21.11.2011, 15:02 Uhr | rev
Oft ist gesellschaftliche Ausgrenzung die Reaktion auf das Tourette-Syndrom. (Quelle: imago)
Es ist wie ein "Schluckauf im Gehirn" und äußert sich häufig durch obszöne und aggressive Äußerungen wie "Arschloch", "Ficken" oder "Heil Hitler": das Tourette-Syndrom. Benannt wurde es nach Gilles de la Tourette, der 1885 die Symptomatik der Krankheit erstmals beschrieb. In Deutschland leiden Schätzungen zufolge 40.000 Menschen an dieser auffälligsten neuro-psychiatrischen Erkrankung, weltweit sollen es 0,05 Prozent der Erdbevölkerung sein, wobei Männer drei- bis viermal häufiger betroffen sind. Was aber genau steckt hinter der Krankheit?
Per Definition bricht das Tourette-Syndrom vor dem 18. Lebensjahr aus - und tatsächlich treten die meisten typischen Bewegungs-Tics beziehungsweise Muskelzuckungen erstmals im Kindesalter zwischen dem siebten und zehnten Lebensjahr auf, erklärt Volker Faust, Professor für Psychiatrie an der Universität Ulm und Medizinaldirektor am Zentrum für Psychiatrie Ravensburg-Weissenau, in "Psychiatrie heute". Vokale Tics, also unkontrollierte Lautäußerungen, kämen im Durchschnitt mit elf Jahren hinzu.
Der weitere Verlauf der Krankheit sei zwar chronisch, allerdings könnten die Beschwerden zu- oder abnehmen oder sogar für mehrere Monate ganz verschwinden. Vor allem "gemütsmäßige Anspannung" in Form von Ärger, Stress, aber auch Freude könne dann zu erneuten Ausbrüchen führen.
Zwar gehen die Experten bei den Betroffenen von einem Defizit in Aufbau und Funktion des Gehirns aus, die genaue Ursache des Tourette-Syndroms ist allerdings bis heute nicht vollständig geklärt. Verschiedene Theorien bieten Erklärungsansätze. So wird beispielsweise auch eine erbliche Belastung als Grund für die Erkrankung für wahrscheinlich gehalten. Zumindest weisen Familien- und Zwillingsstudien darauf hin, "dass erbliche Faktoren beim Tourette-Syndrom eine große Rolle spielen", wie Faust erläutert.
Während die Forschung sich bei der Ursache des Tourette-Syndroms schwer tut, sind die Symptome der Krankheit gut bekannt. Die Tics umfassen keinesfalls nur das Herausbrüllen von Schimpfworten, worauf das Tourette-Syndrom in der Öffentlichkeit oft beschränkt wird. Fachleute unterscheiden zwischen "einfachen Tics", bei denen nur wenige Muskelgruppen betroffen sind, und "komplexen Tics". "Die komplexe Ausprägung motorischer und vokaler Tics verläuft langsamer", so Volker Faust. "Deshalb werden sie bisweilen auch als bewusst und beabsichtigt interpretiert, obgleich auch sie unwillkürlich, nicht steuerbar und damit korrigierbar sind." Die geistige Leistungsfähigkeit von Tourette-Patienten sei nicht beeinträchtigt, jedoch führen die zahlreichen Tics fast unumgänglich zu Schwierigkeiten beim Lernen, in der Schule oder im späteren Berufsleben.
Das sind typische Symptome des Tourette-Syndroms:
(Quelle: Prof. Dr. med. Volker Faust in "Psychiatrie heute"; Sparte der Arbeitsgemeinschaft Psychosoziale Gesundheit)
Die sozialen Folgen, die das Tourette-Syndrom und die verschiedenen Tics hervorrufen, lassen sich leicht ausmalen: Da das Umfeld des Erkrankten für gewöhnlich nicht über die Krankheit informiert ist, fallen die Reaktionen oft genervt, erschrocken, verständnislos oder empört aus - speziell dann, wenn man als Unwissender von einer Person mit Tourette-Syndrom beleidigt wird. Dadurch kommt es schnell zu "Stigmatisierung, Ausgrenzung, Rückzug und Isolationsgefahr für den Patienten. Und dies nicht nur für den Betroffenen, sondern auch für seine Familie und das weitere Umfeld", macht Faust deutlich.
Das Tourette-Syndrom ist bisher nicht heilbar. Jedoch lassen sich die Tics mithilfe einer gezielten Behandlung lindern. Die Art der Therapie ist stark von der Ausprägung der Symptome abhängig. Leidet der Betroffene nur unter leichten Stimm- und Bewegungs-Tics und unter keinen sozialen Konsequenzen, ist laut Faust keine Therapie notwendig: "Hier ist es oft ausreichend, die Diagnose und den gutartigen Charakter solcher leichteren Störungen zu erklären."
Bei mittelschweren Symptomen seien vor allem Entspannungstherapien und verhaltenstherapeutische Maßnahmen sinnvoll. Hierbei geht es darum Stressreaktionen zu mindern, da diese oft die Tics auslösen oder verstärken. Bestenfalls lernen die Patienten dabei "durch Selbstkontrolle besonders unangenehme Tics und Lautäußerungen durch weniger belastende zu ersetzen", so Faust. Sind die Tics aber sogar extrem ausgeprägt und folgenschwer, könne eine medikamentöse Behandlung der richtige Weg sein. Dabei werden psychotrope Arzneimittel eingesetzt, das sind Substanzen, die das zentrale Nervensystem beeinflussen und Tic-reduzierend wirken.
Faust erklärt, dass es sogar möglich ist, Tics für eine gewisse Zeit zu unterdrücken. Das führe allerdings zu einem sogenannten Tic-Druck, der "wie der Drang zum Niesen oder zu einem Schluckauf schließlich zu einer umso schwereren 'Tic-Entladung'" führen kann.
Die Eltern betroffener Kinder und Teenager müssen sich bewusst sein, dass ihr Kind für gewöhnlich keine Kontrolle über seine Tics hat. Es ist zwecklos, das Kind zu ermahnen, wenn es wieder mal zuckt, bellt oder mit Schimpfwörtern um sich wirft. Stattdessen sollten Eltern dem Kind das Gefühl vermitteln, dass es trotz seiner Störung geliebt wird. Es ist deshalb sinnvoll den Tics im alltäglichen Umgang so wenig Beachtung wie möglich zu schenken. Auch wenn das nicht immer möglich sein wird, denn Kinder mit Tic-Störungen werden oft von Mitschülern ausgelacht, gehänselt und beschimpft. Das sind dann schreckliche Erfahrungen, die ein Kind am ehesten mit der Unterstützung der Eltern verarbeiten kann. Die Eltern sollten mit dem Kind über die Erlebnisse reden und auch darüber, wie das Kind am besten auf solches Verhalten von anderen reagiert. Auch ein Gespräch mit dem Lehrer oder mit Eltern von Schulkameraden kann womöglich dafür sorgen, dass dem Kind künftig mehr Verständnis entgegengebracht wird.
Quelle: t-online.de
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