17.10.2011, 13:19 Uhr
Lehrer: Traumberuf oder Alptraum? (Quelle: imago)
Annette K. (Name von der Redaktion geändert) ist 31 Jahre alt und arbeitet seit zwei Jahren als Schulsozialarbeiterin an einer Berliner Grundschule. Ihre Hauptaufgabe ist es, mit sozialpädagogischen Methoden sozialen Benachteiligungen und individuellen Beeinträchtigungen entgegenzuwirken. Das sind zum Beispiel Einzelfallarbeit, Familienberatung, Vernetzung mit anderen Stellen, soziale Trainings und so weiter. Sie unterrichtet nicht an der Schule, sondern stellt - in Kooperation mit den Lehrern und Erziehern - eine Säule der Jugendhilfe an der Schule dar.
Unsere Schule ist eine offene Ganztagsschule, das bedeutet, dass die Kinder von 6:00 bis 18:00 Uhr betreut werden können. Bis 13.30 Uhr fungiert die Schule als verlässliche Halbtagsgrundschule, danach besteht die Möglichkeit das Kind vom Hort - der auch an der Schule angesiedelt ist - betreuen zu lassen. Die Schülerzahlen in den Klassen sind erfreulicherweise recht niedrig - so haben wir aufgrund des JüL-Systems (jahrgangübergreifendes Lernen, also Klassenstufe 1 bis 3 zusammengefasst) maximal 25 Kinder pro Lerngruppe und häufig eine Doppelsteckung mit zwei Lehrern oder eine Kombi aus Lehrer und Erzieher während des Unterrichts. Die Räumlichkeiten sind im Vergleich zu anderen Schulen recht akzeptabel, jedoch zieht sich der Umbau eines Hauses in die Länge und auch der Hof ist seit über zwei Jahren immer noch zum Teil eine Baustelle.
Die Schüler sehen in uns (Annette K. teilt sich die Stelle mit einer Kollegin) einen weiteren Ansprechpartner in der Schule. Fast jedes Kind kennt unsere Vornamen und hat in irgendeiner Weise schon Kontakt mit uns gehabt. Unsere Angebote sind recht beliebt und bekannt und wir werden von den Kindern zum Beispiel bei Hospitationen im Unterricht immer gern gesehen.
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Momentan führen wir an der Schule eine Evaluation durch. Wir haben einen Fragebogen entwickelt und allen Mitarbeitern der Schule - Lehrern und Erziehern - ausgehändigt mit der Bitte, unsere Angebote zu bewerten. Die Auswertung ist noch nicht abschließend erfolgt, aber es zeichnet sich eine deutlich positive Tendenz ab. In der Grundschule stehen Erziehungsfragen noch sehr im Vordergrund und es gibt viele Kinder, die sich aufgrund ihres Backgrounds nicht einfügen oder sich nicht auf die Schule konzentrieren können. Viele Lehrer sind zwar engagiert, aber auch überlastet, weshalb sie dankbar sind, wenn ihnen Gespräche abgenommen werden. Es gibt allerdings auch Mitarbeiter, denen der Output zu wenig messbar ist und die zum Beispiel die vielen Nebeneffekte unserer Arbeit nicht wahrnehmen. Wir haben auch den Eindruck, dass viele keine konkrete Vorstellung haben, was Bestandteile oder auch Methoden unserer Arbeit sind. Das merken wir daran, dass Begrifflichkeiten oft verwechselt werden und wir schnell in einen Strudel geraten, dass wir "praktischerweise" Aufgaben der Lehrer übernehmen sollen, was natürlich nicht Sinn und Zweck unserer Profession ist.
Auch wenn sich die Schule in keinem Vorzeigekiez befindet und wir einen hohen Anteil an sogenannten "bildungsfernen" Familien haben, ist Schwänzen an der Grundschule glücklicherweise kaum ein Thema.
