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Kinderwunsch-Experte Leyendecker: Kinderwunsch nicht zu spät umsetzen!

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Kinderwunsch nicht zu spät umsetzen!

09.07.2010, 14:27 Uhr | mmh

Ein Monate altes Baby.

Vom Kinderwunsch zum Wunschkind: Die Erfolgsaussichten bei Künstlicher Befruchtung steigen. (Bild: Imago)

1978 kam das erste durch künstliche Befruchtung gezeugte Baby zur Welt, seitdem ist die künstliche Befruchtung eine Hoffnung für Paare, die ungewollt kinderlos bleiben. Inzwischen ist es kein Tabu-Thema mehr in der Gesellschaft, auch haben sich die Methoden verbessert und damit die Chancen auf eine Schwangerschaft erhöht. Professor Dr. Gerhard Leyendecker ist einer der Partner und Mitgründer des Kinderwunschzentrums Darmstadt. Hier arbeiten fünf Mediziner und zwei Biologen daran, kinderlosen Paaren den Wunsch nach einem eigenen Baby zu erfüllen. Leyendecker ist einer der Pioniere der Reproduktionsmedizin und "Vater" von rund 5000 Kindern. Über die Ursachen für unerfüllten Kinderwunsch, die passenden Behandlungsmöglichkeiten und die Erfolgsaussichten auf dem Weg zum Wunschkind, sprach www.t-online.de mit dem Gynäkologen Professor Dr. Gerhard Leyendecker.Im Interview kritisiert er auch die gesetzlichen, strukturellen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in Deutschland, die mit zur Kinderlosigkeit führen.

Herr Leyendecker, ab wann spricht man von unerfülltem Kinderwunsch?

Wenn bei einem Paar, das eigentlich gesund ist und nicht verhütet, innerhalb eines Jahres keine Schwangerschaft eintritt, kann man davon ausgehen, dass bei der Hälfte dieser Paare bei Mann oder Frau ein Sterilitätsgrund vorliegt.  Normalerweise, wenn bei bei Mann und Frau alles in Ordnung ist, wenn die Zyklenphasen regelmäßig sind, wenn die Samen in Ordnung sind, und das Alter ungefähr bei 30 liegt, dann werden etwa 85 Prozent innerhalb eines halben Jahres schwanger. Das heißt, ein Paar sollte spätestens nach einem Jahr unerfüllten Kinderwunschs zum Experten gehen, um den Grund für ein Nicht-Eintreten der Schwangerschaft abzuklären (Wie Paare ohne Kinder glücklich werden können).

Frauen sind heute älter, wenn sie schwanger werden wollen. Wird dann das Zeitfenster nicht eng, in dem man eine Behandlung überhaupt erfolgversprechend durchführen kann?

Die Wahrscheinlichkeit pro Zyklus schwanger zu werden, nimmt mit dem Alter ab. Wir haben eine Grenze von 35 Jahren festgelegt. Bis 35 Jahren gelten bei Paaren, insbesondere natürlich bei Frauen die Möglichkeiten schwanger zu werden als nicht eingeschränkt. Aber ab dem 35. Lebensjahr wird die Chance einer Schwangerschaft deutlich geringer, pro Zyklus liegt die dann nur bei zehn Prozent. Damit sinken auch die Erfolgsaussichten für eine Kinderwunschbehandlung.

Welche Erfolgschancen können Sie den Paaren, die zu Ihnen kommen in Aussicht stellen?

Die Erfolgsraten haben sich in den letzten Jahren enorm verbessert. Wir fanden früher eine viel deutlichere Altersabhängigkeit als heute. Die beste Schwangerschaftshäufigkeit bei Frauen ist im Alter von 30 Jahren, damit liegt in diesem Alter die Schwangerschaftswahrscheinlichkeit bei einer Kinderwunschbehandlung bei knapp 40 Prozent pro Zyklus. Bei Frauen zwischen 33 und 35 Jahren sinkt die Schwangerschaftsrate und die Fehlgeburtenrate steigt deutlich an, bei Frauen über 35 Jahren sinkt die Schwangerschaftsrate noch weiter. Da rechnen wir nur mit einer Schwangerschaftswahrscheinlichkeit von 20 Prozent. Durch verbesserte Methoden der Reproduktionsmedizin, seit der Einführung der Blastozysten-Kultur in 2001 konnten wir die Schwangerschaftswahrscheinlichkeit bis zum Alter von 35 Jahren deutlich erhöhen; auf die Wahrscheinlichkeit von 40 Prozent pro Behandlungszyklus. Außerdem konnte auch die Fehlgeburtenrate deutlich gesenkt werden.

