15.07.2011, 09:20 Uhr | Dorothee Schulte
Welchen Einfluss haben Gene und Hormone auf Interessen und Verhalten von Mädchen und Jungen? (Foto: imago)
Was wird es denn, ein Junge oder ein Mädchen? Die Frage ist eine der spannendsten für werdende Eltern. Denn das Geschlecht bestimmt schließlich vieles, oder? Jungen spielen gern "Cowboy und Indianer", Mädchen "Mutter, Vater, Kind". Jungen sind Technik-interessiert, Mädchen können sich besser ausdrücken. Der kleine, aber feine Unterschied hält sich hartnäckig - zumindest in unseren Köpfen. Welche Rolle spielen dabei aber die Gene?
Leon und Tim kämpfen mit kleinen Ritterfiguren, um ihre Burg vor Feinden zu verteidigen. Sophie möchte mitspielen. Sie schaut kurz über die am Boden aufgestellten Männchen. "Ihr habt ja gar keine Frauen und Mädchen", sagt sie verwundert. Die beiden Jungs schauen sich an. "Nee - wozu denn?", fragt Leon sie. Sophie überlegt. "Wer macht euch denn die Burg sauber und was zu essen?", entgegnet sie schließlich.
Alice Schwarzer wäre über diese Antwort möglicherweise entsetzt. Doch der "kleine Unterschied" existiert, selbst in den Köpfen unserer modernen Kinder. In welchem Maße ihn Eltern und Erzieher dort prägen, lässt sich nicht sicher sagen. Fest steht aber: Unsere Gene bestimmen, welche Geschlechtsorgane und damit Geschlechtshormone ein Mensch ausbildet. Und diese haben einen großen Einfluss auf viele Bereiche unseres Lebens. So wirkt sich das männliche Hormon Testosteron - das im Übrigen auch im weiblichen Körper in geringen Mengen gebildet wird - nicht nur auf etliche körperliche Funktionen aus, sondern gilt auch als mitverantwortlich für das Handeln.
Im Kindergarten langweilte sie sich, daher kam Lotta bereits mit 4 in die Schule. Der richtige Umgang mit Hochbegabten Kindern will gelernt sein. zum Video
Testosteron wirke sich sogar schon während einer frühen Phase der Schwangerschaft unter anderem auf die Gehirnentwicklung des Ungeborenen aus, schreibt der Humanbiologe Heinrich Zankl in seinem Buch "Das verflixte X - Sind Frauen intelligenter als Männer?". Der genetische Unterschied zwischen Männlein und Weiblein ist aber anscheinend noch größer: So haben laut dem Buch verschiedene Untersuchungen gezeigt, dass "auf dem X-Chromosom, das man auch als weibliches Geschlechtschromosom bezeichnen kann, eine ungewöhnlich hohe Zahl von intelligenzbeeinflussenden Genen vorhanden ist."
Veränderungen in diesen Genen würden sich demnach auf Männer, die nur ein X-Chromosom besitzen, viel stärker auswirken als auf Frauen, die über zwei X-Chromosome verfügen, führt Zankl aus. Das erkläre auch, warum die IQ-Werte von Männern sowohl mehr hohe als auch niedrige Extremwerte aufweisen als die von Frauen. Denn die könnten durch das zweite X-Chromosom Veränderungen in den intelligenzbeeinflussenden Genen besser ausgleichen. Dadurch werden die Schwankungen der IQ-Werte bei Frauen nach oben und unten abgemildert.
In dem sogenannten „Human Genom Project“ haben Forscher zwar Anfang dieses Jahrtausends das Erbgut verschiedener Menschen fast vollständig entschlüsselt, doch bisher ist nur von einem kleinen Teil der Gene bekannt, welche Funktionen sie ausüben. Denkbar ist also, dass auf dem X-Chromosom neben den intelligenzbeeinflussenden Erbanlagen auch solche liegen, die sich zum Beispiel auf das Temperament auswirken. Das könnte bedeuten, dass Männer auch hier öfter Extreme aufweisen.
Liegt der "kleine Unterschied" also möglicherweise doch zu einem erheblichen Teil in den Genen? Zankl sagt dazu: "Dafür spricht, dass Männer mit Klinefelder Syndrom, die neben einem Y-Chromosom zwei oder sogar noch mehr X-Chromosomen haben, einen etwas feminisierten Habitus aufweisen. Als Kinder zeigen sie auch eher weibliche Spielzüge, spielen also zum Beispiel mehr mit Puppen als normale Buben. Da diese Knaben aber eindeutig männliche Genitalorgane haben, ist nicht anzunehmen, dass die Eltern ihr Spielverhalten in weibliche Richtung lenken."
Die Erforschung der menschlichen Gene dient vor allem dem Zweck, die Entstehung von Krankheiten besser zu verstehen und dadurch neue Therapien oder vorbeugende Maßnahmen zu finden. Forschungen über unser Erbgut stoßen aber immer wieder auf ethische Bedenken. Es wird befürchtet, dass die Ergebnisse ausgenutzt werden könnten, um bestimmte Gruppen von Menschen herabzusetzen. Solche Diskriminierungen - gleich welcher Richtung - sind jedoch wissenschaftlich nicht begründbar. Die Funktionen der Erbanlagen eines Menschen werden nämlich auch durch andere innere und äußere Faktoren stark mitbestimmt. Forscher haben in den letzten Jahren beispielweise herausgefunden, dass Gene durch solche Faktoren an- und abgeschaltet werden können. Auch die Erfahrung zeigt: Nur wer entsprechend gefördert wird, kann seine geistige Leistungsfähigkeit voll entfalten. Die Erziehung hat außerdem auf das soziale Verhalten eines Kindes wahrscheinlich einen maßgeblicheren Einfluss als seine Erbanlagen.
Quelle: t-online.de
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