: Spiegel Online
Engel schrieb:
am 13. März 2012 um 22:25:56
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@Daniels Schwester
Das kann ich sehr gut nachvollziehen. Auch mein Bruder nahm sich das Leben. In dem Jahr, als meine Mutter ihren 20.
Todestag hatte (starb mit 51 und ich war 21). Als ich merkte, dass ich echte Probleme wegen seines Ablebens bekam, suchte ich mir sofort Hilfe, um nicht in ein tiefes Loch zu fallen wie damals bei meiner Mutter. Das half mir sehr. In manchen Situationen tritt die Trauer wieder stark hervor. In solchen Momenten erinnere ich mich in Zwiesprache an seine Stärken. Das hilft mir!
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Caro schrieb:
am 18. September 2011 um 12:27:12
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Trauer
wenn ich das alles lese kommen mir auch wieder die Tränen. Auch ich habe meinen Bruder vor mittlerweile 6 Jahren verloren.9 Tage vor
seinem 40. Geburtstag wurde er für tot erklärt.Er wurde getötet und die Täter wurden recht milde verurteilt. Einen Sinn kann ich hinter sowas nicht erkennen, tut mir leid. Und es tut auch heute oftmals noch sehr weh.Trotzdem wünsche ich allen viel Kraft, diese schwere Zeit zu meistern.Das Leben geht weiter.
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fynni 5 schrieb:
am 17. September 2011 um 20:58:53
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tod
es ist jetzt fast 1 jahr her das mein vater gestorben ist,und ich kann mit dieser situation einfach nicht umgehen,wenn die kinder was vom
opa erzählen dann kommen bei mir sofort die tränen.wenn ich meine mutter besuche ,sie wohnt 550 km weit weg ,dann kann ich nicht mal auf den friedhof gehen,ich will ja aber ich krieg mich einfach nicht mehr ein,bin danach total durch den wind.kann mir nicht vorstellen das das mal besser wird.
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