23.01.2012, 16:33 Uhr | Simone Blaß
"Wie von einem anderen Stern" - Teenager im Haus strapazieren die Nerven. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)
Wenn man einen Jugendlichen zuhause hat, dann ist Vertrauen gefragt. Denn schließlich kann man mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit darauf vertrauen, dass er oder sie einiges ausprobieren und anstellen wird. Und man muss darauf vertrauen, dass das Fundament, das man in den Jahren der Kindheit geschaffen hat, auch halten wird. Kein Wunder, dass das Wort "Pubertät" für viele fast wie eine Bedrohung klingt. Zu Unrecht. Aber es ist eine Zeit, in der sich einiges verändert. Nicht nur bei dem jungen Menschen, sondern im ganzen Familiensystem. Das sind die Marotten der Teenager.
Ein Teenager, der immer das macht, was seine Eltern für richtig halten, hat - aus der Sicht der Entwicklungspsychologie betrachtet - Probleme. Es gelingt ihm nämlich nicht, sich abzulösen. Dies nur im Vorfeld als Trost für diejenigen Eltern, deren jugendliche Kinder den Ablösungsprozess etwas ausführlicher gestalten. So wie Cora. Die Fünfzehnjährige war von einem Tag auf den anderen nicht mehr wiederzuerkennen. Sie trägt Klamotten, die eher an japanische Comics als an angemessene Straßenkleidung erinnern, ihre Augen sind schwarz umrandet und die Haare so rosa wie ihr Hello Kitty-Armband, an dem zusätzlich ein paar Totenköpfe baumeln. Der Grund dafür ist ganz einfach: Cora hat Anschluss an eine neue Clique gefunden und pflegt den Emo-Style bis ins Detail. "Inklusive dem coolen Getue und der Tatsache, dass plötzlich alles andere wichtiger ist als die Schule", verdreht ihr Vater die Augen. Auch, dass ihre Röcke für seinen Geschmack deutlich zu kurz sind, nervt ihn. "Dauernd gibt es Diskussionen. Dabei dachte ich schon, wir kommen um all das herum. Schließlich war sie bis vor ein paar Wochen noch völlig normal. Aber jetzt könnte man meinen, unsere Tochter käme von einem anderen Planeten!"
Die 44-jährige Marion hat inzwischen gelernt, nicht mehr im Bad stundenlang nach ihrer Mascara, nach Kajal und Nagellack zu suchen, sondern gleich in das Zimmer ihrer Teenie-Tochter zu gehen und ihre Schminkutensilien dort zu holen. Warum Taschengeld dafür ausgeben, wenn es Mama sowieso hat? Nur das mit dem Zurückbringen klappt noch nicht so ganz.
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Beide genießen die gemeinsamen Shopping-Touren. "Endlich haben wir mal wieder etwas gemeinsam gemacht", Alina strahlt ihre Mutter an, sicherlich auch deswegen, weil Mama ihr einiges spendiert hat, was sie sich selbst nicht hätte leisten können. Dafür hat sie ihrer Mami ja auch kostenlose Stilberatung angedeihen lassen. Marion ahnt schon jetzt, dass sie das Flatter-Kleid, den grünen Nagellack und die hohen Schuhe in ihren eigenen Shopping-Tüten nur selten oder gar nicht tragen wird. Aber ihr zaghafter Einwand "Bin ich dafür nicht zu alt?" wurde von Alina schnell weggewischt. "Ach was Mama!" Welcher Mensch jenseits der 40 hört das nicht gerne aus so einem jungen Mund?
"Ich frag mich ja manchmal, warum sich Marco mit seinen Kumpels nicht einfach trifft, so wie wir früher“, wundert sich Gernot über seinen 16-jährigen Sohn. "Da hockt jeder blass und mit Augenringen in seiner vollgemüllten Bude am PC und chattet. Und wenn sie mal 'live‘ zusammen sind, dann glotzen alle in ihr Handy, als würde das Leben sich dort abspielen.“ Und er ergänzt: "Weiß ja keiner, was die Jungs sich da alles so anschauen und runterladen. Das gibt mir manchmal schon ganz schön zu denken.“
Es klingt eben nur theoretisch ganz einfach, was uns Experten wie Jesper Juul oder Jan-Uwe Rogge mit auf den Weg geben: Kinder, die erwachsen werden, suchen die Auseinandersetzung, brauchen den Konflikt mit den Eltern, aber auch deren Fürsorge. Sie wollen Grenzen, die nicht zu eng sind. Man soll sie loslassen, ihnen aber auch nicht zu viel Freiheit geben. Frei nach Goethe: Es gibt zwei Dinge, die wir unseren Kindern mitgeben sollten: Wurzeln und Flügel. Wir Eltern sollen die Zeit zwischen Ablösung und Bindung genießen und für uns das Beste daraus machen. Eine reichlich anspruchsvolle Aufgabe.
