22.02.2010, 10:27 Uhr | Sabine Caron
In vielen Bundesländern wurde das Einschulungsalter bereits gesenkt. (Bild: Imago)
Raubt die frühe Einschulung ein Stück Kindheit? Verlangt der Arbeitsmarkt wirklich so junge Erstklässler? Bis vor einigen Jahren war völlig klar: Wer bei Schuljahresbeginn sechs Jahre alt ist, wird eingeschult, wer später Geburtstag hat, bleibt noch im Kindergarten. In den letzten Jahren wurde und wird immer wieder diskutiert, ob Kinder schon mit fünf oder möglicherweise sogar schon mit vier Jahren eingeschult werden sollten. In vielen Bundesländern wurde das Einschulungsalter bereits gesenkt. Ein Thema in der Bildungspolitik genauso wie am Familientisch. Eltern so genannter „Kann-Kinder“ oder „Karenz-Kinder“ stehen vor einer schweren Entscheidung: Einschulen oder nicht? So beurteilen Eltern im Rückblick ihre Entscheidung.
Eltern sind heute stärker gefordert, wenn es um die Einschulung ihrer Kinder geht. Da das Einschulungsalter - sicher zurecht - flexibilisiert wurde, müssen Eltern letztlich oft selbst entscheiden, wann sie ihr Kind einschulen. In vielen Fällen werden sie dabei gut von Fachleuten, nämlich den Erzieherinnen und Ärzten, beraten entscheiden müssen die Eltern aber letztlich selbst. Ausschlaggebend für eine frühzeitige Einschulung sollte dabei sein, dass die kognitiven, die sozial-emotionalen und die motorischen Fähigkeiten entsprechend entwickelt und ausgeprägt sind. Zu den kognitiven Fähigkeiten gehören beispielsweise das simultane Erfassen von Mengen bis sechs und das Kennen von Präpositionen. Zu den sozialen Fähigkeiten zählt unter anderem das verbale Lösen von Konflikten, Frustrationstoleranz, Selbstbewusstsein, "Warten können“. In motorischer Hinsicht sollten Kinder zum Beispiel beim Ausmalen in den Linien bleiben und einen Stift halten können. Darüber hinaus muss das Kind selber schulbereit sein und den Willen äußern, in die Schule zu gehen. Hat ein Kind im Kindergarten noch viel Spaß und sieht einer Einschulung skeptisch entgegen, sollten Eltern lieber noch ein Jahr warten.
Als der kleine Jonas gerade fünf Jahre alt ist, äußerte eine Erzieherin beim Elterngespräch mit Klaus und Beate ihren Verdacht auf eine Hochbegabung. Sie begründete den Verdacht damit, dass er einerseits sehr weit in seiner Entwicklung sei, schon mit drei Jahren vor anderen Kindern vorgetragen oder sich aktiv im Stuhlkreis beteiligt habe. Andererseits aber sei er sehr schüchtern und sein Sozialverhalten im Vergleich zu Gleichaltrigen in mancher Hinsicht zurück, was sich beispielsweise daran zeigte, dass er Erzieherinnen auslachte, wenn ihnen ein Missgeschick passierte. Diese Kombination sei durchaus typisch für Hochbegabungen, erfuhren die Eltern.
Die Erzieherinnen empfahlen den Eltern, beim Psychologen einen Hochbegabtentest machen zu lassen. Der Psychologe bestätigte den Eltern, dass sich eine Hochbegabung abzeichne, abschließende Ergebnisse und die Bestimmung des Intelligenz-Quotienten (IQ) könne man erst mit etwa 5 ½ Jahren machen. Die frühzeitige Einschulung sollten sie davon abhängig machen, ob Jonas selber in die Schule gehen wollte oder sich im Kindergarten noch wohl fühlte. Schon im Alter von vier Jahren war Jonas sich in dieser Hinsicht völlig sicher und äußerte immer wieder den Wunsch, zur Schule zu gehen. Als seine Einschulung als Kann-Kind noch unklar war, erklärte er wiederholt gegenüber Freunden und Verwandten der Eltern, dass seine Eltern ihm verbieten würden, in die Schule zu gehen. Auch die Kinderärztin riet zur Einschulung, die Erzieherinnen wiesen darauf hin, dass sie Jonas nichts mehr bieten könnten.
