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Eine Stunde ist keine Stunde

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Eine Stunde ist keine Stunde

22.06.2009, 08:22 Uhr | mmh

Mädchen meldet sich im Schulunterricht.Immer mehr Schulen führen den 90-Minuten-Takt ein. (Bild: Imago)Noch längere Schulstunden? Schule ist doch eh langweilig. Vielleicht aber bringen neue Stundenkonzepte mit längeren Einheiten sogar mehr Aufmerksamkeit in die Klassen. Fortschrittliche Schulen nutzen die Umstrukturierungsphase und erproben neue "Stunden"-Einheiten: 30, 60 oder 90 Minuten - was ist der beste Takt?


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Aufmerksamkeitsverhalten beeinflussen

Neugierde, Abwechslung, Action, das zieht die Aufmerksamkeit an, Langeweile macht schläfrig, aber Langsamkeit bringt Ruhe in eine Gruppe. Ja, was nun? Das fragen sich viele Pädagogen angesichts der Schulkinder, die zappelig auf ihren Stühlen dem Unterricht folgen oder eben nicht. Und es fällt den Kindern immer schwerer. Die Ermahnung „Reiß dich zusammen“, hilft nicht. Heutzutage ist das Aufmerksamkeitsverhalten von Kindern anders als in der Generation ihrer Eltern und Großeltern. Manche Schulen versuchen es mit einem neuen Stunden-Rhythmus.



90-Minuten-Takt

Immer mehr Schulen führen den 90-Minuten-Takt ein, also Doppelstunden statt Einzelstunden. Das hat viele praktische Vorzüge, aber vor allem scheint der Lernzuwachs enorm zu sein, nämlich doppelt so hoch als bisher. Außerdem scheint nachgewiesen, dass an Schulen mit 90-Minuten-Einheiten wesentlich weniger Unfälle passieren. Aus der Hirnforschung gibt es laut des Magazins Focus wenig Erkenntnis dazu, was die ideale Lerndauer ist. Ursprünglich wollte man einfach nur den kompletten Unterricht am Vormittag unterbringen, damit auch Schüler von außerhalb teilnehmen konnten, also hat man 1911 die Stunde schlicht um 15 Minuten gekappt.

Konzentrationsphasen nutzen

Wenn es um Fußball, Lego oder Computerspiele geht, kann sich ein Kind rund 20 Minuten wirklich gut und stark konzentrieren. Geht es um etwas anderes, dann braucht es in bestimmten Abständen eine Pause, Bewegung, ein Lachen. Eine Schulstunde dauert aber 45 Minuten, das ist unumstößlich, und im besten Fall sind dann fünf Minuten Pause. Wie sollen Kinder das durchhalten? Wie sollen Lehrer die Kinder in den Bann ihres Faches ziehen? Dann wird auch noch über Doppelstunden diskutiert, um den Lernerfolg zu steigern. Die Erfahrungen sind unterschiedlich.

Umstrukturieren auch im Stunden-Konzept

Gerade in der Umstrukturierung der Gymnasien zu G8, also statt neun Jahren Gymnasialzeit, acht Jahre, und in der Umstellung auf Ganztagesschulen, nehmen manche reformfreudigen Schulen auch andere Punkte in Angriff, beispielsweise die Schulstunde. Muss sie wirklich immer 45 Minuten dauern und muss dann das nächste Fach kommen? Oder sind mehr Doppelstunden besser?

Längere Stunden - mehr Lernerfolg

Kaum hat der Lehrer den neuen Stoff erklärt - klingelt oder gongt es. Das Heft klappt zu, der Schülerlärm geht los und die Gedanken schweifen zum nächsten Fach, zur Pause oder zur Freizeit. Neue Konzepte planen dagegen eine „Verallgemeinerungs- und Reflexionsphase“ ein. Das Neugelernte kann sich in den Schülerköpfen setzen.

