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Intergration: Den "Kampf ums Klassenzimmer" verloren - "Horror-Schule" existiert nicht mehr

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"Horror-Schule" existiert nicht mehr

17.09.2010, 12:14 Uhr | mmh, rw

Schüler aus der ARD-Doku "Kampf im Klassenzimmer".

Schüler der viel diskutierten "Horror-Schule" in Essen. (Bild: ARD) (Quelle: Hersteller)

Manchmal werden sie nur verhöhnt, oft sogar geschlagen. Mit ihnen wird in der Klasse kaum geredet, sie ziehen sich zurück, sagen kaum noch ihre Meinung - kurz, sie sind nicht integriert in der Schule. Die Rede ist nicht von Migranten-Kindern an einer deutschen Schule, sondern von deutschen Schülern einer hiesigen Hauptschule. Deren Wirklichkeit offenbart die ARD-Doku "Kampf im Klassenzimmer", die gestern im WDR wiederholt und danach von einer Diskussionsrunde ergänzt wurde. bild.de schrieb nach der Ausstrahlung der "Schock-Doku" von einer "Horror-Schule". Ist das die Realität in Deutschlands Schulen? Wie schwierig ist das Miteinander wirklich?

Ausgrenzung deutscher Schüler

"Sie werden nicht jeden Tag mit dem Messer bedroht..., aber die Kinder mit Migrationshintergrund haben hier eindeutig das Sagen", so die Direktorin der Schule im Film. "Red nicht mit der, das ist bloß eine deutsche Schlampe!", so hören es auch die Lehrerinnen. "Wenn Ramadan ist, ist Ausnahmezustand. Beim letzten Mal ging es soweit, dass sie uns ins Essen gespuckt haben", berichtet die Hauswirtschaftslehrerin. "Man sagt immer, dass die Ausländer diskriminiert werden, aber hier läuft es andersrum." Das sind nur einige Äußerungen aus der ARD-Doku vom Juli diesen Jahres, die gestern im WDR wiederholt worden ist.

Schließung schon vor den Dreharbeiten beschlossen

Inzwischen wurde die Karnap-Hauptschule aufgelöst. Ein Zusammenhang mit der Berichterstattung in der ARD wird von den verantwortlichen Essener Behörden allerdings bestritten. Laut Schulverwaltungsamt sei die Schließung längst beschlossene Sache gewesen. "Wegen sinkender Schülerzahlen haben wir unsere Hauptschulen in den letzten Jahren von dreizehn auf sechs reduziert", so Behördenchef Rainer Gebhard gegenüber dem Onlinenews-Portal "derwesten.de". Auch die ehemalige Rektorin der Schule Roswitha Tschüter erklärt, die Zusammenführung sei schon vor den Dreharbeiten bekannt gewesen. Sonst hätte sie auch nie die Drehgenehmigung erteilt. "Keine Schule gibt gerne zu, dass es Probleme gibt", so die Pädagogin. Schließlich wirke ein solches Geständnis negativ auf die Anmeldezahlen. Ihr sei es aber darum gegangen das Grundproblem, nämlich das immer stärkere Auseinanderdriften der Kulturen, öffentlich zur Diskussion zu stellen. Die Gelegenheit, dies zu tun, ohne ihrer eigenen Schule zu schaden, schien wegen der bevorstehenden Auflösung günstig.

"Keiner hat mit mir gesprochen"

Den Fernsehmachern der ARD sei es allerdings nie darum gegangen, die bestehenden Probleme wirklich differenziert zu beleuchten. "Ich hatte mich extra schick gemacht für die Leute vom Fernsehen", witzelt Tschüter, "aber die waren drei Tage lang da und plötzlich wieder weg, ohne dass mit mir jemand gesprochen hätte." Auch in der gestrigen WDR-Doku war die Schulleiterin nicht vertreten. "Ich bin nicht gefragt worden", kritisiert sie. Trotzdem seien die Grundprobleme, über die im Rahmen der Doku berichtet wird, nach wie vor akut. Seit dem elften September beobachteten sie und ihre Kollegen, dass der Graben zwischen den muslimischen Schülern und den übrigen stetig wachse. Sie schotteten sich ganz bewusst von den Andersgläubigen ab, so Tschüter.

Die Kluft zwischen den Kulturen wächst

"Die fühlen sich wirklich als was Besseres", beschreibt die Rektorin die Weltsicht ihrer muslimischen Schützlinge. "Die türkischen Kinder der dritten Generation sind schlechter integriert als die der zweiten", analysiert Tschüter. Die Akzeptanz der deutschen Kultur wachse nicht mit den Generationen, sondern habe weiter abgenommen. "Die sind hier geboren und trotzdem ziehen die sich immer weiter zurück. Ich weiß auch nicht, wer denen das eintrichtert, ob Presse, Eltern oder die Moscheen?", gibt sich die Rektorin ratlos, weshalb sich ihre Schülerschaft immer stärker untereinander entfremdet. Als Hauptschule werde man mit dieser Problematik ziemlich alleingelassen. Für einen Schulpsychologen werde an ihrer neuen Schule gerade einmal eine halbe Stelle frei gehalten, den Rest der Integrations- und Vermittlungsarbeit zwischen den Schüler müssten die Lehrer leisten. "Wir können unter den Bedingungen keine vernünftigen Ergebnisse erzielen."

Die Jugendlichen sitzen zwischen allen Stühlen

Wichtig ist es der Rektorin, dass ihre Einschätzungen nicht missdeutet werden. "Ich kam und komme bis heute mit fast allen Schülern gut klar", so Tschüter. Was die Pädagogin beabsichtigt ist nicht, Stimmung gegen Muslime zu machen, sondern ein Problembewusstsein zu schaffen. Natürlich besteht immer die Gefahr, dass Äußerungen, die auf Migrationsproblematiken hinweisen, von rechten Hetzern vereinnahmt werden. So wurde auch die ARD-Doku vorübergehend auf den Internetseiten der rechtsextremen NPD integriert bis der Sender dem juristisch einen Riegel vorschob.

Trotzdem ist es, auch wenn es natürlich viele Beispiele gelungener Integration gibt, auch wichtig, bestehende Probleme und Fehlentwicklungen zu benennen - und zwar nicht gegen, sondern im Sinne der Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Denn am meisten leiden sie unter der von Tschüter beobachteten Entwicklung. Sie sitzen zwischen allen Stühlen. Zwischen der mitteleuropäischen Mehrheitsgesellschaft mit totaler Freizügigkeit einerseits und den traditionellen, zum Teil ultrakonservativen Werten ihrer Eltern andererseits. Die Kinder und Jugendlichen tun der Rektorin in erster Linie leid: "Wo sollen die denn Orientierung finden?"


Quelle: t-online.de

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