Als Jonas dann letztlich angemeldet war, waren alle erleichtert, erinnern sich Klaus und Beate. Aber bereits eine Woche nach Schulbeginn und bis heute, beklagt sich Jonas, dass es ihm in der Schule nicht gefällt. Auch im Sozialverhalten wurde er auffällig: Er hat versucht, den Clown zu spielen und seine Lehrerin zu provozieren, damit er von der Schule fliegt und wieder zurück in den Kindergarten kann. In dieser Zeit haben die Eltern immer mal wieder ihre Entscheidung angezweifelt. Jetzt besucht er im Mathematikunterricht zweimal die Woche die 2. Klasse und bekommt auch ansonsten zusätzliche Aufgaben gestellt. Außerdem führte die Lehrerin einen „Smiley-Kalender“ ein, um gutes Verhalten zu belohnen. Trotz der Probleme glauben die Eltern aber, dass ihre Entscheidung richtig war, da er sich schon jetzt häufig in der Schule langweilt.
Lukas ist heute zehn Jahre alt, er hat noch einen fünfjährigen Bruder. Er ist am 3. September geboren (der damalige Stichtag war der 30. Juni) und wurde einige Wochen vor seinem sechsten Geburtstag als "Kann-Kind“ eingeschult. Thomas und Sabine, die Eltern von Lukas, fühlen sich im Nachhinein bei der Entscheidung, ob sie ihr Kind einschulen sollten oder nicht, alleingelassen. Sie selber hatten damals gegenüber den Erzieherinnen die Idee einer frühzeitigen Einschulung geäußert, weil sie das Gefühl hatten, ein strukturierterer Tagesablauf würde ihrem Sohn gut tun. Die Erzieherinnen befürworteten diese Idee mit dem Hinweis auf Lukas' ausgeprägte kognitive Fähigkeiten: Lukas könne schon bis 20 rechnen und bei Würfelspielen ohne Probleme bei den Großen mitspielen. Sozial-emotionale Fähigkeiten wurden nur am Rande besprochen, die Erzieherinnen verwiesen darauf, dass er überall mitspiele, Probleme wurden nicht erwähnt.
Zu Beginn der 2. Klasse wurde Sabine immer klarer, dass ihr Sohn keine sozialen Kontakte in der Klasse hatte. Wenn er nach Hause kam, beschwerte er sich häufig über das Verhalten anderer Kinder, die ihn geärgert hätten. Bei einem Elterngespräch hat die Lehrerin von vielen Konflikten berichtet, die von Lukas ausgingen, in den Pausen, auf dem Heimweg, jedoch nie im Unterricht. Bereits in der 2. Klasse überlegten die Eltern, ihren Sohn aufgrund seiner mangelnden emotionalen Reife „zurückstellen“ zu lassen. Anfang der 3. Klasse kam dann die Diagnose Lese-Rechtschreibschwäche und ADHS dazu. Im Sommerurlaub zwischen dem 3. und 4. Schuljahr wurde ihnen noch mal deutlich, dass das Sozialverhalten im Vergleich zu anderen Kindern noch zurück war, außerdem gab es nach wie vor viele Probleme mit den Klassenkameraden. Letztlich wurde ihr Sohn von der 4. Klasse in die 3. Klasse zurückversetzt. Dieses sei eine gute Entscheidung gewesen, sagt Sabine, denn er passt jetzt besser in die Klasse, ist stärker akzeptiert. Probleme gibt es aber immer noch mit anderen Kindern, die schulischen Leistungen sind gut und Lukas wird im kommenden Jahr aufs Gymnasium wechseln.
Als Marie fünf Jahre alt war, rieten die Erzieherinnen den Eltern, ihre Tochter einzuschulen. Sie begründeten den Rat damit, dass Marie von der geistigen Entwicklung schon sehr weit sei und sich bereits für Buchstaben interessiere. Auch im sozialen Bereich hatten die Erzieherinnen keine Bedenken, weil sie ein durchsetzungsfähiges und selbstbewusstes Mädchen sei. Sie befürchteten aber, dass Marie aus Langeweile in einem weiteren Kindergartenjahr allen "auf die Nerven fallen könne“. Christine und Heinz, Eltern von Marie, haben sich aus verschiedenen Gründen gegen eine Einschulung entschieden, vor allem aber weil es ihnen wichtig war, dass ihre Tochter im letzten Kindergartenjahr noch mehr soziale Fähigkeiten erwirbt. Es stimme zwar, dass Marie oft sehr selbstbewusst, sei und den Ton angebe, in anderen Situationen brauche sie ihre Muttern aber noch sehr stark und die Eltern erlebten Marie immer wieder als sehr schüchtern. Außerdem sei sie am Ende des Tages oft sehr unausgeglichen, weil sie von den vielen Eindrücken erschöpft ist. Wenn Christine Marie mit schulpflichtigen Mädchen verglich, die in die erste Klasse gekommen sind, waren diese in ihrer Entwicklung deutlich voraus.
