08.02.2012, 15:26 Uhr
Inklusion: Behinderte und nichtbehinderte Kinder lernen gemeinsam. (Quelle: dpa)
Deutschlands Bildungssystem steht vor einer Herkulesaufgabe: Inklusion. Gemeinsames Lernen von Kindern mit und ohne Behinderung soll der Regelfall werden - ein fundamentaler Wandel für das Schulsystem. Eine UN-Konvention verpflichtet dazu. Bei der Umsetzung hapert es aber noch. Deutschland ist Europas Schlusslicht in Sachen Inklusion. Ursachensuche: Was sind eigentlich die Vorbehalte bei Eltern und Schulen?
Zwei plus acht? Unlösbar, findet Mick. Seine Tischnachbarin Anna hadert mit dem Buchstaben M. Beide Erstklässler sind lernbehindert - und gehen doch in eine Regelschule. Ihr Arbeitsblatt sieht aber anders aus als das der Mitschüler. In der 2c nebenan lernt die geistig und körperlich behinderte Nikola gemeinsam mit gesunden Kids. Kann so was überhaupt funktionieren? Ja, sagen die - noch wenigen - praktizierenden Schulen. Im Fachjargon heißt das gemeinsame Lernen von Kindern mit und ohne Behinderung Inklusion. Diese auf Elternwunsch anzubieten, ist seit Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention 2009 in Deutschland verpflichtend.
Die St.-Konrad-Schule im nordrhein-westfälischen Neuss gehört zu den Schulen, die sich der Aufgabe stellen. In acht von zwölf Klassen wird "inklusiv" gearbeitet. Spielend leicht ist das nicht. Das Unterrichtskonzept muss die unterschiedlichen Fähigkeiten der Kinder berücksichtigen, sagt Schulleiter Winfried Godde. "Die Lehrer gehen ihren Unterricht anders an, planen ihn gemeinsam mit einem Sonderpädagogen." Seine Beobachtung: "Die behinderten Kinder lernen von den anderen. Sie imitieren, sind motiviert und strengen sich mehr an. Es gibt hier mehr Impulse für diese Kinder als in Einrichtungen, wo alle stark lernbehindert oder geistig behindert sind". Und: "Auch Regelkinder profitieren deutlich. Sie erwerben zusätzlich soziale Kompetenzen."
Noch bekommt Deutschland schlechte Noten bei der Pflichtaufgabe Inklusion: Nur 20 Prozent von bundesweit 485.000 Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf lernen an einer Regelschule, wie eine Studie der Bertelsmann Stiftung vom September 2011 zeigt. "Bei der Inklusion sind wir erst am Anfang in Deutschland - und Schlusslicht in Europa", kritisiert Adolf Bauer, Präsident des Sozialverbands Deutschland (SoVD). "Die Bereitschaft, für behinderte Kinder wirklich etwas zu tun, ist leider gering."
Die Bundesländer - Schulpolitik ist Ländersache - sind laut SoVD unterschiedlich weit: Bremen und Schleswig-Holstein liegen vorne, Niedersachsen und Hessen eher hinten, NRW mit 15 Prozent unter der durchschnittlichen Quote. "Es ist ärgerlich, dass der Bund nicht den Weg weist. Wir nehmen behinderten Kindern die Chance auf eine optimale Förderung und Ausbildung. Wir gliedern sie aus", sagt Bauer. Allerdings haben Studien zufolge viele Eltern Vorbehalte gegen den gemeinsamen Unterricht - vor allem, wenn es um geistig behinderte oder verhaltensauffällige Kinder geht. Bauer meint, in manchen Fällen - etwa bei autistischen Kindern - sei die Regelschule wohl überfordert. Aber insgesamt sei mehr Tempo nötig: "Der Inklusion wird nicht die nötige Priorität eingeräumt."
Sicher auch, weil Inklusion Geld kostet und Arbeit macht. "Der Unterricht muss gut organisiert sein, ist sehr intensiv, weil wir parallel verschiedene Lerninhalte haben", erklärt Lehrerin Gisela Stark. In Kernfächern wie Mathe oder Deutsch nimmt Sonderpädagoge Hans-Joachim Boos schwache Kinder aus allen drei ersten Klassen auch schon mal raus: "Wir arbeiten dann in kleiner Gruppe da weiter, wo die Schüler gerade stehen. Sonst sind die Kinder immer zusammen, das fördert und baut Berührungsängste ab."
