02.11.2009, 10:41 Uhr | Simone Blaß
Verbale Gewalt in der Erziehung kann erhebliche Schäden beim Kind anrichten. (Bild: Imago)
Immer mehr Eltern lehnen Gewalt in der Erziehung ab. Doch dass auch verbale Gewalt schlimme Kerben in der kindlichen Seele hinterlassen kann, ist vielen gar nicht bewusst. Mit Worten kann man oft sogar mehr verletzen als mit anderen Formen von Strafe. Sie zerstören Vertrauen und greifen das Selbstwertgefühl massiv an.
„Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.“ So steht es in unseren Gesetzen. Doch wo fangen seelische Verletzungen an? Grundsätzlich kann man sagen, dass psychische Gewalt Äußerungen und Verhaltensweisen sind, die dem Kind Angst machen, es herabsetzen und ihm das Gefühl vermitteln, wertlos zu sein, nicht geliebt zu werden. Es handelt sich also um Maßnahmen wie entwürdigende Bezeichnungen, Schweigen als Strafe, Aussperren und Erniedrigen, zum Beispiel durch verächtliche Aussagen, öffentliches Demütigen oder bestimmte Gesten.
Psychische Gewalt zählt zu den häufigsten Formen von Gewalt an Kindern und wird oft sehr subtil ausgeübt. Man muss ein Kind nicht schlagen, um ihm weh zu tun. Liebesentzug und Herabsetzung sind eine ebenso grausame Maßnahme wie jede Demütigung. Oftmals geschieht das gar nicht bewusst. Aussagen wie „Wenn du jetzt nicht gleich hörst, dann hab ich dich nicht mehr lieb“ oder „Wie dumm kann man eigentlich sein?“ werden unüberlegt dahingesagt und hinterlassen doch ihre Spuren. Vor allem kleine Kinder sind dieser Form der Gewalt häufig ausgesetzt und können sich gegen die Abwertung, die sich in ihre Seele schleicht, nicht wehren. Wissenschaftler der Universität Leipzig haben sogar herausgefunden, dass emotionaler Stress dieser Art im Gehirn Spuren hinterlässt, Liebesentzug also im wahrsten Sinne des Wortes für Narben sorgt.
Wenn Eltern ihr Kind mit Schweigen bestrafen, so werden sie über kurz oder lang seinen Willen brechen. Denn ein Mensch möchte geliebt werden. Und das Kind lernt daraus, dass es nur dann geliebt wird, wenn es sich konform verhält, brav ist. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass es sich auf die positiven Gefühle seiner Eltern ihm gegenüber nicht verlassen kann, da es nicht dafür geliebt wird, wie es ist, sondern dafür, wie es sich verhält. Wenn sich diese Erfahrung wiederholt, wird das Kind darauf programmiert, sich für nicht liebenswert zu halten, der Liebe nicht würdig zu sein. Und dieses Gefühl wird es sein Leben lang als seelischen Ballast mit sich herumtragen.
Sein Kind zur Strafe zu ignorieren und sämtliche Versuche desselben auf Versöhnung schweigend abzulehnen, führen dazu, dass das Kind sich nicht nur hilflos sondern auch schutzlos fühlt. Viele Kinder haben mehr Angst vor diesem Gefühl als vor körperlicher Gewalt. Wobei man natürlich nicht außer Acht lassen darf, dass auch jede Form körperlicher Gewalt automatisch eine seelische Verletzung beinhaltet.
Das Schlimme an der psychischen Gewalt ist auch, dass sie oft sehr viel später von der Umwelt wahrgenommen wird. Sie hinterlässt keine sichtbaren Zeichen, sondern untergräbt schleichend das Selbstbewusstsein und das Selbstwertgefühl. Das hat oft noch im Erwachsenenalter schlimme Folgen. Kinder, die mit Liebesentzug klarkommen mussten, haben auch später in ihren Beziehungen zu anderen Menschen häufig Probleme damit. Oft greifen sie selbst zu diesem Mittel, obwohl sie wissen, was es bewirken kann.
Seelische Gewalt an Kindern ist ein Thema, das erst langsam in das Bewusstsein der Öffentlichkeit dringt. Es ist schwer zu fassen und wird vom Einzelnen oft ganz unterschiedlich bewertet. Auch die häufig vorkommende Vermischung mit anderen Formen der Gewalt erschwert eine klare Abgrenzung. Die Frage, wann es sich tatsächlich um seelische Gewalt handelt, ist nicht ganz einfach zu beantworten. Die eigentliche Intention des Erwachsenen, die grundsätzliche Bindung aber auch die individuelle psychische Verfassung des Kindes spielen hierbei eine Rolle. Erschwerend kommt hinzu, dass viele Formen der psychischen Gewalt von den Eltern und Erziehenden unbewusst und vor allem unüberlegt ausgeübt werden.
Jedes Kind hat ein Recht auf Liebe, auch dann, wenn es Fehler macht. Man kann sein Verhalten kritisieren, sollte ihm aber immer signalisieren, dass es trotzdem geliebt und wertgeschätzt wird. Denn das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.
Simone Blaß
Sie blieb sehr freundlich schrieb:
am 13. März 2012 um 15:33:48
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Mein Elternhaus war
unglücklich, ich mußte es als Jugendliche verlassen und fiel Soz.Päd. und Psychol. in die fachkompetenten Hände.
Damals war der Begriff "Selbstbewußtsein" in aller Munde, nichts anderes schien zu zählen. Einmal ging ich zur Post, um zu telefonieren. Das Telefon funktionierte nicht und ich fuhr die Dame hinter dem Schalter an, weil ich dachte: "wenn ich höflich bin, bin ich nicht selbstbewußt". Sie hätte meine Mutter sein können, und bestimmt hat es sie verletzt.
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Vertrauensbruch schrieb:
am 23. Februar 2012 um 22:04:09
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Gewalt
Und wenn man dann eine albtraumhafte Kindheit überlebt hat, fällt man unter Umständen Sozialarbeitern und Psychologen in die
Hände, nicht weil man sich als junger Mensch etwas hätte zuschulden kommen lassen, sondern weil die Eltern schlecht gelebt haben. Da kann man sich dann noch so viel Mühe geben, mit der Schule z.B., man gilt als "Abfallprodukt" des Elternhauses; Freiwild, an dem sich Erwachsene alles erlauben dürfen, so wird der letzte Rest der Jugend zerstört...
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Nita schrieb:
am 14. April 2011 um 19:09:31
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verbale Gewalt
Hab jetzt erst Eure Kommentare gelesen, da ich gestern im ARD "Kehrtwende" gesehen hab und mich selbst sehr bewegt hat. Vor
allem meine Mutter hat mir die Kindheit nicht leicht gemacht und hat mich sehr häufig mit bösen Kommentaren oder was noch schlimmer ist mit wochenlangem Schweigen ignoriert.Oftmals waren es KIeinigkeiten, wo sie zu diesem Mittel griff. Ich litt fürchterlich darunter und als Kind denkt man ja, sowas wäre normal. Euch allen ging es wohl ähnlich.Ich hoffe ich werde anders sein
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