
20.10.2011, 15:22 Uhr
Zu hoher Druck durch die Eltern: Sogar psychische Krankheiten könnten die Folge sein. (Quelle: imago)
Gymnasiallehrerin für Fremdsprachen, Baden-Württemberg
Überehrgeizige Eltern belasten das Schulklima. Die sollten sich viel mehr raushalten. Aber sie üben ständig Druck aus, auf ihre Kinder und auf uns Lehrer. Das beginnt in der Unterstufe und wird mit zunehmendem Alter schlimmer. Ich beobachte das schon bei Fünft- oder Sechstklässlern, die in mehreren Fächern Nachhilfe haben. Die sind für das Gymnasium nicht geeignet, aber die Eltern wollen unbedingt Abitur für ihr Kind.
Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich finde es gut, wenn Eltern ihren Kindern helfen, wenn sie Hilfe möchten. Aber man kann es übertreiben. Ich hatte einen Schüler, der sehr gut war. Sein Vater hat mir mal schriftlich versichert, er kontrolliere die Vokabelkarten seines Sohnes jeden Tag. In den letzten zwei Wochen der Sommerferien wurde der Stoff des letzten Schuljahres wiederholt.
Und das ist noch harmlos. In der Mittel- und Oberstufe geht es ans Eingemachte. Eine Schülerin hatte schon einmal eine Klasse wiederholt. Zwei Tage vor der Zeugniskonferenz riefen ihre Eltern am Sonntagabend bei meiner Kollegin an, welche Note ihre Tochter bekomme. Man müsse auch ihren Gesundheitszustand berücksichtigen. Das Mädchen war in der Schule mehrmals umgekippt. Die haben überhaupt nicht gemerkt, dass die vermeintliche Ursache der schwachen Leistungen eigentlich Symptom ihres Riesendrucks ist. Die waren absolut beratungsresistent.
Es gibt auch Fälle, in denen der Druck der Eltern so groß ist, dass Schüler psychisch krank werden. Ein Kind hatte wegen des ungeheuren Drucks von zu Hause sogar Selbstmordgedanken.
Besonders kritisch wird es, wenn ich merke, dass die Eltern mitgeholfen haben. Einer Schülerin habe ich mal für ein Referat eine schlechtere Note gegeben, als sie erwartet hatte. Am Elternsprechtag wollten beide Eltern die Note nach oben geändert haben. Ihre Tochter habe den Vortrag zu Hause geübt. Da dachte ich echt, ich falle vom Stuhl. Ich habe die Note so gelassen. Die Eltern waren für die restliche Schulzeit des Mädchens mit mir beleidigt.
Die Kinder haben das Leistungsprinzip total verinnerlicht. Letztlich geht es nur um Noten, besonders in der Oberstufe. Die Schüler feilschen um jeden Punkt, vergleichen sich ständig. Da gibt es innerhalb von Klassen Rivalitäten wie im Kindergarten. Und immer kommt die Frage: "Wird das benotet?" Das nervt.
Ein Schüler blieb mal wegen seiner Englischnote sitzen. Da haben die Eltern einen Anwalt eingeschaltet. Meine Kollegin musste ganz genau darlegen, warum der Schüler diese Note bekommen hatte. Solchen Ärger will keiner haben, ich auch nicht. In so einem Fall gibt man dem Schüler vielleicht im Zweifel eine halbe Note besser, um den ganzen Stress zu vermeiden und sich nicht angreifbar zu machen. Dass dadurch gute Noten inflationär werden, merken viele Eltern nicht. Ich sage so oft: "Wissen Sie, man muss nicht in jedem Fach eine eins haben."
Quelle: Spiegel Online
mia schrieb:
am 30. Oktober 2011 um 10:02:58
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Bildung oho
Unser Bildungssystem ist immer noch"gott sei dank!" sehr durchlässig. Aber ohne Anstrengung und Begabung erreicht man
nichts. Das ist der Fehler, der in der Presse den Leuten suggeriert wird: Du brauchst nicht besonders intelligent sein und bekommst auch noch Abitur und obendrein ein Studium und gut leben mit viel Spass haste auch noch. Das ist Lüge hoch drei!!! Wes glaubt wird selig!
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OstR schrieb:
am 30. Oktober 2011 um 09:56:45
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Beratungsresistente Lehrer
Lehrerlämpel! Schon mal was von Begabung gehört. Ein Elefant klettert auch nicht auf einen Baum. In deiner
Argumentation fehlt der Aspekt der individuellen Begabung. Mangelnde Begabung kann man eben nicht durch mehr Förderung ausgeichen. Das funktioniert in der Praxis nicht.
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bibi schrieb:
am 30. Oktober 2011 um 09:51:12
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Lernen ist was Schönes
Das mit dem Leistungsdruck ist eine ganz normale Sache. Das gehört zu Motivation. Wenn kein "gesunder" Druck
dahinter ist, strengen sich die Schüler auch nicht an. Stress entsteht genau dann, wenn jeder für sich keine geeigneten Verarbeitungsstrategien hat, oder besser wenn die Ablenkung durch die Medien zu groß sind, dass nur wenig Zeit zum Lernen für die Schule bleibt! Lernen für die Schüle ist eben keine Nebensache. Das ist der Hauptjob für Schüler.
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