12.02.2009, 11:02 Uhr | sca; rev
Magersucht stellt Familien vor große Herausforderungen. (Quelle: imago)
Katharina (15) ist nicht auf den Kopf gefallen - sie bringt sehr gute Noten aus der Schule nach Hause, verzeiht sich kaum eine Zwei in ihrem Lieblingsfach Biologie. Aber ein Blick in den Spiegel macht das schlanke Mädchen trotzdem kreuzunglücklich: Sie findet sich "eklig dick" - und greift statt zur Pasta immer öfter zu Knäckebrot, füllt den hungrigen Bauch mit Wasser. Literweise. Wenn die Waage ein Kilo weniger zeigt, fühlt sie Stolz. Katharina ist kein Einzelfall - sie ist typisch für jugendliche Mädchen. Jedes dritte Mädchen hat heute eine Essstörung. Woran liegt das? Eine neue, ambulante Therapie soll magersüchtigen Mädchen wirksamer helfen.
Selbstbewusste Jugendliche sind weniger anfällig für Essstörungen. Darauf weist die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP) in Berlin hin. Es sei daher wichtig, dass Eltern ihr Kind keinem zu großen Leistungsdruck aussetzen und keine Vergleiche zu anderen anstellen. Nur so könne es eine starke Persönlichkeit entwickeln und lernen, sich und seinen Körper - auch mit scheinbaren Makeln - zu akzeptieren.
"Das Selbstwertgefühl von magersüchtigen Jugendlichen ist oft sehr niedrig, weil sie das subjektive Gefühl haben, nicht den Anforderungen zu genügen, die die Gesellschaft an sie stellt", erläutert DGKJP-Präsident Professor Johannes Hebebrand. Sie hätten außerdem oft einen ausgeprägten Hang zur Perfektion, das verstärke ihre negative Selbsteinschätzung. Ein gesundes Selbstwertgefühl könne dagegen vor dieser schweren Essstörung schützen.
Die meisten Patientinnen sind weiblich, nur fünf Prozent der Jungen sind betroffen. Die kritische Zeit liegt häufig in der Pubertät, meist nach Einsetzen der Menstruation. Die meisten Betroffenen kommen aus der Mittel- oder Oberschicht und sind oft sehr intelligent. Fünf Prozent aller Erkrankten sterben im Zuge ihrer Essstörung.
"Nach einem stationären Klinikaufenthalt liegt die Rückfallquote normalerweise bei bis zu 50 Prozent. Das wollen wir verbessern", sagte Professsor Beate Herpertz-Dahlmann vor der vom Bundesgesundheitsministerium initiierten Tagung "Leben hat Gewicht" in Berlin. Nach einer Studie des Robert Koch-Instituts von 2007 zeigt jeder fünfte Jugendliche zwischen elf und 17 Jahren Symptome einer Essstörung, aus der sich Magersucht entwickeln kann, von den Mädchen sogar fast jedes dritte.
"Die erkrankten Mädchen haben häufig eine ausgeprägte Sozialangst. Dann ist es nicht gut, wenn die Klinik zu einem 'angenehmen Rückzugsort' wird, an dem sie sich nicht durchsetzen müssen und der nichts mit ihrem normalen Leben zu tun hat", sagte Herpertz-Dahlmann, Direktorin der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Aachen. Deshalb gehen die Erkrankten, die in sechs Kliniken bundesweit an der vom Bundesforschungsministerium geförderten Studie teilnehmen, jeden Nachmittag und auch am Wochenende nach Hause.
"Dort müssen sie das Erlernte direkt in ihrem Lebensumfeld umsetzen", erläutert die Ärztin. Auch mit der Familie arbeiten die Fachleute eng zusammen. "Es gibt Familien-Gespräche und Familien-Essen in der Klinik." Das Essen neu lernen - es gemeinsam zubereiten, irgendwann sogar genießen, das ist das Ziel.
Anders als früher sehen die Wissenschaftler nicht mehr nur im sozialen Umfeld, sondern auch in der Veranlagung einen Grund für die Entstehung von Magersucht. "Das haben Zwillingsstudien gezeigt", erläutert Herpertz-Dahlmann. Auch seien es recht häufig überbehütende, ängstliche Eltern, die Kinder mit Trennungsängsten - und damit möglicherweise höherem Erkrankungsrisiko - hätten. "Ein frühes Merkmal ist etwa, wenn Kinder erst sehr spät bei Freunden oder Verwandten übernachten."
Bettina Kallenbach-Dermutz, Leiterin der Essstörungs-Ambulanz an der Berliner Charité, kann dies von ihren erwachsenen Patientinnen bestätigten. "Magersüchtige sind häufig sehr nette, anpassungsfähige und leistungsstarke Kinder gewesen. Viele haben ein hohes Gespür für die Erwartungen der Eltern, die sie unbedingt erfüllen wollen. Darüber kommt jedoch die Entwicklung der eigenen Ich-Stärke oft zu kurz", berichtet sie.