Umgekehrt stellten sich die Eltern auch die Frage, welche Gründe tatsächlich für eine frühe Einschulung sprächen. Das gängige Arbeitsmarktargument, in Deutschland kämen junge Menschen im internationalen Vergleich zu spät in den Beruf, können die Eltern nicht akzeptieren. Bei der Schuluntersuchung zur Pflichteinschulung äußerte die Schulärztin die Sorge, dass Marie sich im ersten Schuljahr langweilen könnte und schlug eine Quer-Einschulung zur Mitte des Schuljahres vor. Auch das haben die Eltern abgelehnt. Zwar kann Marie mittlerweile lesen, sie fühlt sich im Kindergarten aber noch sehr wohl und kümmert sich viel um die Kleinen. Die Eltern sehen der Einschulung in diesem Jahr gelassen entgegen. Sollte Marie sich tatsächlich über die Maßen langweilen, steht ihnen immer noch ein Hintertürchen offen. In diesem Fall könne sie immer noch eine Jahrgangsstufe überspringen.
Susanne und Johannes, beide 39 Jahre alt, Eltern von drei Kindern, zwölf, sechs und vier Jahre alt, haben sich im letzten Jahr dagegen entschieden, ihren Sohn einzuschulen. Joel hat Anfang Dezember Geburtstag und wäre somit bei der Einschulung fünf Jahre alt gewesen. Die Eltern berichten, sie hätten zwar durchaus eine Zeit lang überlegt, ihren Sohn vorzeitig einzuschulen. Letztlich wäre die Entscheidung dann aber einfach gewesen. Denn als der Sohn das „Maxitreffen“ im Kindergarten besuchen sollte, war er zwar zuerst begeistert, nun zu den Großen zu gehören, verweigerte aber jede Mitarbeit als er merkte, dass damit seine Einschulung verbunden sein könnte. Joel selbst war also noch nicht schulbereit. Die Erzieherinnen hatten zwar seinen hohen Wissensdurst betont, berichteten von endlosen, oft anstrengenden Fragestunden durch Joel. Andererseits aber seien seine Frustrationstoleranz und sein Selbstbewusstsein noch deutlich zu niedrig, um einen Schulbesuch empfehlen zu können. Die Eltern wollten auch verhindern, dass er als einer der Jüngsten in der Klasse zu sehr hinter den anderen Kindern „her rennen“ müsse, auch um nicht die Situation von zu Hause zu wiederholen, wo er oft frustriert ist, nicht mit seinem älteren Bruder mithalten zu können.
Sowohl Susanne und Johannes als auch die Erzieherinnen sind zufrieden mit der Entscheidung: Joel geht noch immer gerne in den Kindergarten und genießt es, der Älteste in seiner Gruppe zu sein. Die Erzieherinnen bemühen sich, seinen Wissensdurst zu stillen, nachmittags geht er auf eigenen Wunsch zum Englischunterricht und lernt Flöte spielen. Im Hinblick auf seine Frustrationstoleranz und sein Selbstbewusstsein hat er zwar Fortschritte gemacht, das halbe Jahr Kindergarten aber wird ihm gut tun, hier noch weiter zu wachsen.
Quelle: t-online.de
Olga schrieb:
am 19. August 2011 um 15:32:23
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frühe Einschulung
Wenn sich die Schule nicht grundsätzlich ändert, sollten die Kinder nicht früher eingeschult werden. Eine Höchstgrenze
von 29 Erstklässlern spricht Hohn. Zu wenig Zeit, zu wenig Förderung. Auch die sog. flexible Grundschule krankt an der unzureichenden Ausstattung mit Lehrerstunden. Kleine Kinder brauchen einfach mehr Zuwendung! Wann setzt sich die Erkenntnis durch, dass eine solide Basis wichtig ist für das künftige Lernen?
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Dadi1 schrieb:
am 19. August 2011 um 14:48:49
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frühe Einschulung
Eine EInschulung vor dem 6. Lj. ist schwachsinn. Wurde selber mit 5J. eingeschult und hatte nur Stress. War Körperlich
die kleinste und auch die Jüngste. Emotional waren die anderen für mich alle Doof und Kindisch. Habe nie einen Klassenhalt gefunden. Den Tag meines Abschlusses habe ich Groß gefeiert. Das Problem aber war, das ich zu dem Zeitpunkt gerade 15 war und somit auch keine Lehrstelle bekommen hatte (Gesundheitswesen erst mit 16) musste somit 1J. Pausieren und habe dadurch 1J. verloren.
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conny schrieb:
am 17. August 2011 um 12:44:11
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frühere einschulung
nicht die frühe einschulung selbst ist das problem sondern das system warum diesen abruch zwische schule u kiga warum
kein fliesenden übergang nein in deutschland muss das so obwohl es anders viel besser u leichter ist
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