Warum ist das Alter so wichtig?

In einem Alter von 35 Jahren wird der Faktor der schlechter werdenden Eizellen wirksam, so dass sich in diesem Alter eine deutliche Abnahme der Schwangerschaftswahrscheinlichkeit vollzieht. Wir können im Mittel für Frauen zwischen 35 und 40 Jahren eine Schwangerschaftswahrscheinlichkeit von 30 Prozent erwarten. Allerdings dann mit einer Fehlgeburtenrate von etwa 25 Prozent.

Was könnte diese Wahrscheinlichkeit noch steigern?

Wir erwarten, dass durch eine moderne Auslegung des Embryonenschutzgesetzes die Schwangerschaftswahrscheinlichkeit nochmals deutlich ansteigt, auch bei Frauen jenseits der 35. Frauen sollten spätestens ab 35 versuchen, den Kinderwunsch zu realisieren. Allerdings ist mir natürlich völlig klar, wenn der Partner bis dahin fehlt und andere Faktoren eine Rolle spielen, dass dies nicht immer gelingt.

Häufig suchen Frauen den Sterilitätsgrund zuerst bei sich, aber inzwischen weiß man, dass immer öfter auch der Samen der Männer das Problem ist

Es ist natürlich für viele Männer ein Schock zu erfahren, dass ihr Samen nicht gut ist. Und da ist es unsere Aufgabe, dies rational und transparent darzustellen, was wir machen, um dennoch eine Befruchtung zu ermöglichen. Wir wollen unsere Paare, die wir behandeln, herzlich und wissenschaftlich mit in unserer Boot nehmen. Wir wollen eine Partnerschaft mit informierten Paaren, das beginnt damit, dass wir für jedes Paar ein Prognose-Profil erstellen, das die Chancen auf eine Schwangerschaft erfasst. Die Frauen wissen ab Beginn der Behandlung, mit einem Monat Vorlauf, wann sie - bei Erfolg - den Embryo eingepflanzt bekommen. Die Frauen können dann auch ihr Berufsleben darauf abstellen.

Was ist mit den Paaren, die trotz Therapie nicht schwanger werden? Wie geht man mit diesen Enttäuschungen um? Bräuchte man da nicht psychologische Betreuung?

Ja, auch dafür sind meine Kollegen ausgebildet, es gibt auch niedergelassene Ärzte, an die wir verweisen. Wir sind auch nach den Richtlinien verpflichtet, hier einen kompetenten Kollegen mit in das Team einzubinden. Wir sind nicht die Techniker, die dann sagen, hat nicht geklappt, geh wieder. Wir wollen den Patienten begleiten, bis zu dem Moment an dem wir sagen, jetzt ist wieder alles in Ordnung. Und dazwischen kann viel passieren, mit Erfolg oder leider Gottes auch mit Fehlgeburt. Die Paare wollen ja auch wissen, warum hat es nicht geklappt? Wenn die Patienten dies verstehen, wenn wir es mit ihnen durchsprechen, dann werden sie eher damit fertig. Da ist wieder diese Transparenz, die ist enorm wichtig. (Psychische Aspekte bei der Kinderlosigkeit)

Gibt es noch Möglichkeiten außerhalb Ihrer Behandlung?

Es gibt - und da machen Frauen immer mehr davon Gebrauch, besonders wenn sie älter sind - die Möglichkeit der Eizellenspende. Die ist in Deutschland nicht möglich, aber in anderen europäischen Ländern ist die Eizellenspende gesetzlich verankert und möglich, zum Beispiel in Spanien. Das wird seriös gemacht, die Frauen spenden freiwillig. Das wird in universitären Strukturen gemacht, wir arbeiten mit Valencia zusammen. Wir haben sehr gute Erfahrungen, besonders bei den Frauen, bei denen die Eierstocksreserve erschöpft ist, das sieht man daran, dass keine Blastozysten gebildet werden oder in der Therapie nur noch ein Follikel vorhanden ist. Dann deuten wir den Paaren diese Möglichkeit an. Manche haben sogar zwei Kinder auf diese Art bekommen, die sind extrem glücklich.

Stichwort "Fertilitätscheck": Junge Frauen machen sich verrückt damit zu überlegen, wie lange habe ich noch Zeit, um den Babywunsch umzusetzen. Ist das sinnvoll? Steckt dahinter der Wunsch, alles kontrollieren zu wollen?

