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"Ich will doch nur meinen Sohn zurück"

08.12.2008, 11:29 Uhr | Kathrin Fichtel, Spiegel Online

Nicht alle Kinder reisen freiwillig.

Nicht alle Kinder reisen freiwillig. (Bild: Imago)

Ein Alptraum für die ganze Familie: Jedes Jahr werden geschätzte tausend deutsche Kinder von einem Elternteil ins Ausland verschleppt. Ohne Geld, Geduld und viel Glück haben die Betroffenen keine Chance, ihre Kleinen wiederzusehen.

Jahrelang in aller Welt gesucht

Das Wiedersehen mit ihren Töchtern wird Christiane Hirts niemals vergessen. Diesen wunderbaren Moment, als die siebenjährige Claire in einem Kinderheim in den USA auf sie zuläuft. Ihr in die Arme fällt, ihr in den dunklen Schopf greift und sagt: "Mama, das wusste ich noch, dass du lange Haare hast." Zweieinhalb Jahre lang hatte Christiane Hirts ihre Frisur nicht verändert. Damit ihre Kinder sie auch nach der unfreiwilligen Trennung erkennen würden. Zweieinhalb Jahre lang hatte Christiane Hirts ihre vom Ex-Mann entführten Töchter in der halben Welt gesucht - und schließlich in einem Kinderheim in South Carolina gefunden.

1000 bis 1500 Kinder werden jährlich ins Ausland verschleppt

Der Fall von Carmen, Claire und Christiane Hirts ist einer von vielen. Offizielle Zahlen, wie viele Kinder von einem Elternteil ins Ausland verschleppt werden, gibt es nicht. Bei der Organisation "Committee for Missing Children" schätzt man, dass es jährlich zwischen 1000 und 1500 sind. Einige Fälle verursachen großes Aufsehen, wie der Fall des Berliner Arztes Peter Tinnemann, der seit drei Jahren den Spuren seiner Tochter über Ungarn und Spanien nach Guatemala folgt. Auch über die Polin Beata Pokrzeptowicz, die Mitte November ihren neunjährigen Sohn aus Düsseldorf entführte, wurde berichtet. Die meisten Eltern und Kinder aber leiden still. Jahrelang, manchmal sogar über Jahrzehnte.

Ein Grund: Gescheiterte binationale Ehen

Beim Bundesamt für Justiz in Bonn wird beobachtet, dass die Zahl der Fälle von Kindesentzug ins Ausland steigt. Unter anderem vermutlich deshalb, weil es immer mehr Elternpaare mit unterschiedlichen Nationalitäten gibt. Dementsprechend steigt auch die Anzahl der gescheiterten binationalen Ehen: Im Jahr 2007 ließen sich 26.000 Deutsche von ihrem Ehepartner mit einer anderen Staatsbürgerschaft scheiden - im Jahr 1991 waren es nur 10.000.

"Committee for missing children" hilft

Christiane Hirts hat den Kampf um ihre Kinder damals gewonnen. Um anderen Betroffenen zu helfen, gründete sie vor zehn Jahren die europäische Dependance des "Committee for Missing Children". Jährlich betreut sie 250 Familien, in denen der Streit um das Sorgerecht in einen Kindesentzug mündete. Nach Hirts' Erfahrung werden Kinder ebenso oft von Müttern wie von Vätern entführt - nur bei Elternpaaren mit einem muslimischen Partner sei es fast immer der Mann. "Manchmal rufen mich Eltern nachts an, weil sie Angst haben, verrückt zu werden", sagt Hirts. "Das verstehe ich gut." Christiane Hirts und ihr Ex-Mann, ein US-Amerikaner, trennen sich im Jahr 1995. "Schon während der Scheidung hat er gedroht, mit den Kindern zu fliehen", erinnert sich Hirts. Sie wendet sich ans Gericht, fleht, ihm den Pass wegzunehmen. Ohne Erfolg. Kurze Zeit später, im Juni 1995, verschwindet ihr Ex-Mann. Mit Carmen und Claire, den gemeinsamen Kindern. Zurück lässt er nur einen Haufen Schulden.

Die Suche: Lang, teuer, zermürbend

Während der langen Suche nach ihren Töchtern verliert Christiane Hirts ihren Job, ihre Wohnung, all ihre Ersparnisse. Aus Angst um die Kinder kann sie nachts kaum schlafen. Es gibt kein Lebenszeichen von ihnen, zweieinhalb Jahre lang. Die einzige Hoffnung: dass der Ex zu seinen Eltern nach Georgia gegangen ist. "Oft lassen sich gerade Männer in der Nähe ihrer Familien nieder, um Hilfe zu bekommen", sagt sie. Aber ihr Ex-Mann hat alle Spuren verwischt. Erst im Herbst 1998 schaltet sich eine US-Staatsanwaltschaft ein, Polizisten finden die kleinen Mädchen, mittlerweile sieben und acht Jahre alt, im Haus ihrer Großmutter und bringen sie in ein Kinderheim.

Der Kampf mit den Behörden

Nur 24 Stunden nach dem erlösenden Anruf der Behörden hält Christiane Hirts ihre Kinder wieder in den Armen. Weitere sechs Monate muss sie jedoch mit der US-Justiz kämpfen, bis sie Carmen und Claire zurück nach Deutschland bringen darf. "Hätte ich nicht die Unterstützung des "Committee for Missing Children" gehabt und eine Anwältin, die meinen Fall kostenlos übernahm - ich hätte meine Kinder aus finanziellen Gründen nicht zurückbekommen", sagt Hirts. Dabei hat die heute 48-Jährige Glück gehabt: Wird ein Kind in ein Land verschleppt, das - wie in ihrem Fall die USA - das Haager Abkommen von 1980 unterzeichnet hat, stehen die Chancen auf Rückführung gut. 77 Staaten verpflichten sich demnach, wenn auch mit Vorbehalten, Kinder bei entsprechender Rechtslage auszuliefern.


Quelle: Spiegel Online

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