Die "Flucht" in eine Essstörung sei dann oft ein jahrelanger Rückzugsprozess: Was als Versuch der Abgrenzung und vermeintliche Selbstbestimmung beginnt, endet schlimmstenfalls in einer völlig verzerrten Selbstwahrnehmung - etwa, wenn man sich trotz schlackernder Hosen immer noch "fett" findet. Durch veränderten Stoffwechsel und Hormone gekoppelt mit - zunächst oft - positivem Echo auf die "Abnehm-Leistung" entstehe bei vielen Betroffenen für eine Weile ein Stimmungshoch, sagt Kallenbach-Dermutz. Dann trotzdem Motivation zum Kampf gegen die Krankheit zu wecken, sei sehr schwierig - "aber das A und O einer Therapie."
Deshalb ist es auch aus Sicht der Berliner Expertin extrem wichtig, dass Eltern frühzeitig reagieren. "Wer sich Sorgen macht, sollte sich unverbindlich beraten lassen und dann gegebenenfalls gemeinsam nach Möglichkeit suchen, um die soziale Entwicklung des Kindes anzuregen."
Doch bei welchen Anzeichen sollten Eltern aufmerksam werden? Wenn für das Kind der Stand der Waage bestimmt, ob es ein guter oder ein schlechter Tag wird, so ist das ein Hinweis auf eine Magersucht. Wer jeden Morgen mit bangem Blick auf die Waage steigt und ständig an seine Figur denkt, hat möglicherweise eine Essstörung, erläutert die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) in Köln. Weitere Symptome sind, dass man sich viel zu dick fühlt, obwohl das Gewicht eigentlich ganz normal ist, dass Lebensmittel in "erlaubte" - wenig Kalorien, kein Fett oder Zucker - und "verbotene" Speisen eingeteilt werden und insgesamt wenig gegessen wird.
Es gilt: Wenn die Tochter ständig Diät hält und dabei erfolgreich ist, sollten Eltern das genau beobachten. Denn aus dem Erfolg könne sich eine Magersucht entwickeln, warnte Professor Jörn von Wietersheim. Die meisten Diäten scheiterten. "Diese Mädchen machen aber erfolgreich Diät und werden von ihrem Umfeld bestärkt." Von Freunden und Verwandten hörten sie: "Du hast eine tolle Figur bekommen. Wie schaffst du das nur?", sagte von Wietersheim, der sich an der Universitätsklinik Ulm mit Essstörungen beschäftigt. Und auch die Figuren extrem schlanker Prominenter wirken bestätigend auf viele junge Mädchen.
Oft fingen Mädchen und Frauen Diäten gemeinsam mit Freundinnen an. Dabei entstünden teilweise Wettbewerbe, wer am besten durchhält. "Problematisch wird es, wenn das Gewicht konstant runtergeht", sagte von Wietersheim. Die Mädchen fingen an, beim Essen Fette wegzulassen - Fleisch und Butter beispielsweise. Stattdessen stünden vor allem Obst und Gemüse auf dem Speiseplan. "Die sagen dann: 'Ich esse doch gesund', blenden aber aus, dass zu einer gesunden Ernährung auch Fette gehören."
Bei den gemeinsamen Mahlzeiten bekommen Eltern diese Veränderungen meist mit. "Sie sollten das thematisieren", empfahl von Wietersheim. Zu ihm kämen oft Jugendliche, deren Eltern genau das nicht taten und stattdessen lange zuschauten. Bei einem Gespräch sollte aber nicht nur das Essverhalten angesprochen werden. Gut sei, wenn die Eltern auch nachfragen, ob das Kind Probleme hat oder es ihm nicht gut geht. Schließlich sollten auch die eigenen Sorgen geschildert werden. "Ich glaube, für Jugendliche ist die Rückmeldung wichtig: 'Du bist zu dünn, das ist nicht gesund'", erklärte der Experte.
Ständiges Nörgeln nach dem Motto "Iss doch endlich mal Butter, du hast ja schon wieder nichts gegessen" bringt laut von Wietersheim dagegen wenig. Haben die Eltern den Eindruck, dass ihr Kind sein Essverhalten nicht mehr ändern kann, sollten sie genau das sagen: "Ich glaube, du schaffst es nicht alleine. Wir holen Hilfe." Ein Ansprechpartner ist der Hausarzt, der organische Ursachen für den Gewichtsverlust ausschließen kann. Hilfe geben auch Jugendberatungsstellen. Der nächste Schritt sei dann ein Psychologe oder Psychotherapeut.
Quelle: dpa
anonym schrieb:
am 23. August 2011 um 18:45:27
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Magersucht
Ich bin nicht magersüchtig, aber nur weil ich zu wenig Disziplin habe, ich passe genau in das Muster: Ich habe gute Noten, immer
Einser oder Zweier, finde mich viel zu dick, habe schon viel ausprobiert, bin immer wieder gescheitert, bin mit meinem BMI von 21 nicht zufrieden, ... Ich will auch nicht magersüchtig werden, sondern nur dünner damit ich in die Kleidung passe, die es zu kaufen gibt!
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