03.06.2011, 15:12 Uhr | Simone Blaß
Stillen - wirklich die natürlichste Sache der Welt? (Bild: Archiv)
"Mich lobst Du nie, wenn ich nach dem Essen rülpse!“, empört sich meine Siebenjährige. Na ja, klar. Sie hält mich auch nicht die ganze Nacht wach, wenn sie Luft im Bauch hat. Und auch sonst ist bei ihrem kleinen Bruder einiges anders. Denn auch, wenn man schon zwei Kinder gestillt hat, kann das Dritte einen diesbezüglich durchaus noch überraschen!
"Ha“, dachte ich zugegebenermaßen etwas arrogant und milde vor mich hin lächelnd, wenn Erstlingsmütter in meiner Gegenwart ihrer Angst vor dem Stillen Ausdruck verliehen. "Das muss man nur wollen, dann geht das schon.“ Ich war absolut überzeugt davon, dass das, was meine Große veranstaltet hatte, bereits Stillprobleme waren und ich diese so hervorragend gemeistert habe, dass unser zweites Kind, ebenfalls weiblich, einfach angelegt wurde und trank. Mein Verdienst, selbstverständlich. Gott sei Dank habe ich wenigstens meine Klappe gehalten. Wenn das damals Schwierigkeiten waren, dann erlebe ich jetzt den Supergau. Denn mein Herr Sohn brachte mich mal schnell mit harter Landung auf den Boden der Tatsachen zurück. Er war nicht im Geringsten gewillt, zu tun, was von ihm verlangt wurde. Und es war ihm völlig gleichgültig, dass er bereits im Kreissaal angelegt wurde, dass ich literweise Milchbildungstees trank und die Anverwandten in den ersten Tagen Besuchsverbot hatten.
Bis dato war mir nicht klar, was es alles für Möglichkeiten gibt, um - angeblich zumindest - die Milchbildung in Gang zu bringen. Jetzt könnte ich ein Buch darüber schreiben. Die eine Hebamme empfahl Milchbildungsöl, die andere Stillhütchen, das Internet Mandeln und Cashewkerne, die nette türkische Nachbarin riet zu Bockshornkleesamen und Anisplätzchen. Wobei ersteres aufgrund von Übersetzungsproblemen auch etwas anderes gewesen sein könnte. Aber immerhin weiß sie genau, dass der allgemeine Ratschlag zu Ruhe und absoluter Gelassenheit bei drei kleinen Kindern nicht wirklich umsetzbar ist. Inzwischen wohnte mein Sohn an meiner Brust. Egal, was ich tat, das Baby war angedockt. Und nahm doch nicht zu. „Wenn er in den nächsten 24 Stunden nicht mindestens zehn Gramm mehr auf die Waage bringt,“ so die Hebamme, „dann musst du zufüttern.“ Zehn Gramm, was sind schon zehn Gramm? Denkt man, aber da kann man durchaus in Panik geraten, wenn das Kind ausgerechnet fünf Minuten bevor sich die Gewichtskontrolleurin angemeldet hat, zum Pieseln ansetzt.
Doch es hat geklappt und nach einer Odyssee durch alle Stillhilfen, dem Besuch bei der Osteopathin und tausend Erklärungsversuchen gegenüber denjenigen, die sich laut fragen, warum man eigentlich so einen Affen macht und nicht einfach Pre-Milch kauft, hat er es geblickt. Und trinkt inzwischen so viel, dass der kleine Milchvampir die Hälfte davon regelmäßig wieder rausspuckt. Und zwar nicht so ein bisschen auf ein bereitgelegtes Tuch an der Schulter, sondern in hohem Bogen in alle Richtungen. Bevorzugt auf teure Teppiche von Omas und die sorgsam ausgewählten Sofakissen von Freundinnen. Jil Sander und Laura Biagiotti sind out, man trägt jetzt die Duftnote "Altes Joghurt". Und auf den Kleidern eine Schleimspur, die sich von der Schulter über den Rücken teilweise bis zu den Oberschenkeln zieht. Kombiniert mit der unglaublich vielfältigen und schicken Auswahl an geeigneten Stillklamotten und dem Bauch, der ja angeblich genauso lange zum Verschwinden wie zum Kommen braucht, macht mich das zu einer sicheren Anwärterin für eine dieser Aschenputtelshows im Fernsehen. Und wer behauptet, ein Kind zu stillen mache schlank, der war noch nie sechsmal pro Nacht auf. Ich brauche Unmengen von Schokolade, um des nächtens meine Nerven zu beruhigen. Obwohl: Die Tatsache, dass ein Säugling immer dann zu quengeln beginnt, wenn mal was Anständiges, so mit Gemüse und Fleisch und so, auf dem Tisch steht, könnte das mit dem angepeilten Ausgangsgewicht dann doch noch durchaus vereinfachen.
Dass ich inzwischen den Zustand erreicht habe, den man "stilldoof" nennt und es in meiner Familie keinen mehr wundert, wenn der Autoschlüssel im Kühlschrank liegt und ich mal wieder in Hausschuhen beim Bäcker stehe, kann ich noch verkraften. Auch die Tatsache, dass ich aus monatelangen Abstinenzgründen bei einem einzigen Mon-Chéri schon einen Vollrausch davontrage, ist etwas, womit man leben kann. Dass unser Sohn aber grundsätzlich, wenn ich ihn in aller Öffentlichkeit stillen muss, so tut, als hätte er noch nie eine Brust gesehen, das regt mich echt auf! Und wenn er so weiter macht, dann drück ich ihm exakt mit sechs Monaten einen Löffel in die Hand und wünsche ihm einen guten Appetit!
Quelle: t-online.de
Ercl schrieb:
am 8. Oktober 2011 um 11:16:18
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Stillen
ES ist schon ein Abbild unserer modernen Welt, in der pornographische Darstellungen in jedem Film, in jedem Theatestück, im
Fernsehen und woanders als normal, ja sogar als muß gefordert werden, das natürlichste und gesündeste der Welt, das Stillen, jedoch als obszön abgetan wird.
Wie verrückt will die Menschheit noch werden.
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