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Schlafwandelnde Kinder

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Schlafwandlerische Sicherheit ist ein Trugschluss

16.03.2010, 16:23 Uhr | Simone Blaß

Schlafwandelndes Mädchen mit Teddy.

Schlafwandelnde Kids können herumlaufen, sprechen und sogar essen und trinken. (Bild: Imago) (Quelle: imago)

Immerhin rund acht Prozent aller Kinder zwischen fünf und zwölf Jahren schlafwandeln gelegentlich. Einer repräsentativen schwedischen Studie zufolge lag die Häufigkeit bei Zwölfjährigen sogar bei 16,7 Prozent. Wobei das Schlafwandeln an sich, auch wenn es manchmal sehr bedrohlich wirkt, grundsätzlich kein Grund zur Besorgnis ist. Trotzdem ist es notwendig, dass Sie Ihr Kind schützen – denn das unvollständige Erwachen aus dem Tiefschlaf birgt Gefahren, die schlimme Folgen haben können.

Schlafwandeln hat verschiedene Gesichter

Wenn einem nachts im Flur das eigene Kind mit großen Augen und starrem Gesichtsausdruck begegnet, wenn es nicht, beziehungsweise sehr seltsam reagiert auf das, was man zu ihm sagt und einfach mit etwas eckigen Bewegungen weitergeht, dann kann einem schon angst und bange werden. Aber das Schlafwandeln kann sich auch in ganz anderer Form bemerkbar machen. Das Kind richtet sich im Bett auf und führt einfache motorische Bewegungen immer wieder aus. Es wischt über die Bettdecke oder zupft an irgendetwas herum.  Und schläft dann weiter. Das, was man typischerweise unter Schlafwandeln versteht, beginnt übrigens ebenfalls mit einem Aufsetzen im Bett und einem Herumschauen im Zimmer. "Wenn der Betroffene anfängt zu wandeln, kann er langsam gehen oder auch rennen, das Haus verlassen, sprechen, sich anziehen, essen und trinken.", so Professor Bernhard Schlüter, Oberarzt im größten Kinderschlaflabor Deutschlands, in der Vestischen Kinder- und Jugendklinik Datteln. "Die Dauer dieser Episoden beträgt wenige Minuten bis zu einer halben Stunde." Das Schlafwandeln, das im Fachjargon Somnambulismus heißt, tritt bevorzugt beim Wechsel von einem Schlafstadium zum anderen auf.

Schlafwandler stecken im Tiefschlaf fest

Der normale Schlaf gliedert sich in mehrere aufeinander folgende Schlafzyklen von Leichtschlaf, Tiefschlaf und Traumschlaf. Ein Erwachsener hat eine Schlafzyklusdauer von 90 bis 100 Minuten, je jünger ein Mensch ist, desto kürzer sind diese Zyklen. Wobei bei Kindern nicht nur der erste Schlafzyklus besonders viel Tiefschlaf enthält, sondern es im Gegensatz zum Erwachsenen auch in allen Zyklen zu diesem Tiefschlaf kommen kann. Eine Voraussetzung für das seltsame Verhalten. "Schlafwandeln gehört, wie der bei Kindern ebenfalls häufige Nachtschreck zu den so genannten Arousalstörungen oder Non-REM-Parasomnien. Es handelt sich dabei um ein unvollständiges Erwachen aus dem Tiefschlaf", erklärt Bernhard Schlüter. "Wenn ein solches Ereignis im Schlaflabor beobachtet werden kann, stellt man fest, dass das EEG, also die Hirnstromkurve, dem Tiefschlaf entspricht, während sich das Kind bereits bewegt, sich aufsetzt und versucht, das Bett zu verlassen. Das Wachbewusstsein ist in diesem Zustand nicht erreicht." Und das ist auch der Grund dafür, warum sich die Kinder am nächsten Morgen an nichts erinnern können.

Schlafwandeln genetisch bedingt

Warum es Menschen gibt, die schlafwandeln und andere, die das nicht tun, diese Frage ließ sich bis heute wissenschaftlich nicht klären. Es gibt aber eine Reihe von Einflussfaktoren, die das Auftreten von Schlafwandeln begünstigen. Dazu gehören das Alter, andere Schlafstörungen wie z.B. schlafbezogene Atmungsstörungen, eventuell psychische Faktoren und was bereits erwiesen scheint, auch genetische Faktoren. Immerhin kommt jedes zweite schlafwandelnde Kind aus einer 'Schlafwandlerfamilie'. Ein entscheidender Aspekt ist aber auch die so genannte Schlafhygiene. Also all das, was für einen gesunden Schlaf notwendig ist. Das richtige Bett, ein geregelter Schlafrhythmus, Entspannung vor dem Schlafengehen und das Ausschalten von störenden Licht- und Lärmquellen. Schlafwandler bewegen sich nämlich in der Regel auf starke Lichtquellen zu, wobei das früher vor allem der volle Mond war. Und sie folgen einem inneren Auftrag, möchten oft eine bestimmte Aufgabe erfüllen. Die Zeitung für den Papa holen, etwas zu essen suchen – die Möglichkeiten sind vielfältig. Das kann auch dazu führen, dass der Schlafwandler sich versucht zu wehren, wenn man ihn zurück ins Bett bringen möchte. In einem solchen Fall sollte man auf den Wunsch zumindest scheinbar eingehen und dann das Kind sicher zurückbringen.