Was soll eine 37-Jährige machen, die dann weiß, dass sie nur eine geringe Eizellenreserve hat, aber sie hat nicht den passenden Partner? Soll sie jetzt den erstbesten heiraten? Die Initiative kam ein bisschen von den Gynäkologen, als Zusatzleistung. Ich meine, Kinder sollten früh kommen, aber es gehören immer zwei dazu, die Situation muss passen, beispielsweise die Ausbildung sollte abgeschlossen sein. Die Menschen sind heute sehr viel besser ausgebildet, aber  sie rücken sehr viel später erst in die Verantwortung. Wenn jemand mit 30 Jahren sein Studium beendet hat, dann meint er ja, er hat noch gar nicht gelebt. Das ist das Dilemma, auch sich selbst etwas vorzumachen und das immer weiter hinauszuschieben: Wenn der Partner das noch nicht will? Wenn der Zeitgeist so ist, man kann Kinder immer noch später haben? Das ist das Problem. Zurück zum Fertilitätscheck: Ich persönlich fände es schon seltsam, wenn eine 34-Jährige Frau vor mir sitzen würde und sagen würde, ich möchte ein paar Eizellen auf Vorrat einfrieren. Sie kann natürlich ihre Eizellen einfrieren lassen, genauso wie ein Mann seine Samenzellen, bevor er sich sterilisieren lässt. Aber das ist ja schon fast wie in "Brave New World", wenn das zu einer Methode würde, die sich Frauen ab dem 32. Lebensjahr überlegen. Aber ich glaube, das beste wäre ein Gesinnungswandel, nämlich zurück zur Schwangerschaft zwischen 30 und 35. Eine Schwangerschaft mit 22 als Regelfall ist heute nicht mehr denkbar. Und in Deutschland gehört es natürlich zur Problemlösung dazu, eine Lösung für die Ganztagsbetreuung zu finden. Die Kosten des Kinderkriegens müssen reduziert werden. Sie können nicht so hoch sein, dass die Frau auf ihre Lebensplanung verzichten muss.

Zu den Hoffnungen gehören auch die Risiken ...

Die Risiken sind eigentlich sehr gering. Zunächst einmal haben wir es mit einer Hormontherapie zu tun, das schreckt natürlich viele, das hat einen schlechten Ruf. Aber wir nutzen ja ein Hormon, das normalerweise die Hirnanhangsdrüse abgibt. Was dann im Körper ansteigt, sind eigentlich nur die körpereigenen Östrogene. Dann reift vielleicht nicht nur ein Follikel, sondern vielleicht fünf oder sieben, das heißt, der Hormonspiegel an Östrogenen ist zur Zeit der Eizellengewinnung drei bis viermal höher. In der Schwangerschaft haben sie diese Hormone hundertfach höher, ganz natürlich. Das zweite ist: die Überstimulation. Wir können ziemlich genau definieren, welche Frauen dieses Risiko tragen. Diese Frauen haben eine riesige Reserve an bereiten Eizellen, aber da können wir die Dosis anpassen und es gibt Möglichkeiten, um das weitgehend zu verhindern. Das Risiko der Überstimulierung, die einen Krankenhausaufenthalt nach sich zieht, kann man reduzieren. Natürlich spürt man das, wenn da statt einer gleich acht Eizellen heranreifen. Früher war das ein großes Risiko. Aber man hat das heute doch deutlich besser im Griff. 

Kann jeder eine Kinderwunschbehandlung durchführen lassen?

Hier in Darmstadt haben wir etwa 5000 Schwangerschaften erzielt. Wir haben also etwa dreimal die jährliche Geburtenrate der Stadt Darmstadt produziert, wobei wir ja einen großen Einzugsbereich haben. Leider sind die Kassenpatienten durch die hälftige Finanzierung in einen gewissen Nachteil geraten. Was sehr schade ist, denn diese Therapie ist so effektiv und führt zu Kindern. Gerade dass es an der Finanzierung scheitern könnte, ist sehr schade. Dann können sich junge Leute keine Kinder beziehungsweise keine Therapie leisten, nur weil sie vielleicht arbeitslos sind, vielleicht nur kurzfristig und es wäre doch schön, genau diese Phase zur Familienplanung zu nutzen. Und gerade dann ist es erschwert. Kassen zahlen auch keine Kryokonservierung. Und die privaten Kassen zahlen Kryo-Zyklen nur deshalb, weil sie dann billiger wegkommen. Eine normaler Zyklus kostet pro Patient etwa 5000 Euro, ein Kryozyklus kostet 800 Euro.

