22.07.2010, 15:09 Uhr | mmh
In Hoffenheim werden Fußballtalente sowohl schulisch als auch sportlich gefördert. (Bild: TSG 1899 Hoffenheim) (Quelle: ddp)
Hoffenheim, ein nettes Städtchen in der Rhein-Neckar-Region - und ein Fußballphänomen. Die Heimat des Bundesliga-Vereins TSG Hoffenheim und Talentschmiede junger Fußballer auf dem Weg zum Profi-Sport. Eine Talentförderung, die ihren ganz eigenen Weg gefunden hat, zugeschnitten auf die Bedürfnisse junger Menschen und die Gegebenheiten der ländlichen Region, mit einem starken Sponsor im Hintergrund. Im Dietmar-Hopp-Jugendförderkonzept geht es darum, das Potenzial zu entdecken und altersgerecht zu fördern, und dabei die Persönlichkeitsentwicklung nicht auf der Strecke zu lassen. Wie sieht der Alltag dieser Teenager im Nachwuchsleistungszentrum aus, auf dem Weg zum Profi-Fußballer? Denken sie nur noch an die Profi-Karriere oder sind sie ganz normale Kids, nur eben mit einem extrem ausgeprägten Talent?
Irgendwann reicht es nicht mehr, den Sohn zum Fußball-Training im Ortsverein zu begleiten, am Wochenende zum Punkt-Spiel in das Nachbardorf zu fahren und gelegentlich Trikots zu waschen. Irgendwann - oft sehr früh - zeigt sich bei manchen Jungs mehr als nur Begabung. Dann fragt vielleicht ein Talentscout am Spielfeldrand die Eltern, ob sie sich vorstellen könnten, dass ihr Sohn mal zum Probetraining des Vereins mit einem großen Namen kommt. Stolz und Zweifel stellen sich dann wohl bei allen Eltern gleichzeitig ein. Hat er das Zeug für einen größeren Verein oder gar zum Profi? Und was bedeutet das für das Kind - und für die gesamte Familie?
In der Rhein-Neckar-Region kann das zum Beispiel die Aufnahme in das Dietmar-Hopp-Jugendförder-Konzept der TSG Hoffenheim bedeuten, wie für die A-Jugend-Spieler Maurice Hirsch und Jonas Hofmann. Sie trainieren im Nachwuchsfleistungszentrum in Sinsheim. Das bedeutet für sie, sie wohnen zwar weiterhin bei ihren Familien und gehen in Mannheim und Heidelberg zur Schule, aber sie werden rundum in der "achtzehn99 Akademie" sowie deren Kooperationspartner "Anpfiff ins Leben" betreut. Rund 3000 Kinder sind irgendwie Teil von "Anpfiff ins Leben", in vielerlei Sport-Projekten der Region, nicht einmal fünf Prozent davon werden einmal als Profi-Sportler ihren Lebensunterhalt verdienen.
Simone Born koordiniert für "Anpfiff ins Leben" das Zusammenspiel zwischen Schulen und Verein. Fünf Schulen der Region mit ganz unterschiedlichen Profilen bilden zusammen die Elite-Schule des Fußballs, ausgezeichnet durch den DFB. Dort ist man eingestellt auf die Bedürfnisse junger Leute, die nicht nur Mathe und Englisch büffeln, sondern nebenbei auch noch trainieren und Turniere gewinnen wollen. Maurice (17) und Jonas (18) absolvieren zusätzlich zum täglichen Nachmittags-Training zwei bis drei Trainingseinheiten am Vormittag, Maurice beispielsweise in Mannheim. Den Unterricht, den sie dadurch verpassen, müssen sie nachholen, dazu stehen ihnen im Nachwuchsleistungszentrum mehrere Lehrer täglich zur Seite. Die Absprachen über Lernstoff, flexible Klausur-Termine, Abstimmung von Fehlzeiten und Hausaufgaben mit den Schulen funktionieren reibungslos. Damit dies so ist, lässt sich Simone Born einmal pro Monat in der Schule über die Fortschritte informieren. Dazu hat sie die Vollmacht der Eltern.
Eine breite Basis ist der Ausgangspunkt des dreistufigen Förderkonzepts mit dem ganzheitlichen Ansatz, das 2001 startete. Vier Säulen der Ausbildung werden dabei als gleichrangig angesehen: Sport, Soziales, Schule, Beruf. "Anpfiff ins Leben" ist dabei ein ständig wachsendes Netzwerk aus Verbänden, Vereinen, Schulen, Hochschulen, Universitäten und Wirtschaftsunternehmen. Und dann steht am Wochenende eben mal nicht Kicken auf dem Programm, sondern ein Workshop zum Thema "Glück".
