22.12.2010, 16:35 Uhr | dos
Bereits während der Schwangerschaft können Untersuchungen zeigen, ob ein Kind bestimmte Krankheiten hat. (Bild: imago) (Quelle: imago)
Ein gesundes Kind zur Welt zu bringen, steht bestimmt ganz oben auf der Wunschliste der meisten Schwangeren. Sichere Vorhersagen gibt es allerdings nicht. Doch Ärzte sind in der Lage, mithilfe moderner Untersuchungsverfahren bestimmte Krankheiten oder Behinderungen eines Kindes bereits in der Schwangerschaft festzustellen. So können sie zum Beispiel durch eine Fruchtwasserentnahme einzelne Zellen des Embryos oder der Fruchtblase gewinnen und die darin enthaltene Erbsubstanz auf genetische Anomalien untersuchen. Aber ohne Risiko ist das nicht, denn solche Entnahmen können zu Fehlgeburten führen. Nutzen und Risiko sollten daher gründlich erwogen werden.
Moderne Untersuchungsmethoden bringen so manches ans Tageslicht, was normalerweise während einer Schwangerschaft im Dunkeln - sprich hinter der Bauchdecke verborgen - liegt. So können werdende Eltern schon zu einem frühen Zeitpunkt relativ sicher das Geschlecht ihres Kindes erfahren. Sogenannte Pränataluntersuchungen, also Untersuchungen vor der Geburt, verraten aber auch vieles über die Gesundheit des Kindes. Ärzte können zum Beispiel durch die Bauchdecke von Schwangeren hindurch Fruchtwasser entnehmen. Ab der 14. bis 16. Schwangerschaftswoche hat sich so viel davon gebildet, dass mithilfe einer Hohlnadel einige Milliliter davon absaugt werden können. Im Fruchtwasser befinden sich Zellen des Ungeborenen und damit auch dessen Erbmaterial, in dem bestimmte Erkrankungen bereits verankert sein können. Durch die Untersuchung von Fruchtwasserzellen, auch Amniozentese genannt, können Ärzte eine lange Liste von Störungen diagnostizieren: zum Beispiel ein Down-Syndrom, die häufigste angeborene Behinderung von Menschen, oder eine Spina bifida, ein "offener Rücken", bei dem Teile des Rückenmarks nach außen treten können.
Mit zunehmendem Alter steigt das Risiko, ein behindertes Kind zur Welt zu bringen. In Deutschland ist heute fast jede fünfte schwangere Frau über 35 Jahre alt und zählt damit zu den sogenannten „Risikoschwangeren“. Insgesamt schätzen Experten, dass weltweit etwa jedes 20. Kind mit Fehlbildungen auf die Welt kommt, kleinere Fehlbildungen sind dabei nicht eingeschlossen.
Doch eine Fruchtwasseruntersuchung ist nicht ungefährlich: Etwa in einem von 200 Fällen kommt es durch sie zu einer Fehlgeburt. Demgegenüber hat aber nur eins von rund 350 Kindern von 35-jährigen Frauen ein Down-Syndrom. Bei Kindern von 40-Jährigen ist diese Wahrscheinlichkeit dann mit etwa eins zu 100 schon höher als das Risiko einer Fehlgeburt durch eine Fruchtwasseruntersuchung. Schwangere und ihre Partner sollten Nutzen und Risiko einer Amniozentese gemeinsam mit ihrem Frauenarzt sorgfältig gegeneinander abwägen.
Mithilfe von Ultraschalluntersuchungen können Ärzte dieses Risiko besser einschätzen. Auch der sogenannte Triple-Test gibt Hinweise. Hier wird im Blut der Schwangeren der Spiegel dreier Hormone untersucht. Wenn das Kind an einem Down-Syndrom oder einem offenen Rücken leidet, sind diese Werte bei der Mutter meist verändert. Bei einem auffälligen Befund wird der Frauenarzt zu einer Amniozentese raten. Auch wenn der Verdacht auf eine Blutgruppenunverträglichkeit zwischen Mutter und Kind besteht, kann eine Fruchtwasseruntersuchung zeigen, ob eine Therapie notwendig ist.
Eine Fruchtwasseruntersuchung kann im günstigsten Fall dazu beitragen, werdenden Eltern Ängste zu nehmen und dadurch zu einer unkomplizierten Schwangerschaft beitragen. Eine Behinderung verhindern kann sie hingegen nicht. Was ist, wenn sie das gefürchtete Ergebnis liefert und sagt, das Kind sei mit großer Wahrscheinlichkeit behindert, vielleicht sogar schwer?
Bestimmt können sich werdende Eltern durch eine frühe Diagnose besser auf ein behindertes Kind vorbereiten. In anderen Fällen entscheiden sie sich allerdings gegen das Kind und für einen Schwangerschaftsabbruch. Möglicherweise wären Kind und Eltern ohne Abtreibung dennoch glücklich geworden. Das kann niemand wissen. Außerdem sind bei Fruchtwasseruntersuchungen Fehldiagnosen zwar extrem selten, aber immerhin möglich.
Es gibt Eltern, die während der Schwangerschaft nicht einmal das Geschlecht ihres Kindes erfahren möchten. Ein Blick in die Gene des Kindes zu diesem Zeitpunkt offenbart Dinge von viel größerer Tragweite. Auf keinen Fall sollte in unserer Gesellschaft das Gefühl entstehen, ein behindertes Leben sei unter keinen Umständen lebenswert und eine frühe genetische Untersuchung daher notwendig. Werdende Eltern sollten sich über ihre eigenen Empfindungen im Klaren sein und dann mit einem Arzt ihres Vertrauens sprechen.
dos
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