19.04.2011, 15:57 Uhr | ZDF
Kein Schlüssel um den Hals, aber Handy am Ohr: Schlüsselkinder von heute. (Foto: ZDF)
Um Kinder, die aufgrund der Berufstätigkeit ihrer Eltern weitgehend für sich selber sorgen müssen, geht es in der ZDF-Dokumentation "Pascal - allein zu Hause": Der Film aus der ZDF-Dokureihe "37 Grad" begleitet drei Schlüsselkinder durch ihren Alltag und zeigt, wie sich Kinder unter heutigen Lebens- und Arbeitsbedingungen zurechtfinden, was die Eltern ihnen zutrauen und wo ihre Grenzen liegen.
Der Begriff "Schlüsselkind" stammt aus den 50er und 60er Jahren, als es nachmittags noch keine Betreuungsangebote gab und man an den Schlüsselbändern erkennen konnte, wessen Eltern Doppelverdiener waren. Heute gibt es zwar Ganztagsschulen, Tagesheime, Jugendtreffs, doch keineswegs eine lückenlose Betreuung. Die Betreuungsplätze sind knapp und die Arbeitszeiten der Eltern oft nicht kinderfreundlich. Experten sind sich einig: Unser Arbeitsleben bringt viele moderne Schlüsselkinder hervor. Es gibt immer mehr Alleinerziehende, die voll berufstätig sind, Mini- und Multijobber, die ihre Jobs auch nachts und am Wochenende erledigen müssen. Oder Pendler, die tagtäglich weite Strecken zurücklegen und erst spät abends wieder zu Hause sind.
Wenn Pascal morgens in die Küche kommt, liegt dort ein Zettel: "Pascal, wenn du wach bist, rufe mich an, dann iss was und ziehe dich an. Kein Blödsinn. Fernseher bitte auslassen. Mama. Uno spielen wir heute Abend." Pascals Mutter arbeitet seit 14 Jahren in einem Baumarkt im Schichtbetrieb. Wenn sie erst spät nach Hause kommt oder bereits um 05:30 Uhr zur Arbeit aufbricht, muss Pascal alleine klar kommen - ebenso, wenn die Schicht aufs Wochenende fällt.
Pascal (10) ist "Schlüsselkind", seitdem er in der Schule ist. Nach dem Unterricht geht er nach Hause, sperrt sich mit seinem Wohnungsschlüssel auf und strukturiert sich seinen Nachmittag alleine, während seine Mutter arbeitet. Nach den Hausaufgaben saugt Pascal die Wohnung, bringt den Müll weg und kümmert sich um seinen Hasen. Alleinsein ist für ihn nicht das Problem: "Cool ist am Alleinsein, dass ich im Bett herum liegen kann, mich ausruhen. Und dumm ist es, dass ich nicht die Spielsachen habe, die ich mir wünschen würde, Nintendo oder Skateboard, weil meine Mama das Geld nicht dazu hat."
Pascals Mutter ist froh um ihren Job, der sie und ihren Sohn ernährt, aber sie sagt auch: "Das Kind bleibt auf der Strecke und ich merke, dass ihm was fehlt." Zum Glück gibt es die Arche, ein Kinderprojekt, wo Pascal Mittag essen, Fußball spielen und sich mit Freunden treffen kann. "Der überwiegende Teil der Kinder hier sind Schlüsselkinder, die sonst auf sich allein gestellt sind", sagt Bernd Siggelkow, der Arche-Gründer. Er nennt Kinder wie Pascal "Überlebenskämpfer". Pascal selbst ist da eher bescheiden. Seine Vorstellung von Freizeit ist Uno spielen mit seiner Mama - ansonsten hat er keine großen Bedürfnisse: "Hauptsache man hat Essen, Trinken und ein Dach überm Kopf."
Mark (8) geht in die dritte Klasse und kommt mittags allein nach Hause. Wenn seine Eltern unterwegs sind und die Brüder noch im Kindergarten, versorgt er sich selbst. Danach geht er zum Eishockey-Training, dreimal die Woche, fünf Kilometer entfernt bei Wind und Wetter und zu Fuß. Marks Eltern sind Pendler und zur Arbeit über eine Stunde in die nächste Stadt unterwegs. Der Vater arbeitet als IT-Experte, die Mutter ist Umweltmanagerin. Wie viele Frauen muss auch sie den Spagat schaffen zwischen Beruf und Familie - bei drei Kindern eine Herausforderung. Die Familie ist erst kürzlich aufs Land gezogen, Großeltern und Verwandte wohnen weit entfernt.
Marks kleinere Geschwister sind ganztags im Kindergarten. Wenn es bei den Eltern abends später wird, überbrückt Mark als großer Bruder die Zeit. Dann sorgt er dafür, dass seine jüngeren Geschwister rechtzeitig ins Bett kommen und liest dem Kleinsten eine Gutenachtgeschichte vor. Manchmal zweifeln seine Eltern, ob Mark mit der Rolle als Ältester nicht überfordert ist: "Wenn er alleine ist, ist Mark stolz und selbstständig, aber wenn wir da sind, möchte er auch dieses Kindgefühl bekommen. Mit acht ist er zwar schon groß, aber auf der anderen Seite ist er natürlich auch klein." Als Mark Probleme in der Schule bekommt, trifft seine Mutter eine bewusste Entscheidung: Sie nimmt keine neuen Projekte mehr an und bleibt zu Hause, um nachmittags ganz für ihn da zu sein.
