19.09.2011, 09:15 Uhr
Junge oder Mädchen? Oder gibt es noch ein drittes Geschlecht? (Foto: Archiv)
Junge oder Mädchen? Nicht bei jedem Baby lässt sich diese Frage so einfach beantworten. Soll man diese Laune der Natur operativ korrigieren oder gibt es ein "drittes Geschlecht"? Intersexualität heißt dieses Phänomen, also "Zwischengeschlecht", das bei etwa einem Kind unter 5000 Neugeborenen auftritt.
Bei einem von etwa 5000 Neugeborenen ist nach Schätzungen von Medizinern das Geschlecht nicht klar erkennbar. Die betroffenen Kinder kommen mit Fehlbildungen der Hoden, der Eierstöcke oder der äußeren Geschlechtsmerkmale zur Welt. So haben beispielsweise Mädchen eine penisartig vergrößerte Klitoris, ihr inneres Genital und auch ihre sexuelle Identität sind jedoch weiblich. In anderen Fällen produzieren genetisch männliche Kinder keine männlichen Hormone, so dass sie äußerlich weiblich wirken.
Mit den neuesten Diagnose- und Therapiemöglichkeiten dieser angeborenen Besonderheiten der Geschlechtsentwicklung (Disorders of Sex Development, DSD) befasste sich im Mai eine internationale Tagung in Lübeck zum Thema Intersexualität. Die Betroffenen-Organisation "Zwischengeschlecht.org" rief zu Protesten gegen das Treffen auf. Sie wirft den Medizinern "menschenrechtswidrige Genitalverstümmelung an Zwittern" vor.
An der Veranstaltung nahmen mehr als 120 Wissenschaftler teil, unter anderem aus den USA und Australien. Seit rund zehn Jahren kümmern sich am Campus Lübeck des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH) Kinder- und Jugendärzte, Hormonspezialisten, Chirurgen und Humangenetiker um die Betreuung von betroffenen Familien, erforschen speziell die Rolle der Hormone bei den meist vererbten Störungen. In ganz Europa gibt es solche Arbeitsgruppen, die im Netzwerk EuroDSD zusammengeschlossen sind und die in Lübeck ihre Forschungsergebnisse vorstellen.
Die Aktivisten von "Zwischengeschlecht.org" dagegen bezeichnen das Netzwerk als eine der "weltweit größten internationalen Genitalverstümmler-Organisationen". Sie propagiere medizinisch nicht notwendige Genitaloperationen, die mit der Beschneidung von Mädchen in islamisch geprägten afrikanischen Ländern vergleichbar sei, heißt es in einem Aufruf der Organisation.
"Wir nehmen die Proteste sehr ernst", sagte der Leiter der Tagung, Olaf Hiort von der Klinik für Kinder-und Jugendmedizin am UKSH. "Doch in den letzten 15 Jahren haben sich die Behandlungsmethoden dieser Störungen und auch der Zugang dazu grundlegend geändert. Es gibt schonendere Operationsmethoden, verfeinerte Hormontherapien und vor allem werden die Familien von Anfang an bei der Überlegung mit einbezogen, welche Behandlungsmethoden infrage kommen."
"Nicht in allen Fällen muss sofort operiert werden. Aber früher oder später stehen Eltern doch vor der schwierigen Entscheidung, in welchem Geschlecht das Kind aufwachsen soll", sagte Hiort. "Im gewissen Sinne sind es tatsächlich kosmetische Operationen", räumt Hiort ein. "Aber es geht ja auch darum, Kindern und Jugendlichen ein Aufwachsen möglichst nah an der Normalität zu ermöglichen", sagte er.
Quelle: dpa
SKB schrieb:
am 20. Mai 2011 um 23:20:12
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Intersexualität
Was ist Normalität? Das gesellschaftliche Vorbild mit seiner festgelegten sozialen Rollenverteilung? Ist es (noch) ein
gutes? Ist es ein (zunehmend) schlechtes? Ist es (eventuell) korrekturbedürftig? Jeder Mensch sollte sich bei vorliegender Intersexualität in entscheidungsbewusstem Alter zu seinem/ ihrem „Wunschgeschlecht“ frei entscheiden dürfen. Frühere Entscheidungen durch Eltern und Ärzte widersprechen selbst Wissenschaftlern, die bis heute bildungsmäßig gern und oft zitiert werden. (cb)
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