11.11.2011, 15:04 Uhr | mmh
Kostenlose Therapie unter Schweigepflicht.
Wer hierher kommt, will nicht "übergriffig" werden. Der will sein Verhalten kontrollieren, seine Veranlagung in den Griff bekommen. Wer hier ist, der weiß, dass sie nicht heilbar ist, diese Krankheit, die nicht nur dem Kranken selbst weh tut, wenn sie ausbricht. Sie ist ein Raubtier, das im Käfig gehalten werden muss. Der "Käfig" ist eine Therapie, die der Sexualmediziner Professor Klaus Michael Beier und seine Mitarbeiter an vier Standorten in Deutschland durchführen. "Kein Täter werden" - mit diesem Motto wendet sich das Präventionsprojekt Dunkelfeld (PPD) an Männer mit pädophilen Neigungen.
Pädophilie, die sexuelle Ansprechbarkeit für den kindlichen Körper, ist eine chronische Krankheit und als solche auch von der Weltgesundheitsorganisation WHO anerkannt. Keiner der Betroffenen kann etwas dafür, kein anderer ist befugt, moralisch zu richten. Das will Beier klar stellen. Das Projekt bietet Hilfe, keinesfalls Täterschutz. Und Beier will die Grenze klar ziehen: "Wer sich nicht helfen lässt und Kinder zu Opfern der eigenen Problematik macht, handelt unverantwortlich und ist ein Fall für die Justiz".
Eine enorme Verantwortung lastet also auf den Betroffenen, die lebenslang die erforderliche Verhaltenskontrolle sicherstellen müssen. Und sleten ist die pädophile Sexualpräferenz nicht: immerhin fühlen sich 250.000 Männer in Deutschland zwischen 18 und 75 Jahren zu Kindern sexuell hingezogen. Das ist Immerhin ein Prozent aller Männer in Deutschland.
"Diese Männer sind aufgefordert, ihr ganzes Leben lang dafür zu sorgen, keine Täter zu werden.“ Damit dies gelingt, sollten die Therapien, so Beier, schon möglichst früh ansetzen. Mit 20 Jahren sei ein optimaler Zeitpunkt. Früh heißt, nach Abschluss der Pubertät, wenn sich die sexuelle Präferenz manifestiert hat und nicht mehr ändern wird. "Die Neigung ist nicht heilbar, das sagen wir den Betroffenen ganz klar, aber sie ist behandelbar und ein Leben möglich, ohne Kinder zu gefährden." Diese Erkenntnis, ist hart, aber wichtig, um keine falschen Hoffnungen zu nähren. Es gilt: Keiner ist schuld an seiner Neigung, aber jeder dafür verantwortlich.
40 Jahre sind die meisten der Männer, die an den Therapien teilnehmen. Sie sind keinesfalls das, was an Stammtischen gerne als "Kinderschänder“ beschimpft wird. Denn diese Männer kämpfen dagegen an, ein Kinderschänder zu werden. Ziel des Präventionsprojektes ist es, Sexualstraftaten an Kindern sowie die Nutzung von Kinderpornografie bereits im Vorfeld zu verhindern.
Männer, die auf Kinder gerichtete sexuelle Fantasien bei sich feststellen, aber keinesfalls Übergriffe begehen wollen, können sich für eine Therapie melden. Klaus Beier: "Den Männern, die zu uns kommen, ist bewusst, wenn ich das, was in meinen Fantasien geschieht, in der Realität ausleben würde, dann wäre das eine Straftat.“
Es sind Männer aus den unterschiedlichsten Berufen und Schichten, alle haben einen langen Kampf gegen die Neigung hinter sich: "Ganz typisch für die Betroffenen ist eine 20jährige Auseinandersetzung mit ihrer pädophilen Sexualpräferenz und der Nichtlebbarkeit ihrer sexuellen Phantasieinhalte. Die meisten hatten dabei aber lange Zeit mit der Hoffnung gelebt, das wird schon wieder weggehen, zum Beispiel wenn sie erst die richtige Frau finden. Aber diese Neigung lässt sich nicht austricksen, das setzt sich in den Phantasien immer durch, das wird zum Dauerkonflikt.“
Oft ist es ein verzweifelter Kampf, viele landen nach einem Selbstmordversuch in einer Klinik, in der sich der Grund für die Verzweiflung auch nur manchmal zeigt, denn die Betroffenen haben Angst, den wahren Grund zu offenbaren. Wer Glück hat, gerät dann an Ärzte, die von Beiers Präventionsprojekt wissen, andere werden von ihren Angehörigen darauf aufmerksam gemacht, wieder andere suchen aktiv nach Hilfe. Aufklärung ist Beier deshalb so wichtig in der Öffentlichkeit, unter den Allgemeinärzten, bei Psychologen, bei Lehrern.