Nur selten ein Grund zur Sorge

„Eltern müssen sich normalerweise keine Sorgen machen, wenn ihr Kind schlafwandelt.“ Da ist sich Professor Schlüter sicher. "In der Regel sind Kinder, die schlafwandeln, sonst gesund und normal entwickelt. Und das Wandeln hat auch keinen ungünstigen Einfluss auf die weitere Entwicklung des Kindes. In vielen Fällen verschwindet es von selbst, ist an Entwicklungsphasen gebunden." Sorgen muss man sich seiner Ansicht nach erst dann machen, wenn das Schlafwandeln sehr häufig und über einen mehrere Monate dauernden Zeitraum auftritt. Wobei 'sehr häufig' bedeutet, entweder jede Nacht oder sogar mehrmals pro Nacht. Auch wenn das Kind tagsüber sehr müde ist oder der Verdacht auf hinzukommende andere Schlafstörungen besteht, dann macht es Sinn, das Schlafwandeln medizinisch abklären zu lassen und eventuell auch mal eine Nacht im Schlaflabor zu verbringen.

Um Gefahr vorzubeugen: Treppen und Fenster sichern

Worüber man sich aber klar sein muss, ist die erhöhte Gefahr, der schlafwandelnde Kinder ausgesetzt sind. Entgegen der allgemein üblichen Meinung bewegen sie sich nämlich nicht sicher im Raum und sind durch ungeschützte Treppen und offene Fenster sehr gefährdet. "Das schlafwandelnde Kind ist nicht vollständig aus dem Tiefschlaf erwacht und nimmt daher auch seine Umgebung nicht wie im Wachzustand wahr. Das bedeutet, dass es nicht adäquat auf Veränderungen in der Umgebung reagieren kann. Die sprichwörtliche sprachwandlerische Sicherheit gibt es nicht." Professor Schlüter empfiehlt, sich gut in der Umgebung des Kindes umzusehen, um die Gefahr für das Kind zu minimieren. "Die Eltern sollten das Bett, das Schlafzimmer und die angrenzenden Räume sorgfältig begutachten. Fenster sollten abschließbar sein. Die Zimmertür kann dadurch gesichert werden, dass die Türklinke so montiert wird, dass der Griff senkrecht steht und offene Treppenhäuser sollten mit einem Gitter versehen werden." Dies gilt vor allem dann, wenn man sich in fremder Umgebung befindet oder gerade erst umgezogen ist, da sich dadurch die Gefahr erhöht. Auch ein Glöckchen an der Kinderzimmertür kann sinnvoll sein, denn so werden die Eltern auf den kleinen Schlafwandler aufmerksam und können ihn – sehr behutsam – wieder zurück ins Bett führen. 

Plötzliches Wecken unbedingt vermeiden

Die Ohrfeige, die man früher einem Schlafwandler verpasst hat, um ihn in den Wachzustand zurückzubringen, ist der absolut falsche Weg. "Jede Art von plötzlichen und heftigen Weckreizen sollten bei einem schlafwandelnden Kind unbedingt vermieden werden!", warnt der Schlafforscher. Vor allem natürlich dann, wenn das Kind sich zum Beispiel gerade am Absatz einer Treppe oder in der Nähe des offenen Fensters befindet. Denn das vielleicht durch einen besorgten Zuruf geweckte Kind könnte dann erst Recht durch den Schreck in Gefahr geraten "Das Kind sollte behutsam geweckt werden. Durch ruhiges Ansprechen und Berühren, wobei beachtet werden muss, dass das Kind eventuell 'aufgefangen' werden muss, wenn es vollständig erwachen sollte. Der Schlafwandler benötigt dann nämlich einige Minuten, um sich nach einem vollständigen Wecken wieder orientieren zu können."

Maßnahmen sollten immer mit dem Arzt abgestimmt werden

Der kleine Schlafwandler erinnert sich übrigens an nichts. Und es macht auch keinen Sinn, ihn am nächsten Morgen auf seine nächtlichen Aktivitäten hinzuweisen, denn eine übertriebene Sorge vonseiten der Eltern verunsichert das Kind nur und kann zur Folge haben, dass es immer häufiger Situationen wie Übernachtungsbesuche oder Zeltlager meidet, weil es fürchtet, durch sein Verhalten negativ aufzufallen. Einen Grund für eine medikamentöse Behandlung gibt es bei Kindern nur sehr selten, am ehesten wird, neben der Optimierung der Schlafhygiene, mit verhaltenstherapeutischen Techniken, wie dem antizipatorischen Wecken gearbeitet, bei dem man das Kind ein paar Minuten vor dem üblichen Schlafwandel-Zeitpunkt aufweckt. Wobei man das nicht auf eigene Faust tun sollte, sondern nur nach Absprache mit dem behandelnden Arzt. Doch in der Regel ist es sowieso nicht notwendig zu handeln. Bei den meisten Betroffenen verschwindet das Schlafwandeln im Laufe der Pubertät.

 


Simone Blaß  

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