01.08.2011, 15:43 Uhr | Nicola Wilbrand-Donzelli
Zivilcourage bedeutet, für andere mutig zu sein. (Foto: imago)
"Jetzt warst du aber tapfer!" Dieses anerkennende Lob bekommen Kinder vor allem dann, wenn sie über ihren eigenen Schatten springen, etwas vollbringen, dass sie viel Überwindung kostet wie etwa die Spritze beim Arzt über sich ergehen zu lassen oder ganz mutig vom Drei-Meter-Brett zu springen. Diesen Mut, der nur mit der eigenen Person zu tun hat, beherrschen Kinder meist schon früh und trainieren ihn täglich. Anders verhält es sich mit einer speziellen Art von Mut, der Zivilcourage. Wenn es darum geht, sich für die Belange anderer in Konfliktsituationen einzusetzen, tun sich die die meisten schwer - Erwachsene ebenso wie Kinder. Doch warum ist es so schwierig, für andere mutig zu sein, sich an die Seite gehänselter Schüler zu stellen oder bei Pöbeleien in der U-Bahn nicht einfach wegzuschauen?
Psychologen wissen, dass Zivilcourage von zahlreichen emotionalen und moralischen Faktoren abhängt. Ziviler Mut muss also erlernt werden und wird uns nicht in die Wiege gelegt. Die Weichen für couragiertes Verhalten werden vor allem in der Kindheit gestellt, wobei der Vorbildcharakter der Eltern eine entscheidende Rolle spielt.
Beherzt eingreifen, sich einmischen und nicht teilnahmslos zusehen, wenn Unrecht geschieht - das ist Zivilcourage, eine Tugend, die weit mehr ist als pure Tapferkeit. In dem Buch "Mut-ABC für Zivilcourage" fasst es Sebastian Krumbiegel, Mitglied der Band "Die Prinzen" so zusammen: "Laut geben, damit fängt es also schon an, und auch laut sagen, was einem nicht passt. Auch wenn es Ärger gibt. Sich wegducken und unterordnen in uniforme Ideologien, das ist dann das Gegenteil davon."
Menschen, die nach diesem Prinzip handeln, haben die Fähigkeit zum sozialen Mut, der den Willen zum humanen gleichberechtigten Miteinander, Fairness und Demokratie in sich vereint. Sie sind gegen Gewalt, gegen Willkür, gegen Mobbing und gegen jegliche Art von Ausgrenzung anderer. Wer für solche Werte eintritt und sich für andere einsetzt, ist meist auch bereit, Nachteile für sein persönliches Engagement und seine Überzeugung in Kauf zu nehmen. Zivilcourage ist deshalb sehr moralisch und verlangt viel Verantwortung und Selbstbewusstsein.
Obwohl man eine solche moralische Haltung eher Erwachsenen mit einer großen Portion Lebenserfahrung zutraut, sind auch Kinder schon in der Lage zivilcouragiert zu handeln. So wie der sechsjährige Fabian auf dem Spielplatz. Als er eine entnervte Mutter beobachtet, die ihre kleine Tochter schimpft, weil diese nicht aufhören will wegen ihres aufgeschürften Knies zu weinen, ruft der Junge der fremden Frau zu: "Kinder schreit man nicht an! Du sollst dein Kind lieber trösten, als es auszuschimpfen." Fabian schaut in diesem Moment also nicht weg, nimmt nicht hin, was ihm missfällt. Er mischt sich unerschrocken ein und macht klar, was er für richtig und was er für falsch hält.
Psychologische Forschungen haben ergeben, dass bereits Vierjährige in der Lage sind, klare Vorstellungen von moralischen Normen zu entwickeln. Vorrausetzung dafür ist, dass Eltern, Großeltern, aber auch Lehrer und Erzieher diese Werte vorleben. Solche moralischen Eckpfeiler stellen die Kinder auf eine stabile Basis, mit deren Hilfe sie erkennen können, was gut und was schlecht ist. Auch der kleine Fabian auf dem Spielplatz hat solche Normen offenbar von zuhause mit auf den Weg bekommen. Er hat erfahren, dass er bei Schmerz oder Kummer getröstet und nicht ausgeschimpft wird. Und dieses elementare Recht eines jeden Kindes fordert er nun von der fremden Mutter ein. Fabian beweist also Zivilcourage.