Die Schule achtet zum Beispiel sehr darauf, dass die Schüler pünktlich in den Unterricht kommen. Da werden sogar auch Maßnahmen ergriffen, dass über einige Wochen morgens die Tür abgeschlossen wird und die Kinder, die zu spät sind, erst zur zweiten Stunde reinkommen. Zudem werden Fehlzeiten nicht toleriert. Bei Kindern, die oft fehlen, wird ein Attest des Arztes gefordert und zusätzliche Beurlaubungen vor oder nach den Ferien werden wirklich nur in Ausnahmen genehmigt. Auch das bekannte Zuckerfest der Muslime - an dem die Schule fast leer ist - gilt als Fehltag im Zeugnis. Das muss den Eltern klar sein.
Die Frage ist bei einer Schülerzahl von 370 in Klassen 1 bis 6 natürlich schwierig zu beantworten. Ich habe den Eindruck, dass das Verhältnis untereinander recht gut ist. Durch das JüL-System haben nicht nur Kinder aus einer Jahrgangsstufe untereinander Kontakt, sondern auch darüber hinaus. Raufereien - vor allem unter Jungs - gehören zum Alltag. Ich finde es eher schwierig, dass viele Mitarbeiter dieses Verhalten fehlinterpretieren. Jungs müssen ihre Kräfte messen und tragen Streits auch mal körperlich aus. Da aber in erster Linie Frauen an Schule arbeiten und erziehen, die anders ticken, wird die körperliche Auseinandersetzung oft negativ bewertet. Deshalb bieten wir auch gerade für die Jungs viele Bewegungsspiele an und starten auch Boxwettbewerbe oder kämpfen auch mal mit Stoffkeulen, um die Energien zu kanalisieren.
Ja, leider habe ich schon mehr als ein Mal Mobbing an der Schule erlebt. Mobbing bedeutet ja nicht, dass heute mal dieses und morgen jenes Kind ausgegrenzt wird, sondern es bedeutet, dass in der Regel mehrere Kinder verschiedene Aufgaben erfüllen (Anführer, Ausführer, Schweiger), um ein oder mehrere Kinder systematisch über einen längeren Zeitraum meist subtil auszugrenzen und zu schikanieren. Oft ist dies den Mitarbeitern nicht bewusst. Im Zuge eines Mobbingfalls haben wir in der entsprechenden Lerngruppe einen ganztägigen Workshop zum Thema Mobbing und Gewalt durchgeführt und haben mithilfe von Spielen und Übungen den Schwächeren/Jüngeren Strategien gezeigt, sich gegen Stärkere zu wehren beziehungsweise ihre eigenen Grenzen kennen zu lernen.
Wir haben uns auch schon dafür eingesetzt, dass ein Kind die Klasse wechseln darf, da es total verängstigt war oder ein weiteres in eine andere Klasse nach den Ferien kam, um die Anführer-Strukturen zu brechen. Beide Maßnahmen haben glücklicherweise ihr Ziel erreicht und die Kinder können sich wieder aufs Wesentliche konzentrieren.
Zu Beginn meiner Tätigkeit an der Schule wurde ich im Rahmen unseres sozialen Trainings von einem Achtjährigen getreten und geschlagen. Ich konnte ihn kaum festhalten und habe tatsächlich blaue Flecken davon getragen. Das hat mich sehr schockiert. Dennoch kannte ich die Biografie des Kindes und wusste, dass ihn seine Mutter verlassen hatte. Die hervorgerufene Bindungsstörung veranlasste ihn, gerade Frauen, die ihm nahekamen, massiv auszutesten, um zu erfahren, ob sie trotz seines aggressiven Verhaltens "bei ihm blieben" - quasi eine Vorsichtsmaßnahme, um nicht wieder verletzt zu werden. Danach ist mir jedoch nie wieder vergleichbares passiert und heute habe ich ein sehr gutes Verhältnis zu dem Jungen.
