28.03.2012, 10:06 Uhr
Angeblich kein Hunger - wenn Kinder sich den Mahlzeiten entziehen, kann Magersucht dahinter stecken. (Foto: imago)
Wann müssen sich Eltern Sorgen machen, wenn das Kind immer dünner wird oder ein sonderbares Essverhalten entwickelt? Nach einer Studie des Robert Koch-Instituts (RKI) hat ein Fünftel der 11- bis 17-jährigen Jugendlichen eine Essstörung. Betroffen sind zu 90 Prozent Mädchen. Wir nennen zehn Anzeichen für Essstörungen wie Magersucht, Bulimie oder Binge Eating.
In der Pubertät durchläuft der Körper einen enormen Veränderungsprozess, der auch die Psyche durcheinanderwirbelt. Aus dem schmächtigen Mädchen wird eine junge Frau mit weiblichen Proportionen, der Moppel entwickelt sich zum Schlaks, die Launen pendeln von einem Extrem ins andere. Da ist es für Eltern nicht immer eindeutig erkennbar, ab wann Gewichtsveränderungen nicht mehr normal und Verhaltensweisen krankhaft sind. Zudem entwickeln die Betroffenen Strategien, mit denen sie ihre Essstörung lange verborgen halten können.
Ziehen sich Jugendliche öfters von Familienmahlzeiten zurück und wollen lieber allein essen, kann das auf eine Magersucht hindeuten. Auch wenn sie ihr Essen lieber selbst zubereiten möchten oder vorgeben, bereits gegessen zu haben, sollten Eltern hellhörig werden, rät Professor Frank Häßler von der "Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie" in Berlin. Typisch sei außerdem, dass die Betroffenen sich ausgiebig mit Lebensmitteln und deren Kaloriengehalt befassen, extrem viel Sport treiben oder sich mehrfach täglich auf die Waage stellen.
Die Zahl der sogenannten jungen Komasäufer ist allerdings steigend. Das geht aus dem Drogen- und Suchtbericht 2011 der Bundesregierung hervor. zum Video
Je früher eine Essstörung erkannt wird, desto besser lässt sie sich behandeln. Betroffene haben Häßler zufolge ein geringes Selbstwertgefühl und ein verzerrtes Selbstbild, so dass sie sich trotz Untergewichts zu dick fühlen. Ursache können neben genetischen Faktoren oder Störungen der Hirnfunktion auch familiäre, soziale oder gesellschaftliche Faktoren sein. Dazu zählen zum Beispiel ein allgemeiner Schlankheitswahn oder eine Mutter, die selbst ständig Diäten ausprobiert. Schätzungsweise ein Prozent der Mädchen und jungen Frauen erkranken im Laufe ihres Lebens an einer Essstörung.
Für die meisten Eltern ist es sehr schwierig, mit der Essstörung des Kindes klarzukommen. Sie werden von Schuldgefühlen geplagt, fürchten das Gerede von Verwandten und Bekannten und finden nicht den richtigen Zugang zu ihrem Kind. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzGA) rät, sich zunächst umfassend zu informieren. Die BzGA hat eine Internetseite zum Thema Essstörungen gestaltet, außerdem finden Eltern Rat bei Kinder- und Jugendärzten sowie bei Beratungsstellen,
Menschen mit Essstörungen leiden an einem veränderten Körperbild und negativem Selbstkonzept. Es gibt dabei zwei unterschiedliche Arten von Essstörungen. zum Video
Zwei wesentliche Ratschläge der BzGA lauten: Die Essstörung des Kindes als Krankheit akzeptieren und sich selbst nicht in Schuldgefühlen zu verlieren. Ebenso wenig helfe es, dem Kind Vorwürfe zu machen oder es mit guten Ratschlägen zum Essen überreden zu wollen. Die Experten raten, in einem ruhigen Moment das Gespräch mit dem Sohn, beziehungsweise der Tochter zu suchen. Dabei sollte nicht dass verringerte oder erhöhte Körpergewicht das Hauptthema sein, sondern die Veränderungen, die die Eltern im Verhalten des Kindes wahrnehmen, aber auch die Gefühle und Ängste, die dies auslöst. Es erfordert durchaus Stärke, nicht die Fassung zu verlieren, wenn das Kind leugnet oder aggressiv reagiert.
Angehörige sollten sich darüber im Klaren sein, dass sie dem Kind die Essstörung nicht mit Druck oder gutem Zureden "austreiben" können. Es handelt sich um eine seelische Störung, die schwere Gesundheitsschäden zur Folge haben kann. Deshalb sollten Eltern darauf bestehen, einen Arzt aufzusuchen. Gleichzeitig sollten sie dem Kind signalisieren, dass sie es in seinem individuellen Weg aus der Krankheit unterstützen und gegebenenfalls zu einer Familientherapie bereit sind. Die BzgA rät, das Kind auf lokale Beratungseinrichtungen oder anonyme Telefonberatung hinzuweisen, damit es selbst den ersten Schritt tun kann.
Fast immer leiden das Familienleben und die Beziehung der Eltern unter der Magersucht oder Bulimie ihres Kindes. Daher betonen die Experten der BzgA, dass Eltern sich auch Freiräume schaffen müssen: "Wird die Esssituation unerträglich, so dass sie selbst nicht mehr entspannt essen können, dann vereinbaren Sie, dass getrennt gegessen wird." Außerdem sollte die Essstörung und der Umgang damit auch den Geschwistern gegenüber offen thematisiert werden.
Quelle: tze , dpa
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