
20.10.2011, 15:18 Uhr
Viele Kinder leiden unter den hohen Erwartungen ihrer Eltern. (Quelle: imago)
Lehrerin einer dritten Klasse, Rhein-Neckar-Kreis
Letztes Schuljahr fuhr ich an einem Nachmittag direkt von der Schule nach Hause. Vor meinem Gartenzaun wartete ein Kombi, darin saßen die Eltern einer Schülerin, dritte Klasse. Ein Ehepaar, das zu jedem Elternabend gemeinsam erscheint, das mich auch außerhalb der Schulsprechstunden mehrmals im Monat abends anruft. Ein Ehepaar, dem nichts zu entgehen scheint, was seine Tochter, ein intelligentes, aber verängstigtes Kind, tut.
Was sie tun müssten, damit ihr Kind auf alle Fälle aufs Gymnasium komme, fragten sie mich und ließen sich nicht davon abbringen, auf die Schulempfehlung aktiv einzuwirken. Ob das Mädchen Nachhilfe brauche, ob sie ein zweites Instrument erlernen solle, ob Englisch als Fremdsprache bislang ausreiche - das Problem sei nämlich, dass die Kleine "keine Probleme" bereite. "Vielleicht ist gerade das das Problem?", sorgte sich der Vater. Nicht, dass es dann ausgerechnet kurz vor dem Schulwechsel Probleme gebe, die man schon jetzt verhindern könnte.
Ich bin seit mehr als zehn Jahren Grundschullehrerin. Wenn Freunde sagen: "Mit all den Kindern - das könnte ich nie!" Dann antworte ich immer: "Das Schlimmste sind die Eltern!" Es wird zunehmend anstrengend, den Ansprüchen der ehrgeizigen Erziehungsberechtigten gerecht zu werden. Ab der dritten Klasse erhöht sich der Druck zunehmend. Nur wenige akzeptieren anstandslos Empfehlungen für die Realschule, Hauptschul-Vorschläge werten die meisten als Kampfansage. Folglich werden viele Kinder mit Beginn der dritten Klasse auf Leistung getrimmt. Es muss Gymnasium sein!
Kinder spüren den unausgesprochenen Zwang, er konzentriert sich nicht nur auf ihre schulischen Leistungen, er beeinflusst auch immens ihre Freizeit: Eltern greifen mehr denn je in die Auswahl der Freunde ein. Kontakt mit Kindern, denen das Lernen schwer fällt, ist unerwünscht und wird gern unterbunden. Guten Schülern, gar Strebern, spendieren ehrgeizige Eltern gern einen Wochenendausflug, um die Freundschaft zu vertiefen. Empathie und Sympathie kommen oft erst an zweiter Stelle. Wir versuchen, solche Fehler von Eltern in der Schule zu kitten. Aber alles können wir nicht ausbügeln.
Das Mädchen, deren Eltern mir auflauerten, ist seit Beginn dieses Schuljahres Klassenbeste. Dem Wechsel auf ein Gymnasium steht weiterhin nichts im Weg. Ihre Eltern rufen trotzdem ständig bei mir an. Ich denke, sie werden mich mindestens noch einmal vor meiner Haustür abpassen.
Quelle: Spiegel Online
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