Ja, im Grunde mag ich meinen Job. Ich finde ihn sinnvoll und glaube auch, dass wir für viele Kinder, Eltern, Lehrer und Erzieher schon an manchen Stellen hilfreich waren. Deshalb kann ich den Job inhaltlich bejahen. Anstrengend hingegen erlebe ich oft das System Schule. Ich empfinde es manchmal als schwierig, dass Lehrer Beamte sind und nicht in der freien Wirtschaft tätig sind. Vieles scheint veraltet. Zum Beispiel ist es an unserer Schule nicht üblich in den Dienstbesprechungen Protokolle zu schreiben. Stattdessen schreibt jeder ein bisschen mit und agiert nach bestem Wissen, Gewissen oder Gutdünken und wer fehlt, hat Pech gehabt. Ich finde, das müsste zugunsten der Transparenz, Effektivität und klaren Kommunikation unbedingt geändert werden.
Nein, das kann ich so nicht sagen. Dennoch merke ich, dass es ungeheuer Kraft kostet den Job gut zu machen, aber eher, weil es die Schulsozialarbeit noch nicht so lange gibt und auch kein einheitliches Konzept, keine einheitliche Finanzierung besteht. Unter all den Lehrern an der Schule fühlt man sich oft in Handlungszwang, zum Beispiel empfinden wir es als schwierig, zwischen "Tür und Angel" Fälle zu besprechen und weder Datenschutz noch Schweigepflicht zu beachten. Zudem wünschen wir uns, dass Veränderungen und Entwicklungen wahrgenommen werden und nicht zu schnell geurteilt wird: "Der ist noch genauso wie eh und je. Das wird nichts mehr mit dem Kind!" Ich würde mir wünschen, dass Lehrer mehr lernen zum Thema "Gesprächsführung" und Psychologie und regelmäßig Fortbildungen besuchen und ich würde mir wünschen, dass sich die Erzieher selbst ernster nehmen und sich mehr einbringen.
Die Kinder haben mich noch nie an den Rande des Nervenzusammenbruchs gebracht, eher die fehlende Kooperation zwischen den Professionen an der Schule.
Quelle: t-online.de
Xaviera schrieb:
am 13. März 2012 um 23:35:45
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Pädagogen vor Nervenzusammenbruch
früher waren diese Leute die jetzt die Lehrer sind für Antiautoritäre Erziehung, jetzt jammern sie
über die Respektlosigkeit der Kinder und Jugentlichen. lol. Ja ja, woher kommt das nur ? Früher wurde den Kindern und Jugendlichen klare Grenzen gezeigt, und heute wird nur gesagt " Du du du, das darfst Du nicht". Nicht das ich Gewalt in der Erziehung gutheiße, aber manchmal muß man eben Klare und eindeutige Worte sagen dürfen und nicht diesen Ei dai dai gequatsche von diesen Pädagogen.
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JENS schrieb:
am 11. März 2012 um 19:08:43
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JA,ZU SOZIALARBEITER/IN AN SCHULEN !
bin unbedingt dafür, und sollte an allen Schlen sich durchsetzen, denn sie können sich mit Probleme
beschäftigen, wozu LEHRER/INNEN doch oft überfordert mit sind, da sie auch NICHT die richtige Ausbildung dafür haben, und Probleme gibt es an allen Schulen !!!!
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MaritaP. schrieb:
am 22. Februar 2012 um 11:46:29
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Pädagogen vor Nervenzusammenbruch
Es krankt schon an der Ausbildung der Lehrer. Die Referendarzeit der Junglehrer ist im Anschluss an das
Studium. Viele stellen dann erst fest, dass es nicht der richtige Beruf ist, wollen aber nicht aufhören, da sie ja das lange Studium hinter sich gebracht haben. Meine Tochter hat mit weiteren 7 Referendaren Mobbing der Referendarlehrerin für ev. Religion erlebt. Von 18 Referendaren ander Schule haben 8 aufgehört.Es war Horror pur. Das Studium war nun umsonst, ohne 2. Examen ist man nichts.
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