28.12.2009, 09:29 Uhr
Starköchin Sarah Wiener engagiert sich für gesunde Ernährung, die Spaß macht. (Bild: Imago)Schokoriegel und Pommes sind lecker, warum sollten Kinder das nicht essen? Fragt Starköchin Sarah Wiener, allerdings natürlich nicht jeden Tag. Sie hält nichts von strengen Verboten. Entscheidend ist eine abwechslungsreiche, gesunde Kost. Sie dringt darauf, Kinder mehr über gesundes Essen aufzuklären, wenn es die Eltern nicht können, dann in den Schulen. Zugleich warnt sie davor, die Ernährung zu einer Art Ersatzreligion zu machen. Dabei gibt es zahlreiche TV-Kochshows und Kochclubs einerseits, andererseits immer häufiger krankhaftes Übergewicht, Adipositas und falsche Ernährung. Sarah Wiener hat eine Stiftung ins Leben gerufen, um Kindern den Spaß an gesunder Ernährung nahe zu bringen. #
Die Bundesregierung kämpft mit mehreren Initiativen gegen Übergewicht. Kann man politisch überhaupt etwas ausrichten?
Sarah Wiener: Im Kampf gegen Übergewicht muss man da ansetzen, wo man die Kinder und Jugendlichen erreicht: in den Schulen. Daher halte ich Ernährungskunde und Kochkurse in der Schule für extrem wichtig. Den Kindern wird heute alles Mögliche beigebracht, aber nicht, wie sie sich gesund ernähren können. Kochkurse tragen dazu bei, Kinder zur Selbstständigkeit zu erziehen, ihnen durch die Praxis ein Kulturgut zu vermitteln und gleichzeitig interaktive Kommunikation, Geschmacksbildung, Teamgeist, Feinmotorik und Kreativität zu fördern. Da es viele Familien scheinbar nicht mehr schaffen, den eigenen Kindern das Kochen beizubringen, sollten die Schulen diese Aufgabe übernehmen.
Ungesunde Ernährung ist verpönt. Wird da übertrieben?
Sarah Wiener: Aus der Ernährung wird manchmal so eine Art Ersatzreligion gemacht: du darfst, du sollst, du musst. Da wächst eine Begehrlichkeit und auch eine Irritation heran, die ich für ungesunder halte als irgendwelche Speisen mit Fetten, Zucker und Kohlenhydraten. Ich habe da eine ganz pragmatische Sicht: Iss' was du willst, bekoch' dich selber, iss' abwechslungsreich, am besten regional und saisonal, schau, wie die Tiere aufgewachsen und womit sie gefüttert worden sind.
Es gibt immer mehr fettleibige Kinder. Sollten Kinder noch Schokoriegel oder Pommes frites essen?
Sarah Wiener: Schokoriegel und Pommes sind lecker - warum sollten Kinder das nicht auch mal essen? Aber bitte nicht jeden Tag. Es macht die Abwechslung, und es macht natürlich auch der Zugang zu den Lebensmitteln. Viele Kinder wachsen mit Fertiggerichten auf und können mit Kohlrabi oder Fenchel wenig anfangen. Es wird aber auch wenig Obstsalat angeboten. Ich glaube, dass Kinder genauso gern bestimmte Obstarten essen würden wie sie manchmal ein Stück Kuchen essen. Ich halte nichts davon, wenn man sagt, Pizza, Burger, Fritten, panierte Hähnchen geht nicht, hier steht der gedämpfte Fisch und der Salat. Das ist unsinnig. Ich glaube, dass man auch Freude am Essen haben sollte. Schulobst ist ein Anfang.
Was halten Sie von der umstrittenen Kennzeichnung potenzieller Dickmacher in den Ampelfarben?
Sarah Wiener: Wenn die Leute keine Zeit haben oder zu faul sind, das Etikett zu studieren, ist die Ampel-Kennzeichnung ein Schritt in die richtige Richtung. Aufklärung tut not. Ob das aber die letzte Weisheit ist oder vielleicht ein bisschen zu kurz gegriffen ist - die Diskussion sollte man führen.
Haben Sie ein Rezept, um Völlerei über die Festtage zu verhindern?
Sarah Wiener:Es ist so wie mit allen Dingen: Bewusst essen. Wenn man schon völlert, dann mit allen Sinnen. Wenn das jetzt nicht ausufert und ein wochenlanger Exzess ist, ist ja auch gar nichts dagegen zu sagen, ab und an über die Stränge zu schlagen. Oft denkt man gerade nicht darüber nach und stopft sich etwas 'rein, obwohl es grauslig schmeckt und obwohl man nicht wirklich Hunger hat. Dem gilt es zu trotzen.
Quelle: dpa
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