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Muttersprache: Kinder zweisprachig erziehen

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Muttersprache - Vatersprache

21.01.2010, 10:44 Uhr | Simone Blaß

Immer mehr Kinder wachsen zweisprachig auf. (Bild: Imago)

Muttersprache und Vatersprache: Ein Kind zweisprachig zu erziehen ist mit Sicherheit von Vorteil. Allerdings kommt es auf die Rahmenbedingungen an. Denn unsichere Eltern, ein negativ eingestelltes soziales Umfeld oder fehlende Förderung in Kindergarten und Schule können für ein Kind, das zweisprachig aufwächst, durchaus zum Problem werden, vor allem dann wenn aus der angestrebten Mehrsprachigkeit eine doppelte Halbsprachigkeit wird.

Zweisprachigkeit fördert das Sprachbewusstsein

Die Entscheidung, ein Kind zweisprachig zu erziehen, machen sich die meisten Eltern, denen diese Möglichkeit offen steht, nicht leicht. Denn neben der Hoffnung, dass das Kind später zum Beispiel berufliche Vorteile daraus ziehen wird oder aber auch dem Wunsch, dass der Kontakt mit der anderen Kultur dadurch eng bleibt, herrschen auch Ängste. Die Befürchtung zum Beispiel, dass man die gesamte sprachliche Entwicklung des Kindes durcheinanderbringen oder das Kind überfordern könnte. Auch die Vermutung, zwischen Stottern und der Zwei- beziehungsweise Mehrsprachigkeit bestünde ein Zusammenhang, hält sich hartnäckig. Doch Dr. Anja Leist-Villis, die seit Jahren auf diesem Gebiet forscht, ist sicher, dass solche Thesen nicht haltbar sind: „Auch mehrsprachige Länder wie beispielsweise die Schweiz oder Luxemburg, weisen keine erhöhte Rate von Stotterern oder Kindern mit anderen Sprachentwicklungsproblemen auf. Im Gegenteil: Zweisprachige Kinder haben ein stark ausgeprägtes Sprachbewusstsein, das sich sowohl auf den Spracherwerb an sich als auch auf andere Bereiche der kindlichen Entwicklung positiv auswirkt.“

Wie geht man am besten vor?

Das soziale Umfeld hat einen entscheidenden Einfluss auf das Gelingen zweisprachiger Erziehung. „Negative Einstellungen gegenüber Zweisprachigkeit generell oder auch gegenüber der speziellen Sprache - auf polnischsprachige Kinder zum Beispiel wird in Deutschland leider oftmals anders reagiert als auf Kinder, die schon früh Englisch sprechen - können sowohl Eltern als auch Kinder stark verunsichern.“ Wichtig ist, dass Eltern die Spracherziehung bewusst gestalten. Sinnvoll ist hier die Regel: Eine Person - eine Sprache. Auch, wenn das nicht immer leicht fällt. Jeder Elternteil sollte in seiner Muttersprache mit dem Kind kommunizieren, aber möglichst die Sprache seines Partners ebenfalls beherrschen. „Und sich vorher klarmachen: Was erwarte ich mir von der zweisprachigen Entwicklung meines Kindes? Lege ich Wert darauf, dass beide Sprachen in seinem Leben eine große Rolle spielen und ist das überhaupt realistisch? Was kann ich dafür tun und vor allem auch, was bin ich bereit, dafür zu tun?“, so die Autorin des "Elternratgeber Zweisprachigkeit". Und man sollte sich fragen, wie wichtig einem das Thema Konsequenz in diesem Zusammenhang ist. Das greift zum Beispiel dann, wenn die Kinder grundsätzlich in der Umgebungssprache antworten, aus Protest oder aber auch einfach nur aus sprachökonomischen Gründen. „Entscheidend ist hier, dass die Eltern bei ihrer Muttersprache bleiben und ihrem Kind erklären: 'Das ist meine Sprache und die möchte ich mit Dir sprechen.‘ Allerdings ohne Druck auszuüben, denn das kann schnell zur Folge haben, dass sich das Kind dann erst recht von dieser Sprache abwendet.“ Man sollte sich aber auch im Klaren darüber sein, in welchen Situationen man es richtig findet, mal eine Ausnahme zuzulassen, zum Beispiel aus Höflichkeit Dritten gegenüber. „Denn die Kernaussage lautet hier nicht ‚Konsequenz um jeden Preis‘, sondern wichtig ist ein bewusster Umgang mit beiden Sprachen. Man sollte sich und sein Kind nicht zu sehr unter Druck setzen.“ Denn Sprache ist etwas Lebendiges und Natürliches und zweisprachige Eltern können dafür das perfekte Vorbild sein.

