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Erziehung: Ziehen Eltern nur noch kleine Egoisten heran?

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Ziehen Eltern nur noch kleine Egoisten heran?

18.08.2010, 13:12 Uhr | Robert Scholz; rev

Mädchen kämmt sich und betrachtet sich dabei im Spiegel.

Ziehen Eltern heute nur noch kleine Tyrannen und Egoisten groß? (Bild: imago) (Quelle: imago)

Im Kinderzimmer dominieren heute Verständnis, Liebe und Zuspruch. Der Nachwuchs genießt weit mehr Freiheiten als früher, Interessen und Talente werden stärker gefördert. Doch damit wächst auch die Gefahr, dass sich Eltern kleine Tyrannen heranziehen. Fast 90 Prozent der Mütter und Väter wollen ihre Kinder heute zu starken und selbstbewussten Persönlichkeiten erziehen, heißt es in einer Studie des Allensbacher Instituts für Demoskopie. Willensstärke und Durchsetzungsfähigkeit zählten heute mehr als Anpassungsbereitschaft und Bescheidenheit. "Doch damit machen es sich die Eltern keineswegs leichter", meint Studienleiterin Renate Köcher.

Balance zwischen Freiheit und Begrenzung

Ein Viertel der Eltern gebe zu, sie hätten "kleine Egoisten im Haus", erläutert Köcher die Ergebnisse. Die richtige Balance zwischen Freiheit und Begrenzung zu finden, sei nicht immer einfach. Für das zweite "Generationen-Barometer" im Auftrag des "Forums Familie Stark Machen" hatten die Statistiker knapp 2200 Menschen ab 16 Jahren befragt.

Alles schien harmlos

Ein Fallbeispiel: Sara ist zehn Jahre alt. Sie scheint zu wissen, was sie will. Ihre Mutter hat vom Kleinstkindalter an darauf geachtet, eine selbstbestimmte, eigenständige Persönlichkeit zu erziehen. Sara entschied, wann sie aufstehen wollte, über die Sachen, die sie am Morgen aus dem Schrank holte und über den Tagesplan nach der Schule. Sie bestimmte die Abläufe in der Familie; wann und was sie essen wollte. Alles schien harmlos. Jetzt hat Saras Mutter eine "Egoistin im Haus": Sara schlägt ihre Mutter und verweigert die Schule.

„Warum unsere Kinder Tyrannen werden“

Dieses Beispiel beschreibt Michael Winterhoff in seinem 2007 erschienen Buch „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“ – ein Bestseller. Winterhoff vertritt dort die These, dass Kindern heute viel zu unbedacht eine Reife zugesprochen wird, welche sie einfach noch nicht haben können. Mit schlimmen Folgen, wie im Fall der kleinen Sara.

Trend zur "Zwangsreife"

In den letzten Jahrzehnten ist zu beobachten, dass sich das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern immer partnerschaftlicher gestaltet. Den Kindern wird ein großes Mitspracherecht eingeräumt. Diese Erziehungsstrategie führt nach Ansicht vieler Psychologen und Psychotherapeuten zu einer Situation in den Familien, in der Kindern eine Rolle zugesprochen wird, die sie aber noch nicht erfüllen können. Die Leipziger Therapeutin, Silvia Wagner, nennt dies den Trend zur "Zwangsreife" für Kinder: „Eltern sprechen durch den Verzicht auf Regeln und einen gestalteten Ordnungsrahmen eine kindliche Reife an, die eben noch nicht vorhanden ist.“ Innerhalb der Familie werden Alltagsentscheidungen diskutiert, über die ein Kind aber noch nicht selbst entscheiden kann.

Zu verengte Sichtweise

Begründet sei dies, so die Leipziger Therapeutin weiter, in dem Konzept der antiautoritären Erziehung der sechziger Jahre, ausgelebt in Kinderläden und freien Schulen. Einst ein Gegenmodell zu den erstarrten Eltern-Kind-Verhältnissen in der Vor- und Nachkriegszeit, wurde es heute zu einer Perspektive mit zu verengter Sicht: Diese wurde auf das generelle Verdammen von Regeln und Ordnung begrenzt.

Hoher Erwartungsdruck

Natürlich stehen Eltern heute unter einem starken äußeren Erwartungsdruck. Ständig wird ihnen die Bedeutung der kindlichen Selbstbestimmung vor Augen geführt. Werbung appelliert stark an das „schlechte Gewissen“ der Eltern. Supermärkte arrangieren sogenannte „Quengelware“ gezielt an den Kassen und treiben die Elternschaft regelmäßig in die Scham-, Zeit- oder Angstfalle.

Mit dem Kind auf Augenhöhe

Das Problem liegt oft darin, dass Eltern weniger als Erzieher und mehr als Kumpeltyp auftreten. Eltern und Kinder begegnen sich dann auf Augenhöhe. Für die Kinder bestehen kaum noch feste Regeln, an die sie sich halten müssen. Doch sind Grenzen wie Ordnung und Pünktlichkeit, Höflichkeit, Bescheidenheit und Toleranz wirklich Begrenzungen, oder Werte, die das Leben eines Kindes bereichern?

Man kann nicht alles haben

Folgt man der Ansicht vieler Therapeuten und den Erfahrungen aus ihrem Berufsalltag, ist es eine emotionale Missbrauchshandlung das Kind in der frühen Lernphase als besten Freund zu betrachten. Es helfe niemandem und forme geltungssüchtige und beziehungsunfähige Kinder und spätere Erwachsene. Kinder hätten ein Recht darauf, Grenzen kennen zu lernen. Dies sei eine existentielle und, wenn man so will, Existenz sichernde Erfahrung. Nur so kann der Umgang mit Misserfolgen gelernt werden und Selbstbestimmtheit. Denn letztere beruht auch auf der Erkenntnis, dass man eben nicht alles haben kann.


Quelle: dpa

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