28.12.2011, 17:06 Uhr | Nicola Wilbrand-Donzelli
Was müssen Kinder heute noch wissen? (Quelle: imago)
Der Spruch "Wissen ist Macht. Nichts wissen macht auch nix" dürfte so alt sein wie die vielen nichtrenovierten Schultoiletten, wo er zig-fach als Credo vieler Schülergenrationen an den Wänden verewigt ist. Heute gehen Jungen und Mädchen gelassener denn je mit diesem Motto um, denn sie lernen mit dem Bewusstsein, dass sich jede Frage binnen Sekunden per Internet beantworten lässt. Wie es dann um das schulische Allgemeinwissen bestellt? Das können Sie hier mit Ihren Kindern testen. Wir haben Fragen für Fünft- und- Zehntklässler sowie für Abiturienten zusammengestellt:
Wozu sollte man sich also die Mühe machen, die eigenen grauen Zellen über Gebühr zu strapazieren, wenn Schulwissen bei Wikipedia & Co. per Klick frei Haus geliefert wird? Auf der Strecke bleibt bei dieser "Fast-Food-Methode" oftmals das Verständnis für komplexe Zusammenhänge - vor allem bei Geisteswissenschaften wie Geschichte, Ethik, Musik, Kunst oder Literatur, die ohnehin von vielen Schülern als "unnütz" erachtet werden, weil man sie ja später im Beruf sowieso nicht mehr braucht. Doch welche Rolle spielt heute noch eine breite schulische Allgemeinbildung? Hat sie noch eine Bedeutung oder ist sie überflüssig geworden - in einer schnelllebigen Zeit, in der es immer mehr auf aktuelle Spezialkenntnisse ankommt?
Googelt man den Begriff "Allgemeinwissen" beziehungsweise "Allgemeinbildung" so werden mehr als zwei Millionen Treffer angezeigt, seien es Tests, Buchrezensionen, Vorträge oder pädagogische Aufsätze. Und beim digitalen Lexikon "Wikipedia" findet man über 1,2 Millionen Artikel. Das Angebot und die Präsenz von Informationen ist so groß wie noch nie. Das zeigt sich auch in anderen Medien: Vor allem Fernsehsender - und da sind es nicht nur die öffentlich-rechtlichen Anstalten mit einem gesetzlichen Bildungsauftrag - wetteifern mit Wissensshows von "Willi will‘s wissen" über "Galileo" bis zu Günther Jauchs "Wer wird Millionär" um die Gunst kleiner und großer Zuschauer. Bildung boomt und scheint gefragter denn je.
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Doch Untersuchungen des Publizisten Thomas Petersen vom Allensbacher Institut für Demoskopie ergaben 2009, dass Bildung deutlich zurückgeht, "trotz eines stark gewachsenen Bevölkerungsanteils von Personen mit hohem Bildungsabschluss". Gerade bei den Befragten mit Abitur hätten sich die Kenntnisse seit den Siebzigerjahren "dramatisch verschlechtert", so die Studie.
Als Ursache für diesen Wissensschwund sehen Experten paradoxerweise die Zunahme des Wissens. Denn die Aneignung von einer breiten Bildung wird immer komplizierter, da das Volumen der Informationen ständig steigt und darüber hinaus immer schneller in immer kleinere, immer komplexer verwobene Teilgebiete zerfällt. Die Entwicklung verläuft so rasant, dass Fachleute sich nicht einig sind, ob sich öffentlich zugängliche Informationen mittlerweile in drei, vier oder fünf Jahren verdoppeln. Gegen eine solche Woge können auch Bildungshungrige nur schwer anschwimmen. Doch wie ist es möglich, in diesem Fakten-Dickicht noch die Orientierung zu behalten und eine Auswahl zu treffen, um zu entscheiden, welches Wissen heute allgemeinbildend und unverzichtbar in der Schule ist?
Hier plädieren die meisten Pädagogen trotz der Wissensflut für Altbewährtes und empfehlen die Vermittlung traditioneller Kompetenzen - mit dem Schwerpunkt der Geisteswissenschaften ohne jedoch Naturwissenschaften und den Blick auf Neues außer Acht zu lassen. Sie sehen darin nicht, wie ihre Kritiker, eine unzeitgemäße und angestaubte Ansammlung von historischen Zahlen und Informationen, sondern eine breite Weltorientierung für das Leben, die ansatzweise Struktur und Ordnung in das wachsende Faktenlabyrinth bringen könnte. Ähnlich definiert es auch der Geschäftsführer der "Gesellschaft für Allgemeinbildung" Carsten Both: "Allgemeinwissen ist als Basis unabdingbar, um eine umfassende, nicht fachlich begrenzte Bildung zu erlangen. Erst die Allgemeinbildung ermöglicht es, Wissensinhalte zu einem übergeordneten Zusammenhang zu stellen, Kritik zu üben, Sachverhalte einzuordnen und zu diskutieren."