Es ist wie ein Fluch seit der Pubertät, es lässt sich nicht löschen, es geht einfach nicht weg, der Anblick von Kindern erregt sie, löst den Orgasmus aus, bei sexuellen Kontakten selbst mit erwachsenen Partnern spielen sich die Bilder im Kopf ab, viele suchen Missbrauchsabbildungen im Internet. "Diese Männer müssen wir so früh wie möglich erreichen, am besten im frühen Erwachsenenalter, damit sie Verantwortung übernehmen können und lernen, wie sie gegensteuern können udn auch die Bilder im Netz gar nicht erst anklicken.“
"Kinderpornopgraphie" ist für Beier ein beschönigender Begriff, eine Verharmlosung, denn: "Es handelt sich nicht um Pornographie, gezeigt wird dort der sexuelle Missbrauch von Kindern - genau das, was wir verhindern wollen. Wer diese Bilder nutzt, hat meisteine pädophile Neigung."
Ziel der Therapie ist, das Verhalten so zu ändern, dass weder Kinder noch die Betroffenen selbst zukünftig gefährdet sind. Information, Empathie und Situationskontrolle sind die Schlüssel, manchmal aber auch Medikamente.
Einbezogen in das Therapieprogramm werden sowohl Personen, die bisher (noch) nicht übergriffig geworden sind, aber befürchten, sexuelle Übergriffe auf Kinder zu begehen, als auch Männer, die bereits sexuelle Übergriffe auf Kinder begangen haben, aber den Strafverfolgungsbehörden (noch) nicht bekannt sind. Das ist das sogenannte Dunkelfeld. Darüber hinaus können Männer aufgenommen werden, die in der Vergangenheit wegen sexuellen Kindesmissbrauchs angezeigt und/oder rechtskräftig verurteilt wurden und eine gegebenenfalls gegen sie verhängte Strafe vollständig verbüßt haben - vorausgesetzt also, dass sie nicht mehr unter Aufsicht durch die Justiz stehen und somit alle rechtlichen Angelegenheiten abgeschlossen sind. Teilnahmewillige Personen müssen bezüglich ihrer auf Kinder gerichteten sexuellen Impulse über ein Problembewusstsein verfügen und von sich aus therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen wollen, um keine sexuellen Übergriffe auf Kinder (mehr) zu begehen.
In ersten anonymen Gesprächen klären die Mitarbeiter der Projekte in Berlin, Regensburg, Kiel und Leipzig, ob überhaupt eine eindeutige pädophile Sexualpräferenz vorliegt. Sexualdiagnostik nennt sich das Feld der Medizin, das hier gefragt ist. Die Mediziner und Psychologen verfügen über spezielle sexualmedizinische Qualifizierungen.
Wichtig ist, dass die Betroffenen ihre eigene Sexualität erkennen und akzeptieren, erst dann können sie die Verhaltensweisen bewerten, die zu Risikosituationen führen. Sie lernen Bewältigungsstrategien für partnerschaftliche, soziale und berufliche Anforderungen, die das Risiko senken, sexuelle Übergriffe an Kindern zu begehen oder Missbrauchsabbildungen zu nutzen. Empathie ist ein weiterer Schlüssel. Wer die Perspektive des Kindes adäquat einnehmen kann und aufgeklärt ist nicht von Fehlannahmen über die kindliche Entwicklung geleitet wird, wird jeder Form sexuell motivierter Interaktionen zwischen Erwachsenen und Kindern für falsch halten und unbedingt vermeiden wollen.
Spezielle Medikamente helfen, den Drang, sexuelle Impulse auszuleben, zu dämpfen, um so mehr Raum für Verhaltensänderungen zu erhalten.