Doppelstunden sparen Hausaufgaben

Gerade in den kreativen Fächern, Musik und Kunst oder in Sport geht man schon längst mit Doppelstunden an den Stoff heran. Bei Sport, um die Umkleidezeiten zu sparen, bei Musik und Kunst, um sich richtig in das Projekt einzufinden und dranbleiben zu können. Wer Doppelstunden hat, muss sich nur auf drei, allerhöchstens fünf Fächer pro Tag einstellen, wer den Schultag mit Einzelstunden vollgepackt hat, kämpft mit einer Vielfalt von fünf bis zu sieben unterschiedlichen Fächern und Lehrerpersönlichkeiten. Gerade in den Jahrgangsstufen, die viele Wochenstunden haben oder in Ganztagsschulen vermeidet man dadurch auch, dass noch zusätzlich täglich für jedes Fach Hausaufgaben anfallen. Natürlich müssen Lehrer ihre Didaktik dem anpassen: Wochenpläne bieten sich für Hausaufgaben an, projektbezogenes Denken ist gefragt. Hausaufgaben können nicht dazu dienen, das aufzufangen, was im Unterricht zu kurz gekommen ist. Die Stundentafel einer siebten Klasse eines Gymnasiums kann dann beispielsweise 14 Doppel- und fünf Einzelstunden pro Woche aufweisen, bisher dagegen oft bis zu 31 Einzelstunden und nur eine Doppelstunde, rechnete die Focus-Redaktion nach. Die Kinder müssen seltener den „Umschalt-Knopf“ für die verschiedenen Fächer drücken. Eltern erhoffen sich davon bessere Aufmerksamkeit, mehr Ausgeglichenheit.

Weniger Ballast

Doppelstunden haben noch ganz andere praktische Konsequenzen: Die Schüler müssen seltener die Räume wechseln und die Ranzen werden leichter, da für weniger Fächer natürlich auch weniger Bücher mitgeschleppt werden müssen. Außerdem können die Kinder nach Schulschluss noch Hobbies pflegen, wie beispielsweise Reiten, Musik, Sport, denn die Hausaufgaben sind schneller erledigt.

Andere Unterrichtsgestaltung

Lehrer sind durch die längeren Einheiten freier in der Unterrichtsgestaltung, mehr Individualität und mehr Gespräch findet Raum. Methodische Wechsel sind nötig. Das Lehrer-Schüler-Verhältnis kann sich anders entwickeln, wenn weniger Zeitdruck herrscht.

Mehr Projektarbeiten

Gruppen- und Projektarbeiten lassen sich nicht im 20-Minuten-Takt erledigen, die aber bergen in sich selbst schon so viel Abwechslung, sie zerlegen sich selbst in kleine Einheiten, die die Aufmerksamkeit bündeln. In 45 Minuten bliebe zur Erarbeitung kaum Zeit, zur Präsentation der Ergebnisse für die Mitschüler gar nicht mehr.

Kurze Einheit - mehr Abwechslung

Aus dem angelsächsischen Raum kennt man den schnellen Wechsel, alle 30 Minuten ein anderes Fach, damit es nicht langweilig wird. Auch das wird erprobt. Stellt aber die Stundenplaner vor enorme organisatorische Probleme. Die Vorteile liegen in der Abwechslung, in größerer Flexibilität und der Unterteilung. Kleine Einheiten für Vokabeltraining, Dreierblocks für komplexe Aufgaben.

Alternative Formen

„Wir haben gelernt, den Gong zu ignorieren“, erzählt Sabine Heiß, Schulleiterin einer Montessori-Schule in Bayern, die sich noch das Schulhaus mit einer Regelschule teilt. „Wir arbeiten projektbezogen und in längeren Einheiten, da das unserem Lern-Rhythmus und der Gruppenarbeit besser entspricht.“ Nebenfächer, die sonst nur einstündig unterrichtet werden und dadurch große Abstände zwischen den Stunden hätten, werden „epochal“ unterrichtet, in Regelschulen wie in alternativen Schulen. Das bedeutet beispielsweise für eine sechste Klasse Gymnasium, ein halbes Jahr eine Doppelstunde Geschichte, das zweite Halbjahr Erdkunde, ebenso wechseln sich Chemie und Physik ab.
Doch einem Rhythmus kommt keine Schule aus: Morgens um halb zehn knurren alle Kindermägen und wollen Pausenbrote essen.

Wer bestimmt den Takt?

Zwar schreiben viele Schulgesetze den 45-Takt fest, aber sie lassen aus pädagogischen Gründen auch Ausnahmen zu, die genehmigt dann die Schulkonferenz. Verbindlich ist nur, dass die in den Lehrplänen vorgeschriebene Stundenzahl auf das gesamte Schuljahr gerechnet, erfüllt wird.

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Quelle: t-online.de

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