Thomas Petersen vom Allensbacher Institut verdeutlichte bei einer Umfrage diese These. Dabei wurde unter anderem gefragt, ob die Deutschen wüssten, wann Martin Luther gelebt hat: "vor oder nach dem Dreißigjährigen Krieg". Diese Frage war bewusst etwas hinterhältig gestellt, denn ohne Luther hätte es den religiös motivierten Dreißigjährigen Krieg vermutlich gar nicht gegeben. Dass gut die Hälfte der Interviewten, darunter auch Schüler, eine falsche Antwort gab, ist dabei nur nebensächlich. Petersen ging es mit der Fangfrage darum, zu beweisen, dass nicht nur nackte Zahlen wichtig sind, sondern Zusammenhänge, die man oftmals im Internet nicht findet: "Denken ist der selbstständige und kreative Umgang mit Wissen, dass man aktiv im Gedächtnis zur Verfügung hat. Denken kann man nur mit dem, was man im Kopf hat", fasst der Publizist zusammen.
Auch für den Philosophieprofessor Gernot Böhme von der Technischen Universität Darmstadt birgt die Möglichkeit über das Internet "unendliches" Wissen permanent abrufen zu können vor allem für Schüler und Studenten eine trügerische Verlockung. Er sieht den Umgang mit Computern sogar als Hauptursache für die "Lese-und Lernunfähigkeit" vieler Schüler und Studenten. Deren Texte, so der Universitätslehrer, entbehrten oftmals jeglicher Argumentation und Interpretation, sondern seien nur noch "Flickenteppiche von Zitaten und aphoristischen Überlegungen". Abgespeicherte Daten würden zwar abgerufen aber in keinen wirklichen Sinnzusammenhang mehr gebracht.
Um Schülern trotz des Überangebots an Informationen ein breites Bildungsfundament zu vermitteln und spezialisiertes Inselwissen zu vermeiden, versuchen die Pädagogen in Deutschland in den letzten Jahren wieder verstärkt Allgemeinwissen und geisteswissenschaftliche Inhalte - vor allem an den höheren Schulen zu fördern. So einigten sich vor fünf Jahren die Kultusminister auf einheitliche Änderung der Abitur-Regelungen: Seitdem muss jeder Gymnasiast Deutsch, Mathe und eine Fremdsprache bis zum Abi belegen und zwei der drei Fächer auch erfolgreich in der Prüfung abschließen. Auch das Fach Geschichte muss nun im reformierten Kurssystem der Oberstufe mindestens ein Jahr auf dem Stundenplan stehen, nachdem es jahrelang abwählbar war. An zahlreichen Universitäten folgt man ebenfalls diesem Trend, indem man sogar bei naturwissenschaftlichen Disziplinen zusätzlich ein "Studium fundamentale" in Geistes- und Kulturwissenschaften anbietet.
Für den Präsident des deutschen Lehrerverbandes Josef Kraus sind solche Bemühungen allerdings nicht ausreichend. Er kritisiert in zahlreichen Interviews und Vorträgen, dass vor allem der Wettlauf um Ranking-Plätze bei der PISA-Studie, zu große Klassenverbände und das schnell eingeführte Turbo-Abitur G8 schlechte Voraussetzungen seien, um wieder mehr breites Allgemeinwissen als Gegengewicht zu spezialisiertem Detailwissen mit geringer Halbwertzeit an deutschen Schulen zu etablieren. Er wirft den Bildungspolitikern vor, dass es durch die Verkürzung der Schulzeit wesentlich schwieriger werde, zu solchen Grundlagen zurückzukehren, denn die Vermittlung eines klassischen Wissenscanons brauche eben Zeit. Gras wachse bekanntlich nicht schneller, wenn man an ihm ziehe.
Gegenüber bild.de sagte der Chefpädagoge außerdem: "Es ist ein erbärmliches Verständnis zu glauben, PISA bilde Bildung ab. Ausgeblendet bleiben hier weite Bereiche schulischer Bildung: Fremdsprachen, Religion/Ethik, Geschichte, Kunst, Sport. Wir brauchen eine Schule jenseits von PISA. Wir müssen uns wieder auf den Eigenwert des Nicht-Messbaren besinnen." Dabei sei es, so Kraus, auch dringend erforderlich, sich wieder mehr auf Inhalte als auf ausgefeiltes Lernmethoden-Training zu besinnen. Dies sei so, wie der Versuch ohne Wolle stricken zu lernen.
