07.01.2010, 10:00 Uhr
Ausdauer ist nicht nur im Job eine Schlüsselkompetenz, auch für Kinder ist sie wichtig, im sozialen Umfeld und beim Lernen. Doch immer weniger Kinder verfügen über Geduld und Ausdauer. Schnell ist man mit der Diagnose ADS zur Stelle. Doch oft geben Eltern das falsche Vorbild. Erziehungs-Experten sagen, es liegt nicht nur am Temperament: Ausdauer lässt sich trainieren.
Zoe sitzt auf dem Fußboden und müht sich, eine orange-gelbe Socke über ihren rechten Fuß zu stülpen. Immer wieder rutscht sie ab, immer wieder versucht die Zweijährige das krumpelige Etwas über die Zehen zu ziehen. Zoe gibt nicht auf - und irgendwann sitzt die Socke. Nicht alle Kinder halten so lange durch wie Zoe. Manche kreischen schon beim zweiten Fehlversuch und schleudern den Strumpf wütend in die Ecke. Geduld und Ausdauer sind zweifelsohne eine Frage des Temperaments. Doch Kinder können diese Fähigkeiten lernen und üben, sagen Experten - wenn die Erwachsenen sie lassen.
"Ausdauer", heute als Schlüsselqualifikation im Job häufig genannt, wird mehr denn je erwartet und umso häufiger bemängelt. Ganze Bücher beschäftigen sich mit Kindern, die Konzentrationsprobleme haben und sprunghaft von einer Sache zur anderen wechseln. "Dabei ist doch unsere ganze Kultur, unsere Art zu leben, schnell und ungeduldig", stellt die Diplom-Psychologin Helga Gürtler in Berlin kritisch fest. "Kinder wachsen heute in eine Welt hinein, die eine sehr breitgestreute Aufmerksamkeit verlangt." Eltern müssen also die Balance finden, ihre Kinder einerseits auf diese komplexe Welt vorzubereiten und sie gleichzeitig auch davor zu schützen, sagt Angelika Eger vom Sozialpädiatrischen Zentrum der Uniklinik Jena. Die Kinderärztin weiß aus ihrer Arbeit mit konzentrationsschwachen Kindern, dass sich Geduld und Ausdauer trainieren lassen. Wichtig dabei sei das Verhalten der Erwachsenen. Kinder brauchen Zeit für sich. Dann werden sie kreativ. "Wir beschäftigen Kinder von morgens bis abends", kritisiert die Kinderärztin Angelika Eger. Ihrer Meinung nach steckt bei vielen Eltern die Angst dahinter, ihr Kind könne sich langweilen. "Langeweile ist ganz und gar nicht gefährlich", beruhigt auch die Erzieherin Bärbel Merthan. "Im Gegenteil, das kann sehr gut sein: Ein Kind, das sich langweilt, hat die besten Chancen kreativ zu werden, denn es hat Zeit, frei zu spielen und sich etwas zu überlegen."
"Eltern sollten ihren Kindern nicht alles abnehmen, sondern deren Autonomie fördern. Dazu gehört es, Kinder probieren zu lassen und nicht immer alles zu vereinfachen." Wichtig dafür ist Geduld - und Zeit. Die ist meist knapp. Die Erzieherin und Fachautorin Bärbel Merthan aus Riegsee (Bayern) kennt den Alltag vieler Familien: "Eltern kommen morgens in den Kindergarten gehetzt, und weil sie schnell wieder los müssen, ziehen sie dem Kind die Jacke aus und die Hausschuhe an - obwohl das Kind es alleine könnte." Eltern haben oft keine Zeit, zu warten. Das verhasste Trödeln von Kindern will Helga Gürtler daher als manchmal stillen Protest gegen die "Zeittaktmentalität" der Erwachsenen verstanden wissen.
Haben Kinder wenig Durchhaltevermögen kann das auch eine Folge davon sein, dass sie häufig in ihren Aktivitäten unterbrochen werden. "Oftmals ist die Spielzeit viel zu kurz bemessen: Schon die Kleinen müssen in die Musikstunde oder zum Sport", sagt Bärbel Merthan. Helga Gürtler rät Eltern, die Nachmittage so zu gestalten, dass den Kindern nach einem durchstrukturierten Vormittag genügend unverplante Zeit bleibt, "egal, wie pädagogisch wertvoll manche Kurse sind". Oft spielen Kinder gerade selbstvergessen oder sind dabei, etwas aufzubauen, und schon heißt es "Schluss jetzt, wir müssen los". Was hilft dagegen? "Unterbrechen Sie das Spiel möglichst nicht abrupt", empfiehlt Helga Gürtler. Besser seien Vorankündigungen. Wenn Eltern etwa zum gemeinsamen Essen rufen wollen, können sie das schon zehn Minuten vorher ansagen. "Dann kann sich das Kind darauf einstellen."
Häufige Unterbrechungen und zu viel Programm hindern Kinder oftmals geradezu daran, Ausdauer und Geduld spielerisch zu trainieren. Denn eigentlich bringen sie von sich aus eine grenzenlose Neugier und Begeisterung mit. "Eltern sollten auf die Impulse ihrer Kinder achten", sagt Bärbel Merthan, "dann kann man Aufmerksamkeit und Ausdauer an Themen schulen, die Kinder gerade interessieren." Sind etwa Piraten hoch im Kurs, könne man mit den Kindern Lieder dazu singen, ein Theaterstück einüben oder eine Schatzkarte malen lassen. Das fördert die gewünschten Fähigkeiten. Stück für Stück ließen sich dann auch ungeliebtere Aufgabenbereiche miteinbeziehen.
An den Vorlieben des Kindes anzuknüpfen hält auch Angelika Eger für sinnvoll. Bei sehr unruhigen und leicht ablenkbaren Kindern rät sie Eltern darüber hinaus, den familiären Tagesablauf zu überdenken. "Schaffen Sie klare Strukturen und Regeln für die Kinder. Und sorgen Sie für Wiederholungen und Rituale - das gibt den Kindern Sicherheit." Eine Sicherheit, die es dann auch ermöglicht, sich einer Sache mit Hingabe zuzuwenden.
Quelle: dpa
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