Was ist, wenn die Frau dann schwanger ist?

Wenn das Paar das Gefühl hat, die Behandlung ist hier abgeschlossen, dann kehren sie zu ihrem normal behandelnden Arzt zurück, mit dem sicheren Gefühl schwanger zu sein. Wir sagen: Vergessen sie alles, was vorher gewesen ist, sie sind jetzt total normal schwanger. Natürlich ist statistisch das Risiko, eine Mehrlings-Schwangerschaft zu haben, größer, aber in der Regel verläuft eine Einlingsschwangerschaft völlig normal und komplikationslos. Diese Bürde einer künstlichen Befruchtung müssen die gar nicht mit sich herumschleppen.

Was ist, wenn eine Frau zu lange gewartet hat? Wenn die Gynäkologen nicht frühzeitig zu einer Kinderwunsch-Therapie geraten haben?

Grundsätzlich haben wir zu den Kollegen ein gutes Verhältnis. Natürlich ärgern wir uns schon, wenn ein Kollege ein Myom übersieht oder Dysmenorhoe, also starke Schmerzen bei der Regelblutung über Jahre hinweg als normal abtut. Endometriose, also die versprengte Gebärmutterschleimhaut ist ja eine der wichtigen Krankheiten der Frauenheilkunde. Wenn das jahrelang ignoriert wird und Grund ist für jahrelange schwerste Beschwerden und wir dann eine massive Endometriose feststellen, die der Grund für das Ausbleiben einer Schwangerschaft ist, dann werden wir schon ein bisschen grantig. Denn das Gebärmutter-Bett muss intakt sein. Myome und Endometriose sind große Risiken. Bei ausbleibender Schwangerschaft, bei unerfülltem Kinderwunsch, wenn starke Schmerzen bei der Regelblutung auftreten, sollte eine Abklärung erfolgen, ob eine Endometriose vorliegt. Ein Kinderwunschpaar sollte auch darauf drängen, dass die Untersuchung des Samens des Mannes sehr früh erfolgt, das ist mit eine der wichtigsten Untersuchungen.

Vielen Dank für das Gespräch!


Quelle: t-online.de

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Kommentare (9)

zum Forum

Thema: "Kinderwunsch-Experte Leyendecker: Kinderwunsch nicht zu spät umsetzen!"

wittler schrieb: am 12. Dezember 2011 um 13:31:43
(6) (0) KIWU
Nach reichlich trauer, grübeln wir mittlerweile wieder darüber nach einen weiteren Versuch zu starten, das Problem ist halt das GELD.
Da ich dieses Jahr 40 geworden bin zahlt die KK ja nicht mehr, und leider haben wir noch keinen SPONSOREN gefunden. Wer hat es mit über 40 Jahren schon mal versucht und kann mir sagen was es wohl kostet? Kinder sind echt ein Segen und alle Bemühungen haben sich gelohnt, wenn es auch oft sehr schwer war sowohl Physisch als auch Psychisch.
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Wittler schrieb: am 12. Dezember 2011 um 13:25:42
(6) (0) Kinderwunsch
Hallo, wir haben auch einen langen Weg hinter uns, aber am Ende lohnt es sich doch. Wurde bei der 1. ICSI schwanger habe das
Kind aber leider verloren, aber die Hoffnung war da, dann 7 weitere Versuche alle negativ der 8. hat geklappt und alles war einfach nur toll, super SS tolle Entbindung super lieben Sohn geboren. Heute ist unser Zwerg 2 Jahre und wir haben es erneut versucht. Bingo es hat beim 1. mal funktioniert, leider haben wir unsere Maus im 4. Monat verloren das war im Februar.
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Glückskind schrieb: am 14. Mai 2011 um 20:32:58
(5) (0) Kinderwunsch
Hallo, ich war auch in Darmstadt. Dort wurde ich nach vielen Versuchen an einem anderen Institut gleich beim ersten Mal
schwanger. Wohl bemerkt mit unserer zweiten Tochter :-) Die erste entstand in Ffm und die zweite in Darmstadt. Wahnsinn, dass wir jetzt zu Viert sind. Da haben sich all die Qualen über die Jahre unserer ICSI-Versuche doch wirklich ausgezahlt.
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