Die Therapien finden vor allem als Gruppensitzungen statt, einmal pro Woche treffen sich die zehn Teilnehmer über ungefähr ein Jahr hinweg. Man redet über Gefahrensituationen der Einzelnen: Nachbarskinder im Garten, Schüler in der Straßenbahn, die eigenen Kinder, einem als Lehrer anvertraute Kinder. Die Gruppe entlarvt Fehlverhalten und Beschönigungen viel schonungsloser als ein Therapeut das könnte. Ganz typisch ist, dass Betroffene ein vermeintlich eigenes Interesse der Kinder in bestimmte Situationen hinein interpretieren statt eigenes Fehlverhalten. Das wird erkennbar an Sätzen wie "der wollte das doch“ oder "die hat mich doch richtig aufgefordert“. Beier weiß: "Es ist wesentlich beeindruckender und wirksamer, wenn andere Betroffene aus der Gruppe das sagen, als wenn ein Therapeut darauf hinweist, denn sie kennen es selbst.“
Im Grunde handelt es sich um ein Chroniker-Programm, deshalb gibt es nach Beendigung des Therapieprogramms auch noch das Angebot an einer Nachsorgegruppe teilzunehmen. "Wir bieten Begleitung an, denn es kann immer Krisen und neue Konstellationen geben, man muss die Teilnehmer immer wieder neu einstellen, auch mit Medikamenten“, sagt Beier. Bedauerlicherweise wird dies aber nicht von den Krankenkassen übernommen, die sonst bei chronischen Erkrankungen mit Pauschalbeträgen die Aufwendungen vergüten.
Wichtig ist, auch die Angehörigen und das Umfeld mit einzubeziehen, in dem Spannungsfeld zwischen Aufklärung, sozialer Anerkennung der Krankheit und der Angst der Teilnehmer, ihre Freunde zu verlieren, wenn sie von der Neigung erfahren. Dafür gibt es spezielle Termine mit Familienmitgliedern und Freunden.
Die Männer lernen, mit riskanten Situationen im Alltag umzugehen und sie zu meiden. Sie werden beispielsweise darauf achten, nicht mit Kindern alleine in einem Raum zu sein. Ein schweres Risiko für die Betroffenen ist der Konsum von Abbildungen, die sexuelle Missbrauchshandlungen zeigen udn im Internet leicht verfügbar sind. Deshalb richtet sich das therapeutische Angebot des Präventionsprojektes Dunkelfeld auch an die potentiellen Nutzer von Missbrauchsabbildungen im Internet: Kein Täter werden. Auch nicht im Netz.
An diesem Punkt übt Beier Kritik an der Gesellschaft: "Viele glauben immer noch, gucken ist nicht so schlimm wie selbst tun. Was Missbrauchsabbildungen angeht, ist unsere Gesellschaft noch viel zu gewährend.“ Das Wissen in der Gesellschaft ist noch längst nicht auf dem Stand, der nötig wäre, um effektiv das Missbrauchs-Problem zu lösen. "In der Öffentlichkeit besteht ein großer Wunsch, sich zu distanzieren, aber Missbrauch ist ein relevantes Problem, die Zahlen sind hoch genug, doch das wollen die Menschen nicht hören, weil es emotional so belastend ist.“ Es ist ein falscher Selbstschutz, der bei vielen einsetzt, die das Thema lieber nicht vertiefen wollen. Die Bilderflut ist immens groß, die Dunkelziffer nur zu ahnen. Beier vermisst deutliche Anstrengungen der Gesellschaft, dagegen wirklich vorgehen zu wollen. "Das hängt damit zusammen, dassdie meisten Menschen diese Bilder nicht kennen. Würde jeder wissen, was da zu sehen ist, gäbe es ein Volksbegehren." Es gäbe wohl einen emotionalen Aufschrei, wenn Erwachsene dazu gezwungen würden derartige Bilder anzusehen.
Trotzdem tut sich vieles, erst jetzt hat die EU strengere Richtlinien im Kampf gegen Missbrauch verabschiedet. Und auch der Gedanke der Primärprävention setzt sich durch, also dem Vorbeugen in einem so frühen Stadium, dass es gar nicht erst zu sexuellen Übergriffen oder zur Nutzung von Missbrauchsabbildungen kommt. "Es ist erfreulich, dass immer mehr von der Richtigkeit dieser Vorgehensweise überzeugt werden können."
Ambulanzen gibt es in Berlin, Kiel, Leipzig, Regensburg. Bald folgen Hamburg und Hannover. Weitere Informationen und Kontaktmöglichkeit über www.kein-taeter-werden.de
Quelle: t-online.de
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