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Eltern mit Behinderungen - Wenn Mama anders ist

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Eltern mit Behinderungen - Wenn Mama anders ist

23.02.2010, 10:06 Uhr | Jenni Zwick

Michaela ist anders - sie kann mit 37 Jahren schlecht rechnen und lesen, hat Probleme Formulare auszufüllen und versteht Busfahrpläne nur schwer. Die geistig behinderte Frau ist fünffache Mutter. Ein Kind ist ihr geblieben und für das kämpft sie. Die bewegende Geschichte von Michaela und ihrer gesunden Tochter Melanie wird in der ZDF-Doku-Reihe „37 Grad“ erzählt und damit ein Thema angesprochen, das in der heutigen Gesellschaft noch immer tabuisiert wird. Denn, dass auch geistig oder körperlich behinderte Menschen Eltern werden, wurde lange Zeit kaum wahrgenommen, die Möglichkeit eines Zusammenlebens von Eltern und Kindern weitgehend von vorneherein ausgeschlossen. Doch das Beispiel von Michaela zeigt, dass das Zusammenleben von behinderten Eltern mit ihren Kindern klappen kann und es den Kindern damit häufig gut geht. Doch unter welchen Umständen kann das gelingen? Und mit welchen Problemen haben Eltern und Kinder zu kämpfen?

Erziehung mit fremder Hilfe

Michaela wohnt mit acht anderen Müttern im betreuten Wohnprojekt „Die Kate e.V.“ Dieses Projekt ermöglicht den geistig behinderten Frauen, ihre Kinder mit Hilfe von Sozialarbeitern selbst großzuziehen. Wären die Mütter nicht einverstanden in dieser Gemeinschaft zu leben, müssten sie die Kinder abgeben und sie in Pflegefamilien geben. Zu viel Hilfe brauchen sie im Alltag und bei der Erziehung ihrer Kinder. Die Hilfe reicht von täglichen Aufgaben im Haushalt, über Hausaufgabenhilfe der Kinder bis zu „einfachen“ Erziehungsfragen, wann das Kind ins Bett und wann es morgens geweckt werden muss. Nicht alle Frauen möchten hier leben, doch alle möchten ihre Kinder behalten! In der halbstündigen Dokumentation „Mama ist anders“ wird eindrucksvoll gezeigt, wie stark die Bindung zwischen den Müttern und Kindern ist - und wie stark die Liebe.

Mama hat Multiple Sklerose

Keine geistige sondern eine körperliche Behinderung hat Sabine - als ihre Tochter anderthalb Jahre alt war bekam sie die Diagnose - MS

(Multiple Sklerose). Neben der Angst um sich selbst kam bei der alleinerziehenden Mutter sofort die Sorge um ihr Kind auf. Wer würde sich um Lisa kümmern, wenn sie im Krankenhaus läge? Was würde mit ihrer Tochter passieren, wenn Sabine einen Schub hätte und sich kaum bewegen könnte? Erste Beratung und wichtige Tipps für den Alltag fand die junge Frau aus Frankfurt beim hessischen Landesverband der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft. Mittlerweile ist ihre Tochter zehn und geht in die vierte Klasse. Sie ist mit der Krankheit ihrer Mutter groß geworden und ist daran gewöhnt, dass ihre Mama regelmäßig zu Ärzten geht und öfter für einige Tage ins Krankenhaus muss. Regelmäßig begleitet Lisa ihre Mutter in eine auf Multiple Sklerose spezialisierte Reha-Klinik, zu der Eltern ihre Kinder mitbringen können.

Mit Einschränkungen leben

Beiden ist klar, MS bedeutet nicht automatisch ein Leben im Rollstuhl. Jedoch müssen sie mit erheblichen Einschränkungen klarkommen: Zu den häufigsten Beschwerden, unter denen MS-Patienten leiden, gehören Lähmungserscheinungen, extreme Müdigkeit (Fatigue), Blasenstörungen und die große psychische Belastung. Trotzdem klappt das Zusammenleben von kranker Mutter und gesunder Tochter gut. Doch ohne Hilfe von außen, auch finanzielle Unterstützung durch die Multiple Sklerose Gesellschaft, wäre ihr Alltagsleben nicht zu meistern. Gerade wenn sie unter einem plötzlich einsetzenden Schub leidet und ins Krankenhaus muss, ist Sabine auf die Unterstützung der hilfsbereiten Nachbarn oder der netten älteren Dame, die sich zeitweilig als Pflegemutter um Lisa kümmert, angewiesen.

