19.11.2009, 14:10 Uhr
Der neunjährige Moritz sitzt mit seiner siebenjährigen Schwester Jule (rechts) im "Trauerland" in Bremen. (Bild: dpa)
Lautes Kinderlachen erfüllt den Raum. Moritz und Gerhard liefern sich eine wilde Kissenschlacht. In der Ecke hopst Jule auf einem weichen Berg aus Kissen und Stofftieren herum. Ein Kickertisch, ein Boxsack und zahlreiche andere Spielsachen warten auf ihren Einsatz. Was wie Riesenspaß wirkt, hat einen ernsten Hintergrund: Die Kinder sind zum Trauern da. Vor einigen Monaten ist der Vater von Moritz und Jule gestorben. Seitdem kommen der Neunjährige und seine zwei Jahre jüngere Schwester regelmäßig ins "Trauerland" in Bremen. Dieser Verein hat prominente "Botschafter" wie den engagierten Fußball-Trainer von Werder Bremen, Thomas Schaaf.
"Wir wollen Kindern und Jugendlichen einen Raum zum Trauern bieten", sagt die Sozialpädagogin Beate Alefeld-Gerges, die den Verein vor zehn Jahren gegründet hat. Ihren Angaben nach war er damals die erste Einrichtung dieser Art in Deutschland. "Zuhause wollen Kinder ihre Gefühle oft nicht zeigen, um ihre Eltern nicht noch mehr zu belasten", erklärt die Expertin. So war es auch bei Jule und Moritz. "Ich hatte das Gefühl, sie wollten mich schützen", erzählt ihre Mutter Nicole. Die blonde, schmale Frau möchte ihren Nachnamen nicht nennen.
Im vergangenen Jahr hatte die Familie aus dem Kreis Nienburg gleich zwei Trauerfälle zu verkraften. Erst starb die Oma der beiden Grundschüler ganz plötzlich an Krebs. "Da habe ich noch gedacht, das müssen die wegstecken. Das gehört zum Leben dazu", sagt die 36- Jährige. Nur wenige Monate später starb dann ihr Mann. "Da konnte ich nicht mehr, wir konnten alle nicht mehr." Alle zwei Wochen setzt sie sich deshalb mit ihren Kindern ins Auto, um ins mehr als eine Stunde entfernte Bremen zu fahren - eine ähnliche Anlaufstelle in ihrer Nähe gibt es nicht.
"Ich komme gerne hierher", sagt Moritz, der nicht lange still sitzen kann. Er rennt durch den Raum, schnappt sich ein Stofftier und schleudert es auf die Kissen. Jule schmiegt sich zärtlich an ihre Mutter, die mit verschränkten Beinen auf dem Boden hockt. Jedes Kind darf im "Trauerland" machen, wozu es Lust hat. Während Moritz die meiste Zeit im Toberaum verbringt, zieht sich Jule lieber auf das gemütliche Sofa im Kuschelzimmer zurück. Dort kann sie in Büchern blättern oder Märchen hören.
"Kinder trauern ganz anders als Erwachsene", erläutert Alefeld- Gerges. "Sie weinen nicht unbedingt oder wirken traurig, sondern drücken es beim Spielen oder Malen aus." Rund 160 Kinder und Jugendliche betreut der aus Spenden finanzierte Verein zurzeit kostenlos in den Beratungszentren in Bremen und Oldenburg. Zweimal im Monat treffen sich die Trauergruppen, die jeweils aus zwölf bis 15 Teilnehmern bestehen.
Der Ablauf ist jedes Mal gleich: Nach einer kurzen Begrüßungsrunde ziehen sich die Eltern in einen Raum zurück, die Kinder bleiben mit den ehrenamtlichen Betreuern und einem fest angestellten Gruppenleiter allein. "Es werden keine Fragen gestellt, es wird kein Lob ausgesprochen und kein Tadel", sagt der 57-jährige Gerhard, der sich seit zweieinhalb Jahren als einer von 135 Freiwilligen im "Trauerland" engagiert. "Wir spiegeln die Kinder nur. Das heißt, wenn ein Kind mit einem Stofftier spielt, spiele ich auch mit einem. Wenn es schweigt, schweige auch ich. Und wenn es lacht, lache ich."
Diese Technik aus der Psychotherapie soll den Kindern helfen, sich selbst besser kennenzulernen. Außerdem kann es Situationen entspannen und Nähe schaffen. Moritz findet es lustig, wenn Gerhard ihn spiegelt. "Und ich fühle mich nicht allein." Nach Ansicht seiner Mutter Nicole hilft ihren Kindern vor allem, dass sie im "Trauerland" Gleichaltrige treffen, denen es genauso wie ihnen geht. Mittlerweile sprechen sie ganz offen über den Tod des Vaters und der Großmutter. "Jetzt stellen sie auch Fragen, was sie am Anfang nicht gemacht haben."
Wie lange die Kinder und Jugendlichen ins "Trauerland" gehen, entscheiden sie selbst. Manche bleiben nur einige Monate, andere viele Jahre. "Die Kinder wissen selbst, wann es genug ist", sagt Alefeld-Gerges. Irgendwann wollen sie einfach nicht mehr kommen.
Quelle: dpa
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