Eine breite Basis bringt eine stabile Spitze hervor, das ist einer der Grundgedanken des Jugendförderkonzepts. Also beginnt man wie jeder normale Sportverein schon mit den kleinsten Turnern im Kinderzentrum, die kommen alle aus dem Dorf, im Aufbautrainingsbereich im Förderzentrum - von zwölf bis etwa 14, 15 Jahren, erweitert sich der Radius um rund 40 Kilometer und ab der U 17 gibt es auch einige, die bundesweit von Talentsuchern entdeckt wurden. Das wird sich noch verstärken, wenn im Herbst das Internat bezogen wird. Bisher leben die Jugendlichen, die von weiter weg kommen, in Gastfamilien. Ab Herbst 2010 wird auch ein Nachwuchskicker aus Ungarn dabei sein und einer aus den USA. Schließlich konkurriert der Verein im ländlichen Hoffenheim mit den großen Bundesliga-Vereinen, die allerdings über ein weitaus größeres Einzugsgebiet verfügen und somit einen größeren Pool an Talenten aus ihrer direkten Region.
Freundliche junge Kerle, höflich, witzig, nett: Sie springen durch das Haus, der eine sucht den Trainer, der andere einen Schuh. Das ganz normale Chaos von 17-Jährigen, die sich für ein Fußballspiel bereit machen. Aber hier ist es eine Fußball-Elite, es ist der Nachwuchs der TSG Hoffenheim, der in zwei Stunden seine Gegner mit 11:1 besiegen wird. Von Leistungsdruck keine Spur, stattdessen der geballte Spaß am Sport und am Spiel. Junge Talente, die hier gefördert werden, die eine Chance erhalten ganz groß rauszukommen und dies wissen. Wer hier ist, will Fußballprofi werden.
Ihre Idole heißen Cristiano Ronaldo, David Beckham oder Philipp Lahm, aber ihre Vorbilder für den eigenen Karriereweg heißen Manuel Gulde, Pascal Groß und Marco Terrazzino. Junge Profis, die ihren Weg ebenfalls in Hoffenheim begonnen haben. Die ihre Chance nutzen. "Die unten langsam anfangen, sich steigern und oben einschlagen", wie es der Betreuer Rüdiger Becker formuliert. Aber es ist kein Wohltätigkeitsverein, wer nicht die Leistung bringt, wer doch nicht das Zeug zum Profi hat oder sich nicht in das Team einfügen kann, der muss gehen. "Hinter dieser Menschlichkeit steckt investitionstechnisch eine Riesengeschichte, ein großer Apparat mit viel Manpower", schildert Simone Born. Und ganz freiwillig engagiert sich kein Bundesliga-Verein in der Jugendförderung: Um die Profi-Lizenz zu erhalten, müssen die Vereine nachweisen, dass sie sich intensiv um den Nachwuchs kümmern. das sind die Lehren aus den Zeiten, als den Profis die jungen Talente ausgingen.
Schule, Vormittags-Trainingseinheiten, Nacharbeiten für die Schule, Hausaufgaben, Spiele, Training. Das sind die Tages-Bausteine eines zukünftigen Profis. Gelegentlich Ernährungsberatung, Physiotherapie oder mal ein Workshop. Jonas fühlt sich gut betreut. "Für jeden Bereich gibt es einen Profi und einen Ansprechpartner." Ein straffer Stundenplan für Kids. "Dazu gehört ein Stück Erwachsenheit, die anderen Jugendlichen in dem Alter noch fehlt", sagt Selina Rosar, eine, die als Lehrerin täglich mit den Jungs zu tun hat, nämlich als Nachhilfelehrerin im Nachwuchsleistungszentrum. Ob Trainer, Sozialpädagogen oder Lehrer, sie alle haben Respekt davor, wie diese Teenager ihr Pensum schaffen: Schule, Training, Spiele, Freundin …
Aber was ist mit Party, Abhängen, Computerspielen? "Das kommt nicht zu kurz, das ist schon auch Thema, aber abends sind die Jungs so platt, die powern sich im Sport aus", erklärt Sozialpädagoge Rüdiger Becker. Kommen diese Jungs vielleicht sogar viel leichter durch die Pubertät? Aggressionen werden am Platz abgearbeitet, Komasaufen verbietet sich sowieso, für Mädchen und Party bleibt kaum Zeit. "Das gehört schon auch dazu, aber wenn ich keinen Spaß hätte, dann würde ich das Ganze hier doch nicht machen, ich will mein Leben auch genießen, wir sind doch ganz normale junge Menschen. Wenn es einem nicht gut dabei ginge, wäre man doch auch nur mit halbem Kopf bei der Sache" sagt Maurice und Jonas stimmt ihm zu: "Hier kann man ganz gut seine eigene Persönlichkeit entwickeln und es ist wichtig, dass man selber an sich arbeitet." Die Anregungen dazu gibt es hier, denn es dreht sich nicht alles nur um Sport, die soziale Kompetenz ist dem Mäzen im Hintergrund, Dietmar Hopp, äußerst wichtig. So gibt es beispielsweise Workshops zum Thema "Glück", angeleitet von dem Rektor einer Partnerschule, an der "Glück" als Unterrichtsfach angeboten wird. Wie einer der Väter sagt, "die gehen ihren Weg zum Profi nicht mit Scheuklappen, aus Angst vor der Konkurrenz, die werden hier gut angeleitet und betreut, damit sie sich positiv entwickeln."