Baustelle im Gehirn, hormonelle Umstellung und dann meist auch noch die erste Liebe - eigentlich ist es logisch, dass die Launen eines Teenagers bisweilen so unberechenbar sind wie Aprilwetter. Nicht unbedingt das reine Vergnügen. Auch die eigenen Toleranzgrenzen haben es nicht immer einfach. Zum Beispiel dann, wenn die gebrauchten Teller und Tassen schon verzweifelt von ganz alleine versuchen, sich ihren Weg durch die verdreckten Wäschehaufen zu bahnen, um zur Spülmaschine zu gelangen. Oder dann, wenn man nachts krampfhaft versucht wachzubleiben, um das flügge gewordene Töchterlein sicher um ein Uhr morgens von einer Party abzuholen und dafür dann als "voll peinlich" beschimpft wird.
Dabei kann es sehr bereichernd sein, einen oder mehrere Jugendliche im Haus zu haben. Ihre Ansichten über Mode und Gesellschaft, über Politik und Umweltschutz sind unverbraucht. Die Argumente so, dass man sich als Erwachsener bisweilen dafür schämen könnte, seinen Idealismus unterwegs irgendwo verloren zu haben. Das Schöne ist, jetzt hätte man die Zeit, ihn zu suchen, denn man braucht keinen Babysitter mehr, um das Haus zu verlassen.
Vorbei die Zeiten der netten Spielerunden in der Familie, das gemeinsame Gucken von süßen Disney-Filmen, die Ausflüge zum Spielplatz, das Basteln vor Weihnachten und Ostern, aber es gibt auch keine am Kinderbett durchwachten Fieber-Nächte mehr und ewig lange Wartezeiten in der Notfallpraxis, weil eine Platzwunde genäht werden muss. Es gibt kaum mehr Fotos der lieben Nicht-mehr-Kleinen für Mama und Papa, die sind uncool und peinlich, nur noch für die Facebook-Freunde. Manchmal kommt bei Teenager-Eltern Wehmut auf, Sehnsucht auch nach diesen behüteten Momenten.
Die Tatsache, dass Jugendliche nicht mehr so am gewohnten Familienleben teilnehmen wollen und Freunde für ihn oder sie immer wichtiger werden, ist auch in gewisser Weise schmerzhaft. Manche Eltern versuchen dann, unbedingt an den alten Gewohnheiten festzuhalten, andere lassen den Teenager komplett laufen. Beides, so der Diplompsychologe Ulrich Gerth, wirkt sich negativ auf die Entwicklung aus: "Wenn man sich über alles aufregt, dann provoziert man nur unnötige Eskalation und verstärkt die ganz natürlichen Abgrenzungsbedürfnisse des Jugendlichen hin zu einem 'Dann mach ich’s erst recht nicht!'" Es macht aber, erklärt der Vorsitzende der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (bke) weiter, auch keinen Sinn, einem Teenager zu unterstellen, dass er in der Lage ist, von heute auf morgen erwachsen zu werden. "Unsere Kinder wollen trotzdem, dass wir uns um sie kümmern. Einen gesunden Mittelweg zu finden, ist dabei eine ständige Herausforderung. Schließlich sind viele Gefühle im Spiel. Den Jugendlichen ernst nehmen, reagieren, wenn es nötig ist und ansonsten eine Form der Gelassenheit entwickeln."
Eltern von Teenagern brauchen zweifelsohne eine gewisse Gelassenheit, vor allem aber brauchen sie starke Nerven. "Jakob lässt die Schule total schleifen", beschwert sich seine Mutter, deren zwei pubertierende Jungs sie teilweise an den Rand ihrer Kraft bringen. "Wenn ich früh zur Arbeit muss, liegt er immer noch im Bett und immer öfter verlässt er es vor Schulschluss gar nicht mehr. Ich weiß nicht, was ich tun soll, ich kann ihn ja nicht hinzerren. Alles habe ich schon probiert, von den Engelszungen über Belohnung bis hin zu Strafen – ihm ist es einfach egal, er ignoriert mich. Manchmal rede ich und rede ich und dann fällt mir erst irgendwann auf, dass er schon wieder die Stöpsel im Ohr hat und einfach ab und zu mal nickt." Das Erstaunliche ist: Seine Noten sind trotzdem ganz gut. Auch auf Fußballtraining - früher sein ein und alles - hat er absolut keinen Bock mehr.
