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Jugendsprachen: Aggressiv und diskriminierend?

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Kehrseite der Jugendsprache

09.09.2009, 16:00 Uhr | mmh

Jugendsprache: Zu oft wird die Grenze zur Diskriminierung überschritten. (Foto: Archiv)

Dieter Bohlen hält "Bitch" als Bezeichnung für eine "DSDS"-Kandidatin nicht für eine Beleidigung, "Hurensohn" ist Umgangssprache auf dem Pausenhof und Texte von Rappern verherrlichen Gewalt und Sexismus. Was ist noch im Rahmen einer normalen dynamischen Entwicklung der jugendlichen Sprachkultur und wo sollten Erzieher und Eltern Grenzen setzen? Wann kippt die Sprache von witzig und knackig zu diskriminierend, verletzend und gewaltverherrlichend?

Beleidigung oder nicht?

"Mama, das meinen die nicht so", beschwichtigt ein 12-jähriger Junge seine Mutter, die sich am Rand des Fußballplatzes aufregt, als sich zwei Jungen mit Ausdrücken wie "Loser" und "Hurensohn" beschimpfen. "Der hat meine Mutter beleidigt" folgt dann sofort als Argument und Entschuldigung für eine Prügelei. Die "großen" Fußballer machen es vor: Wer wegen Hautfarbe oder Religion beleidigt wird, darf ausrasten, auch wenn er dafür eine rote Karte bekommt.

Wo sind Grenzen?

Schwierig wird es, wenn Religion eine Rolle spielt oder verschiedene Kulturkreise unterschiedliche Assoziationen mit einem Wort verbinden. "Du Jude" schallt es über einen Spielplatz eines Mittelstandsviertels. Kann das noch geduldet werden? Eltern wollten die Jugendlichen zur Rede stellen, die aber verdrückten sich schnell. Fußball-Trainer üben inzwischen nicht nur Pässe auf dem Spielfeld, sondern auch den Umgang mit rassistischen Beleidigungen: "Einer unserer besten Spieler kommt aus Afrika, nicht selten zischt ihm ein Gegner im Turnier 'Neger' ins Ohr, aber so leise, dass es kein Schiedsrichter bemerken und ahnden kann", erzählt Heinz Danz, Jugend-Trainer eines Darmstädter Fußballvereins. Er holt gezielt Jungs aus einem sozialen Brennpunkt zum Sport, um ihnen Fairplay zu vermitteln. Schiedsrichter erzählen, dass sich oft arabisch-stämmige Jugendliche mit Beleidigungen beschimpften, die einem ganz anderen Kontext als dem deutschen entstammten. Heinz Danz' Training wirkt ungewöhnlich für Nichteingeweihte: Ein Trainer der einen 10-jährigen Afrikaner beschimpft, während der auf das Tor stürmt, damit er lernt, das zu ignorieren. Abhärtung? Oder Resignation vor dem Missstand der Diskriminierung?

Dynamische Sprachkultur

Jugendsprache ist dynamisch, eine wichtige Abgrenzung zur Welt der Erwachsenen, des Etablierten. Sprache verändert sich. Heute denkt sich kaum mehr jemand etwas, wenn in einer Werbung das Wort "geil" als Synonym für "toll" oder "umwerfend" verwendet wird. Dieter Bohlen, Juror bei DSDS, bezeichnete die Kandidatin Annemarie nach einem Auftritt als "Bitch", also als "Schlampe". Er beruft sich darauf, dass dies längst nicht mehr die ursprüngliche wörtliche Bedeutung habe und in der Jugendsprache anders verwendet würde. Allerdings ist Dieter Bohlen kein Jugendlicher mehr und die so angesprochene erst 18-jährige Annemarie schluckte schwer an diesem angeblich "normalen" Wort.

Eltern: einfach zusehen?

Kinder und Jugendliche sollen ihre eigene Kultur pflegen, aber auch Grenzen kennen. Eltern fragen sich, ob es sein kann, dass die Dynamik der Sprachkultur zulassen kann, dass in Deutschland "Jude" als Schimpfwort in die Jugendsprache aller Jugendlichen eingeht. Werbeslogans, die das Wort "geil" verwenden für knappe Mädchenkleidung? "Bitch" für freche Mädchen?

Musik transportiert Sprache und Lebensstil

Rap und Hip Hop sind die Transportmittel der Jugendsprache. Kurze Sätze, gebrochene Reime, krasse, sexistische Wortwahl. Auch wenn es nicht der eigene Musikgeschmack ist, sollten sich Eltern Musikvideos gemeinsam mit ihren Kindern ansehen, mal den MP3-Player der Kinder ausleihen und über die Texte sprechen. Nicht selten wird dort sexistische oder körperliche Gewalt verherrlicht, die sich im Lebensstil der Rapper widerspiegelt, oft auch in erfundenen "Legenden". Erst jetzt wieder stand ein Rapper vor Gericht und wurde zu acht Monaten Haft mit Bewährung wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt. Laut Anklage hat der 26-jährige Rapper "Massiv", der gerne den harten Hip-Hopper gibt, von seinen Begleitern unbeteiligte Konzertbesucher verfolgen und zusammenschlagen lassen. Auslöser war eine Massenschlägerei, nachdem "Massiv" bei einem Auftritt von der Bühne geprügelt wurde. "Im HipHop macht man das so - dass man rumprotzt, um als Sieger dazustehen." So kommentierte er eine Videobotschaft, in der er wörtlich sagte: "Wir haben die Leute bekommen, wir haben sie fertig gemacht." Eines seiner Lieder heißt "Mann aus dem Volk". Darin heißt es: "ich bin ich und auf Gangster brauch ich nicht zu tun, ich bin der Hero aus der Arbeiterklasse ... frag doch am Schulhof wer den Kindern Hoffnung gibt ... wir sprengen euer Business jetzt keine Bewegung ..." In schlichten Reimen bedient er sich einer Wortwahl, die ihn als eine Art Messias darstellt: "... mein Fleisch ist euer Fleisch mein Blut ist euer Blut, ... keine Angst es ist alles machbar denn im Prinzip sind wir alle Nachbarn meine Feinde strengt euch an wie ihr wollt, M.A.S.S. I.V. ist der Mann aus dem Volk"

Musik als erzieherisches Mittel

"Diese Art von Musik braucht wenig Mittel für tolle Ergebnisse, aber in alle Richtungen", so erklärt Günter Gugel die Doppelköpfigkeit des Mediums "Hip Hop". Das Tübinger Institut für Friedenspädagogik (ift) nutzt dies für Schulprojekte. Sie vermitteln Jugendlichen und Erziehern, wie viel Einfluss Musik haben kann, und zwar in verschiedene Richtungen. Ihre Hoffnung ist, dass Kinder sensibler werden für die Aussagen, die hinter den Texten stehen, für die Einstellungen, die sich dahinter verbergen. Manche Jugendliche texten vielleicht gegen Gewalt und Mobbing an. "Musik bewegt viel, aber es bewegt sich nicht von alleine", so Gugel. Es brauche Extrastunden und engagierte Pädagogen, die sich auch außerhalb des Dienstplans um die Jugendlichen kümmerten.



Quelle: t-online.de

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