Die Sorge mancher Eltern, ihre leistungsstarken Sprösslinge würden ausgebremst, sei unbegründet, betont Stark. "Die Kinder schaffen den vorgesehenen Level." Boos ergänzt: "Und die Kinder mit besonderem Förderbedarf lernen hier schnell und mit viel Freude. Das Ziel ist aber nicht, dass sie am Ende das Gleiche schaffen." Schulleiter Godde ist überzeugt: "Es gibt kein Kind, das nicht integriert werden könnte, aber man muss den Schulen schon die Voraussetzungen geben." Dazu gehören Baumaßnahmen, Sonderpädagogen, Integrationshelfer. Eine solche Kraft hilft auch Rollstuhlfahrerin Nikola im Schulalltag - etwa beim Umziehen oder bei Toilettengängen.
"International wird zu 85 Prozent inklusiv unterrichtet, bei uns sind es nur 20 Prozent", sagte Klemm. Dabei ist Deutschland mit der seit 2009 geltenden UN-Behindertenrechtskonvention verpflichtet, allen behinderten Kindern - auf Wunsch der Eltern - einen gemeinsamen Unterricht in einer Regelschule zu ermöglichen. Davon sei Deutschland aber noch weit entfernt: "In den 50er, 60er Jahren galt es als fortschrittlich, für behinderte Kinder möglichst viele Sonderschulen zu errichten. Seit ein paar Jahren weiß man auch in Deutschland: Das ist eine Sackgasse."
Deshalb sind positive Beispiele so wichtig, um die Inklusion voranzutreiben. "Nikola benötigt wegen ihrer Tetraspastik Hilfen beim Schreiben, Malen und Ausschneiden durch eine Schulbegleiterin. Sie macht gute Lernfortschritte und ist total beliebt in der Klasse", erzählt Sonderpädagogin Gabriele Sponheimer-Golüke. "Ohne Schulbegleitung und Sonderpädagogen wäre das für uns Lehrer aber nicht zu stemmen", sagt Klassenlehrerin Irmgard Schymura. Mitschülerin Vera unterstützt Nikola derweil im Sachunterricht beim Gestalten eines Tier-Plakats: "Wir helfen der Nikola auch manchmal. In der Pause dürfen wir sie schieben. Die Nikola ist nie allein."
Lesen Sie dazu auch das Gespräch mit dem Bildungsexperten Klaus Klemm.
Quelle: dpa
Otto schrieb:
am 14. Februar 2012 um 19:19:08
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Na,
Deutschland ist nicht nur bei der Inklusion Schlusslicht!
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Püpi schrieb:
am 14. Februar 2012 um 13:07:12
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Inklusion
Was recht einfach klingt scheitert oft schon an den Baulichen Maßnahmen, unsere Grundschule hat schon alleine im Erdgeschoss 2 mal
Treppenstufen. Wie jemand mit Rollstuhl in die Musikräume nach oben kommt ???
Wer bildet die Lehrer aus mit Diabetes, Spastischen Lähmungen etc. umzugehen.
Wir erleben jeden Tagmit großer Dankbarkeit das es Lehrer gibt die sich um unsere Diabetische Tochter kümmern, gesetzlich abgesichert sind sie jedoch nicht. Messen, spritzen, Medikamente. dürfen sie nicht geben.
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Mutter schrieb:
am 13. Februar 2012 um 09:46:01
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Quatsch
Wem soll das eigentlich nützen? Um Inklusion brauchbar umzusetzen, bräuchte man Gruppengrößen von ca. 10-12 Kindern, dann kann
der Lehrer jedes Kind individuell fördern. Mit 24 Kindern und mehr kommt kein Schüler zu seinem Recht und die Lehrer werden überfordert und verheizt. Allerdings, bei unserer Rate an Verhaltensauffälligkeiten wird der Anteil der "normalen" Schüler bald so gering sein, dass Inklusion zwangsläufig stattfinden wird.
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