Sein kleiner Bruder ist da anders. Er geht gern in die Schule, wenn auch mit mäßigem Erfolg. Für ihn ist es mehr ein "Mädelsumschlagplatz" als ein Ort zum Lernen. Entsprechend lange ist er damit beschäftigt, sein Outfit "schulreif" zu machen und so, wie Louis manchmal nach stundenlangem Stylen das Haus verlässt, wünschte sich Sonja so manches Mal die Schuluniform zurück. Wenn sie wagt, das zu kritisieren, schlägt der Junge verbal um sich und seine Mutter kann sich so einiges über ihr eigenes Outfit anhören. Wobei "spießig" noch einer der gemäßigteren Ausdrücke ist.
Man sollte sich, so raten die Experten, innerlich davor wappnen, alles, was gesagt wird, auch gleich persönlich zu nehmen. Was nicht bedeutet, dass man sich alles gefallen lassen muss. "Jugendliche wissen genau, womit sie ihre Eltern treffen können. Letztendlich sollte man das schätzen, denn sie sind ehrlich mit uns und sie kommunizieren mit uns, statt sich zurückzuziehen", gibt der Erziehungsberater Hoffnung. "Die Tatsache, dass sie die Auseinandersetzung suchen, zeigt, dass die Eltern etwas richtig gemacht haben. Wird es allerdings respektlos, dann sollte man sich das selbstbewusst verbitten und notfalls das Gespräch auch einfach erst einmal vertagen.“
Sensibilität, Humor und auch mal das Zurückdenken an die eigene Jugend - all das kann schon dabei helfen, den berühmten "gesunden Mittelweg" zu finden. Jugendliche haben sich schon immer durch Extreme versucht abzugrenzen. Sie brauchen ihren eigenen Stil und ihre eigene Sprache, um klar zu machen, dass sie keine Kinder mehr sind. Und um Teil einer Gruppe zu sein, die sich auf diese Weise äußerlich von anderen unterscheidet. Aufhorchen sollte man aber dann, wenn die Extreme zu extrem werden: Wenn Rassismus ins Spiel kommt, zum Beispiel in Form von Liedtexten, wenn der Verdacht darauf besteht, dass der Jugendliche in Kontakt mit Drogen kommt, im Freundeskreis Koma-Saufen angesagt ist oder Seiten im Netz besucht werden, die Pornografie, Suizid oder Essstörungen verherrlichen. Es ist schwer, hier das richtige Maß zu finden zwischen Vertrauen und kritischem Misstrauen. Und manchmal ist es auch ratsam, sich Unterstützung zu suchen.
Ob Punk oder Raver, ob Autorennen oder Gotcha - die Jugend von heute unterscheidet sich im Grunde nicht wirklich von der von damals. Denn bereits rund 400 Jahre vor Christus hat sich der griechische Philosoph Sokrates über die schlechten Manieren, das Missachten der Autorität und den dauernden Widerspruch der jungen Leute beschwert. Wahrscheinlich nicht zu unrecht.
Quelle: t-online.de
Liebe Mama schrieb:
am 29. Januar 2012 um 19:22:40
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@strenge Mama
Bin auch streng in der Erziehung aber Gewalt gehört für mich definitiv nicht dazu. Mein Kind ist so höflich das sich jeder
freut es zu sehen. Könnte vielleicht daran liegen das ich ihn mit Respekt behandel und er andere dadurch ebenfalls mit Respekt behandelt, da ich es ihm vorlebe! Klappt viel besser als einprügeln, solltest Du und alle anderen die ihre Kinder schlagen vielleicht auch mal probieren!
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Kritiker schrieb:
am 29. Januar 2012 um 19:10:48
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Junge Tyrannen
Als vor diversen Jahre die Ex-Kanzlergattin mehr Disziplin von Kindern + Jugendlichen einforderte, ging ein Aufschrei durch
die Empör-Gesellschaft. Die lieben Kleinen disziplinieren, ihren Verbote und Gebote auferlegen, eventuell für Missetaten sogar bestrafen? Wie antiquiert und unmenschlich! Und? Was haben wir heute (zum Teil!) für kleine Tyrannen, die Erwachsenden auf der Nase rumtanzen (sollen), frech wie Rotz agieren und dafür noch Unterstützung von Erziehern und manchen eltern erhalten?
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Strenge Mama schrieb:
am 29. Januar 2012 um 18:54:30
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Lasst den Kindern alles durch, dann sind sie lieb?!
wir sind früher zu streng erzogen worden. Man hatte großen Respekt, ja sogar manchmal
Angst vor den Eltern, das muß nicht sein. Aber ab und zu eins hinter die Löffen ist keine Kindesmisshandlung und würde eher helfen wie schaden. jetzt werden sicher einige aufbegehren. Aber heute ist es mode den Eltern zu wiedersprechen und frech zu sein. Das ist die heutige Gesellschaft die wir ernten.
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