Toni (10) liebt es, unabhängig zu sein. "Ich wollte schon immer einen Schlüssel haben - aber man trägt natürlich auch Verantwortung." Toni geht nachmittags in den Schulhort, aber von dort selbstständig heim. Wenn ihre Mutter noch bei der Arbeit ist, vertreibt sie sich die Zeit mit ihrer Katze, bastelt oder surft im Internet. Ihre Mutter hat Toni von Anfang an allein groß gezogen und ihr schon immer viel zugetraut: "Ich habe Toni allein erziehen müssen, einfach aus dem Grund, weil ich alleine bin. Ich habe keine Familie, ich habe keinen Mann, keinen Partner. Es sind Tönchen und ich und meine Freunde, die uns helfen."
Toni hat zwar nicht immer ihre Mutter in greifbarer Nähe, dafür aber ein funktionierendes soziales Netzwerk. Eine Nachbarin gibt Nachhilfe, damit sie den Übertritt aufs Gymnasium schafft und der Frisörladen um die Ecke ist ihr "zweites Wohnzimmer" geworden. Übernachten kann sie bei ihren Freundinnen, deren Mutter auch allein erziehend und voll berufstätig ist. Diese kann sich noch genau an den Tag erinnern, als ihre Töchter den eigenen Schlüssel bekamen: " Früher war Schlüsselkinder so was Negatives, das waren die armen Kinder, die leider keine Eltern zuhause hatten. Ich habe kurz ein bisschen gezögert, aber ich fand es bald normal. Ich habe ihnen vertraut und sie konnten es gut." Genau dieser Umstand gibt Tonis Mama manchmal zu denken. Sie beobachtet, wie ihre Tochter mehr und mehr ihr eigenes Leben führt - gerade weil sie so selbstständig erzogen wurde.
Der "37 Grad"-Film begleitet Schlüsselkinder durch ihren eigenen Alltag. Er geht der Frage nach, wie sich Kinder unter heutigen Lebens- und Arbeitsbedingungen zurechtfinden, was die Eltern ihnen zutrauen und wo die Grenzen dieser Kinder liegen. Mütter und Väter sehen die Situation durchaus als Chance für ihre Kinder, auch wenn sie ihnen nicht immer leicht fällt. Eltern, die neben dem Stolz auf ihre Kinder auch mit Vorurteilen, Angst und schlechtem Gewissen leben, wenn sie sich darauf verlassen müssen, dass zu Hause alles klappt.
Quelle: t-online.de
Denkerin schrieb:
am 2. Mai 2011 um 21:49:06
(0)
(0)
Lebenswelten, Lebensenwürfe
Ich habe durch die letzte 37Grad-Sendung erfahren, dass ich selbst auch ein sogen. Schlüsselkind bin, einen
Begriff, den ich nie zuvor gehört hatte und ein Umstand, über den ich mir nie Gedanken gemacht habe. Und kann kaum fassen, wie sehr die Tatsache, dass ein Kind einen eigenen Schlüssel hat und eine gewisse Zeit am Nachmittag alleine verbringt die Gemüter bewegen kann. Diese vollkommen verschieden Lebenswelten und Werturteile sind für mich der eigentlich interessante Aspekt an dem Thema.
mehr
Kommentar melden
blöd schrieb:
am 21. April 2011 um 10:27:50
(0)
(0)
SK
Solange sich öffentlich niemand beklagt, scheint eben alles in Ordnung zu sein.
Also, weiter so mit Schlüsselkinder. Vaterstaat zahlt schon alles.
Kommentar melden
Vater schrieb:
am 21. April 2011 um 10:25:00
(0)
(0)
Schlüsselkind???
Schluss endlich mit der grenzenlosen Individualität. Die Familie ist die Stütze der Gesellschaft und folglich des
Staates. Das muss wieder mehr unterstützt werden.
mehr
Kommentar melden
Bitte füllen Sie alle Felder aus.

Sie sind der Meinung, dass dieser Kommentar anstößige Inhalte enthält.

Die neue Frühlingskollektion von Topmarken: tolle Schuhe, Mode u.v.m. - Versand gratis. mehr
Extravagante und schicke Damen-
mode für die neue Saison: jetzt online bestellen. von WENZ
Tolle Kurven perfekt in Szene gesetzt: zauberhafte Damenmode bis Größe 60. zum XXL-Special
Was Eltern über Einkommens- grenzen, Anträge und Auszahlung wissen sollten. Kindergeld 2012

Giftig, mangelhaft, gefährlich? Worauf Eltern beim Spielzeugkauf achten sollten. Spielzeug
Ärger, Chaos, Emotionen in Familien miterleben. zum Video