Schulenglisch eignet sich nicht

Definitiv nicht zu empfehlen ist es, ein Kind zweisprachig zu erziehen, ohne die zweite Sprache vollständig zu beherrschen. Denn so übernimmt das Kind die Sprache fehlerhaft. Und es wird nicht verstehen, warum seine Eltern in dieser fremden Sprache mit ihm sprechen, da der kulturelle Bezug komplett fehlt. Doch noch viel gravierender ist, dass die Eltern an ihre sprachlichen Grenzen stoßen werden. „Eine Sprache, die nicht wie die eigene Muttersprache beherrscht wird, kann auch nur begrenzt spielerisch-liebkosend eingesetzt werden. Und wenn das Kind älter, die Gespräche anspruchsvoller werden, dann fehlen die Worte. Fühlen sich die Eltern vielleicht zusätzlich auch noch mit ihrer Sprachwahl unwohl, dann werden sie mit der Zeit entweder beide Sprachen verwenden oder aber ganz in ihre Muttersprache zurückwechseln und beides ist für ein Kind schwer nachvollziehbar.“ Anja Leist-Villis rät in solchen Fällen eher dazu, die andere Sprache von Anfang an spielerisch mit einfließen zu lassen, zum Beispiel durch Lieder oder Reime. Das kann durchaus wichtig sein für den späteren Fremdspracherwerb. „Indem das Kind von klein auf erlebt, dass es verschiedene Sprachen gibt, entwickelt es ein frühes Bewusstsein für Sprache an sich.“ Die Hauptsprache zwischen Eltern und Kind aber, da ist sie sich sicher, sollte immer die eigene Muttersprache sein.

Jedes vierte Kind unter sechs lebt mit mehreren Sprachen

Eltern, die ihre Kinder zweisprachig erziehen wollen, sollten sich unter anderem folgende Fragen stellen: Gibt es noch andere Personen außer ihnen, mit denen die Kinder in der Nicht-Umgebungssprache kommunizieren können? Gibt es Kindergärten und Schulen, in denen diese Sprache gefördert wird? Welche Einstellungen gegenüber Zweisprachigkeit herrschen im Umfeld und welche Möglichkeiten des Austausches mit anderen Eltern gibt es? Schließlich kann man auch selbst einiges unternehmen, damit die Zweisprachigkeit nicht zum Problem wird. Kontakte zu anderen Eltern, die mit ihren Kindern ebenfalls die Nichtumgebungssprache sprechen, findet man zum Beispiel über Auslandsgemeinden oder bei entsprechenden Eltern-Kind-Gruppen. Solche Verbindungen haben häufig einen positiven Einfluss auf das eigene Spracherziehungsverhalten und erleichtern vieles. Anja Leist-Villis beklagt vor allem die mangelnden Möglichkeiten kompetenter Beratung für Eltern, die ihre Kinder zweisprachig erziehen. Sie meint: „In Zeiten, in denen jedes vierte Kind in Deutschland, das jünger als sechs Jahre ist, in einem mehrsprachigen Kontext aufwächst, sollte dies doch ganz selbstverständlich zur Ausbildung von Pädagogen und Ärzten dazugehören.“ Aber letztendlich sind sowieso die Eltern selbst die Experten für die zweisprachige Entwicklung und Erziehung ihres Kindes. Denn nur sie kennen die individuellen Rahmenbedingen und sollten sich nicht durch pauschale Urteile verunsichern lassen.



Quelle: t-online.de

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