Damit Kinder couragiert handeln können, müssen sie auch die Fähigkeit entwickeln, mit anderen Menschen mitzufühlen, Empathie zu empfinden, achtsam zu sein und Verantwortung zu übernehmen. All diese Eigenschaften können Eltern ihren Sprösslingen vermitteln, wenn sie sie zu Menschen mit einem ausgeprägten Selbstvertrauen erziehen. Dazu erklärt die Psychologin und Expertin für Zivilcourage Anne Frey von der Universität München: "Eine anerkennende, achtsame und wertschätzende Erziehung ist die Basis der Zivilcourage. Doch dazu brauchen sie Eltern, Lehrer, Erzieher und andere Vorbilder wie Sportler oder Popstars, die Einfühlungsvermögen zeigen." Mathias Jung, Psychotherapeut und Buchautor von "Mut zum Ich. Auf der Suche nach dem Eigensinn", weiß: "Wer als Kind in einem Klima des Muts und der Ermutigung aufgewachsen ist, wird leichter seine Ängste überwinden können." Wer hingegen kein Selbstvertrauen zu sich selbst habe, dem fehle der echte Mut, so der Therapeut.
Zur Zivilcourage gehöre ebenso das Gefühl der "Selbstwirksamkeit", der Zuversicht mit dem eigenen Handeln etwas bewirken zu können, sagen Psychologen. Diese Fähigkeit könne sich nur entwickeln, wenn Kinder Selbstvertrauen hätten und sich in ihrer Haut wohlfühlten. Nur dann wären sie in der Lage eher auf die Bedürfnisse anderer zu achten, weil ihre eigenen Bedürfnisse respektiert würden. Diese Stärke mache es zudem möglich, dass man in der Lage sei, Fehler zuzulassen und sie mit einzukalkulieren, so Diplompsychologin Anne Frey: "Wenn man mutig ist, dann geht man neue Wege, dann traut man sich was - und da darf man auch Fehler machen." Fehlerfreundlichkeit sei wichtig, weil der Anspruch auf Perfektionismus oft verhindere, dass man mutig seine Meinung vertrete, erklärt Frey weiter.
Doch egal wie selbstbewusst Kinder sind, couragiertes Auftreten kann für sie vor allem dann zu einer echten Herausforderung werden, wenn sie befürchten müssen, gegen die Interessen einer Gruppe zu handeln und sich so unbeliebt machen. Denn gerade junge Menschen sind extrem abhängig von der Akzeptanz innerhalb ihrer Klasse, der Mannschaft im Sportverein oder der eigenen Clique. Deshalb bedarf es hierbei besonders viel Mut und Stärke, seine eigene Meinung zu artikulieren und gegen die bestehenden "Gruppen-Normen" zu handeln. Der Pädagoge Bernhard Bueb, ehemals Direktor des Internats in Salem, kennt diese Isolationsängste und die Loyalitätskonflikte von Kindern aus seiner Zeit an der Schule. Doch plädiert er dafür, diese "Hemmschuhe" zugunsten der Zivilcourage zu überwinden: "Erziehung zur Verantwortung heißt daher auch Erziehung zum Mut, Vorbereitung darauf, dass Nachteile in Kauf genommen werden oder man sich die Hände schmutzig machen muss.“
Hier finden Sie acht Tipps, wie ihr Kind Zivilcourage trainieren kann.
Quelle: t-online.de
ein Gedanke schrieb:
am 17. März 2012 um 16:07:30
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Mein Elternhaus war sehr
streng christlich und damit für mich nicht leicht. Es gab viele Verbote, z.B. galt Sexualkundeunterricht als
"Sünde". Trotzdem gab es auch eine andere Seite. In der Schule gab es einen Jungen, der gehänselt wurde. Meine Mutter wollte gern, daß ich mich neben ihn setze, damit er nicht so allein ist. "Das ist besser für dich", sagte sie, was ich nicht verstand. Warum besser? Ich hörte trotzdem auf sie und damit hat sie wirklich recht gehabt. Das war gute Erziehung.
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Kinder in Heimen schrieb:
am 17. März 2012 um 15:58:16
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...kommen aus Elternhäusern,
in denen sie nicht geliebt wurden. (Gewalt, Alkoholismus, Drogenabhängigkeit, psych. Erkrankungen). Und
eigentlich bräuchten sie jetzt von den Erziehern besonders viel Liebe, um die Wunden ihrer kleinen Seelen zu heilen. Das geschieht aber nicht. Man fahndet stattdessen nach "Störungen", die es zu "behandeln" gilt, man geht hart mit ihnen um (schließlich müssen sie ja jetzt "erzogen" werden), Liebe gilt als "unprofessionell", stattdessen gibt es Therapie. Traurig.
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Nachdenkerin schrieb:
am 18. Oktober 2011 um 19:41:25
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Zivilcourage
Das ist so `ne Sache -Ich würde mein Kind nicht unbedingt ermutigen dazu- es ist viel zu gefährlich. Heutzutage begibt man
sich oft in Lebensgefahr, wenn man Zivilcourage ausübt! Man läuft Gefahr, zum Krüppel geschlagen zu werden! Es gibt genug Beispiele dafür! Polizei verständigen/Hilfe herbeiholen -ja. Mehr nicht. Menschen werden ja schon ohne Grund niedergeschlagen!
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