Leben mit Behinderung - ein etwas anderer Alltag

Beide Beispiele zeigen, dass Hilfe von außen zwar sehr wichtig ist für Familien, in denen ein Elternteil behindert ist, dass die Kinder aber trotzdem von den Eltern erzogen werden können. Auch wenn an alle Beteiligten besondere Anforderungen gestellt werden. Schon in der Schwangerschaft benötigen behinderte Frauen Hilfe - so muss beispielsweise eine gehörlose werdende Mutter bei den regelmäßigen Besuchen beim Frauenarzt Begleitung haben, damit diese zwischen Arzt und Patientin vermitteln kann. Auch bei späteren Elternabenden, Kinderarztbesuchen und Treffen mit anderen Müttern muss ein Weg gefunden werden, wie kommuniziert werden kann. Für gelähmte oder gehbehinderte Eltern kann das Wickeln und Transportieren des Kindes Schwierigkeiten bereiten, wenn die Hände, Arme und Beine nicht beweglich sind. Im Erziehungsalltag scheitern sie häufig an baulichen Barrieren - so ist ein Besuch einer Eltern-Kind-Spielgruppe oftmals mit intensiver Suche nach einem rollstuhlzugänglichen Anbieter verbunden. Spielplätze sind ebenfalls selten befahrbar. So müssen sich viele behinderte Eltern auf Menschen verlassen, die nicht zur Familie gehören, die die Kinder in den Kindergarten oder Schule bringen oder auf den Spielplatz gehen.

Hilfe und Assistenz sind A und O

Je besser also das soziale Netz schon vor der Schwangerschaft gespannt wurde, umso besser lässt sich auch der Alltag mit dem Kind meistern. Neben Unterstützung von der Familie oder Freunden können behinderte Eltern aber auch professionelle Hilfe beantragen. Diese sogenannte Assistenz kann von einer Haushaltshilfe vor der Geburt (beispielsweise bei einer Frau im Rollstuhl, die sich durch den dicker werdenden Bauch nicht mehr nach vorne bücken und putzen kann), über Unterstützung einer Haushaltshilfe nach der Geburt, die putzt, mit einkaufen geht, das Kind wickelt und badet bis zu langjähriger Unterstützung durch Sozialarbeiter und Psychologen, die sich um die Erziehung des Kindes kümmern, wie in Michaelas Fall. Ob und wie viel Unterstützung behinderte Eltern bei der Familienarbeit benötigen, hängt von vielen Faktoren ab. Je besser die Wohnung und die Hilfsmittel auf die persönliche Situation abgestimmt sind, desto weniger Assistenz ist im Familienalltag allerdings nötig.

Das Jugendamt entscheidet mit

In vielen Fällen behält sich das Jugendamt das Recht vor, über das Wohl des Kindes zu entscheiden. Wurden in früheren Jahren gerade Mütter mit geistiger Behinderung von ihren Kindern direkt nach der Geburt getrennt (das Kind kam in eine Pflegefamilie oder wurde zur Adoption freigegeben), dürfen mittlerweile viele dieser Mütter ihre Kinder selbst großziehen. Doch das Jugendamt begleitet diese Familien und gibt die Regeln vor. Je nach Schwere der Behinderung, Anwesenheit eines Partners oder der Oma und Alter des Kindes kann die Familie ambulant begleitet werden oder in einer betreuten Wohngemeinschaft leben. Klar ist, dass eine intellektuelle Beeinträchtigung der Eltern ein besonderes Risiko im Leben von Kindern darstellt. So scheint es ein erhöhtes Risiko für Entwicklungsverzögerungen bei diesen Kindern zu geben. Sie sind aufgrund der Behinderung der Eltern eventuell auch Diskriminierungen ausgesetzt. In ihren intellektuellen Fähigkeiten sind die Kinder ihren Eltern häufig schon sehr früh überlegen und übernehmen Verantwortung für ihre Eltern (Parentifizierung).

Spezielle Vereine bieten Unterstützung

Um den Familien das gemeinsame Leben zu ermöglichen, sucht das Jugendamt in Zusammenarbeit mit Vereinen wie Lebenshilfe, Bundesverband für körper- und mehrfachbehinderte Menschen und vielen anderen nach für die jeweilige Familie angemessener Unterstützung. Der Verein Mobile - Selbstbestimmtes Wohnen Behinderter bietet beispielsweise Menschen mit geistigen Behinderungen die Möglichkeit, mit ihren Kindern in einem eigenen Zuhause zu leben, da die Mitarbeiter die Familien ambulant betreuen. Die Unterstützung umfasst Hilfe bei der Pflege, Erziehung und Versorgung des Kindes sowie bei der Wahrnehmung der Elternrolle. Dieses Projekt wird unter anderem vom Jugendamt finanziert und ermöglicht den betroffenen Familien ein selbstbestimmtes Leben.


Quelle: t-online.de

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