Maurice und Jonas, die beiden U17 Spieler aus Mannheim und St. Leon-Rot, , konnten an ihren Schulen – Partnerschulen des Förderkonzepts - bleiben und wohnen weiterhin bei ihren Familien. "Aufpassen, dass sie am Boden bleiben", das sei wichtig, wissen die Väter von Maurice und Jonas. "Besonders auch bei den stolzen Omas und Opas muss man von Anfang an gegensteuern, wenn sie vor Stolz nur noch von dem einen Enkel reden und die anderen Enkel mit ihren anderen Begabungen und Talenten im Schatten stehen. Doch klar, den meisten fällt es leichter, sich über Fußball zu unterhalten als über Chemie oder Reiten." Ansonsten richtet sich bei Jonas die ganze Familie nach den Fußballjungs, denn da gibt es zwei von der Sorte. Spiele in Freiburg und München – da fährt man hin, um bei den Kindern zu sein. "Vielleicht kommen die in dieser Gemeinschaft sogar leichter durch die Pubertät", überlegen die Väter. Man muss keine Hausaufgaben mehr zu Hause machen, man muss nicht nachlernen – das nimmt enorm viel Stress aus der Familie. Und macht die knappe Zeit wertvoller. "Bodenhaftung ist wichtig", sagt Maurice, schließlich ist Talent allein noch nicht viel wert, "wir haben keinen Grund abzuheben, so viel haben wir ja noch nicht erreicht, dazu haben mich meine Eltern und meine Trainer erzogen."
Seit 2001, also noch zu Regionalliga-Zeiten wird in Hoffenheim der Nachwuchs gefördert und das Konzept immer weiter entwickelt. Dazu holte man sich Anregungen aus aller Welt und mit Bernhard Peters, dem ehemaligen Hockey-Bundestrainer, einen Direktor für Sport- und Nachwuchsförderung, dem schon seit 30 Jahren die altersgerechte Nachwuchsförderung ein Anliegen ist.
"Ein Training mit Kindern ist kein reduziertes Abziehbild vom Training mit Erwachsenen. Hier gibt es große Defizite", gibt Sportdirektor Peters zu bedenken. Es ist eines seiner Hauptthemen: Altersgerechtes Training. Genau darin schult er mit seinem Team auch die Trainer der Vereine in der Region und will sie mit seinen Ideen "infizieren". Denn oft sind Väter zwar fußballbegeistert und stecken viel Zeit und Engagement in den Verein, haben aber wenig Ahnung von Trainingsmethoden. Da heißt es, mit Fingerspitzengefühl zu schulen, ohne das Engagement einzudämmen.
Spielerpersönlickeiten, vielleicht wie Bastian Schweinsteiger, frech ja, aber auch verantwortungsbewusst, mit dem Mut, eine Meinung zu entwickeln und zu sagen, die wünscht sich Peters. Disziplin - nein, das hört Peters nicht gern. "Die Jungs müssen sich eine gewisse Frechheit bewahren dürfen, ohne dabei egozentrisch zu werden."
Doch wie kann man das erreichen? Was ist anders zum früheren Training? "Weniger instruieren, mehr stimulieren. Spielen lassen!" fordert Peters. Wichtige Tipps und Anregungen gibt die TSG Hoffenheim Trainern in Seminaren und auf ihrer Homepage, beispielsweise zum Spiel Drei gegen Drei auf vier Tore. Es geht um breit angelegte Motorikschulung als Basis, bevor man überhaupt in die spezielle Sportart einsteigt.
Diese Talentschmiede sieht nicht nach hartem Drill und eiserner Disziplin aus. Es wirkt wie ein Ort, dem man seine Kinder gerne anvertraut, damit ihr Talent bestmöglich gefördert wird. "Wenn die Kinder hier anfangen zu kicken, dann wollen sie auch hier bleiben", weiß Simone Born.
Quelle: t-online.de
Gerd schrieb:
am 25. Juli 2010 um 12:20:10
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Fußball?
Bilder im TV von in die Gegend spukenden, rotzenden Fußballspielern haben mir den Spaß am Fußball verleidet. 5 jährige Kinder
(alle im Fußballverein der Gemeinde), die sich mit anderen Kndern nur noch tretend, stoßend, boxend und in unflätiger Sprache mitteilen verfestigen diese Aversion. Mag sein, dass es in diesem Verein extrem zugeht. Aber auch das ist real. Und was diesen Kindern letzten Endes angetan wird, ist unter Macht - Gewalt - Missbrauch zu sehen. Trainer + Eltern schauen schauen zu
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heiko schrieb:
am 23. Juli 2010 um 23:11:59
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Gutes Konzept
Obwohl ich persönlich kein Anhänger von 1899 Hoffenheim bin finde ich das Engagement von Dietmar Hopp trotzdem klasse! Davon
sollten sich andere Reiche/ Aktioniäre/Banker mal eine Scheibe von abschneiden!
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Beni schrieb:
am 23. Juli 2010 um 18:59:04
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Tja...
Ole ole super TSG
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