Der Präsident des deutschen Lehrerverbandes fordert deshalb in den Schulen eine Renaissance des konkreten Wissens, das Identität und Orientierung vermittelt: "Wir brauchen einen Grundbestand an Literaturkenntnis, an Wissen in den Fächern Geschichte, Geographie, Religion, Kunst und Musik. Die ist auch deshalb wichtig, weil kanonisches Wissen Verlässlichkeit bietet. Denn wer nichts weiß, muss alles glauben. Er ist damit kein mündiger Staatsbürger." Als Universalschlüssel zur Bildung sieht Josef Kraus die Pflege von Sprache und Literatur an. Denn Literatur sei der Speicher für kulturelle Erfahrungen und Sprache sei die Basis menschlichen Verstehens und Handelns, sie fördere die Persönlichkeit und über Sprache begreife und erlebe der Mensch die Welt.
Am effektivsten könnten solche Bildungsgrundlagen durch klare Fächertrennung an den Schüler und die Schülerin gebracht werden. Diese Position vertritt Josef Kraus auf der Webseite des Lehrerverbandes: "Die Zusammenlegung der Fächer Erdkunde, Geschichte und Sozialkunde zum Lernbereich Gesellschaftslehre und der Disziplinen Physik, Chemie und Biologie zum Lernbereich Naturwissenschaften ist ein Irrweg. Ich bin zwar für vernetztes und fachübergreifendes Denken, dieses setzt aber solide fachliche Grundlagen voraus, sonst wird daraus eine Vernetzung von Nullmengen. Es bedarf also zuerst eines breiten klar gegliedertes Fundamentes: Das Einzelfachliche ist quasi das Haus mit dem Keller und den Stockwerken und das Überfachliche ist das Dach darauf. Was beim Bau eines Hauses gilt, gilt auch für die schulische Bildung: Man kann den Bau nicht mit dem Dach beginnen."
Dass solche Reformen der pädagogischen Rückbesinnung bisher noch zu wenig Wirkung zeigen, belegten Untersuchungen der "Bildungsstudie Deutschland 2007": Danach äußerten sich nur etwa die Hälfte der Eltern und lediglich 15% der Arbeitgeber zufrieden über die Vermittlung von Allgemeinbildung in der Schule. Und sogar 51 % der Lehrer waren unzufrieden mit den Lernergebnissen.
Es bleibt also noch viel zu tun, nicht nur in den Klassenzimmern. Aber auch Eltern können zur allgemeinen "Bildung" ihrer Kinder beitragen, sie neugierig machen und Anreize schaffen, eventuell sich nicht nur per Internet "schlau" zu machen, sondern vielleicht mal in einer Bibliothek zu stöbern, Bücher zu lesen, ein Museum zu besuchen oder ins Theater zu gehen. Das könnte sogar auf unterhaltsame Weise horizonterweiternd sein und vielleicht die ein oder andere erhellende Erkenntnis bringen, dass Gorbatschow beispielsweise nicht unbedingt nur etwas mit Wodka zu tun hat, Leibniz nicht nur eine Kekssorte, Galileo nicht nur eine Fernsehshow und Nike nicht nur ein Sportlabel ist.
Quelle: t-online.de
derich schrieb:
am 22. Oktober 2011 um 17:02:40
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Diejenigen
die hier buhh und ahh und dumme Blagen schreien, wenn hier manche so ehrlich sind zuzugeben nicht alles gewusst zu haben, oder
die, die meinen alle Fragen seien so leicht zu beantworten sind bestimmt schon in die Jahre gekommen. NATÜRLICH hat man mit 40 mehr Allgemeinwissen als mit 18. Aber da muss man auch mal nachdenken und merken aha ich bin schon Älter und hatte mehr Zeit Dinge zu lernen. Außerdem geht auch Allgemeinwissen mit der Zeit, heute gehören andere Dinge dazu als noch vor 30 Jahren.
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Dejay schrieb:
am 22. Oktober 2011 um 14:57:06
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Ullerle schrieb :
"Dinge die in meiner Jugend wichtig waren wie Höflichkeit, Anstand , Respekt vor alten Menschen und Verständniss
sowie ein gutes Miteinander im täglichen Leben,Hilfs- bereitschaft und..." Genau, sozialr Kompetenz sollte ein Schulfach werden. Das wird in vielen Familien heute nicht mehr gelehrt - schade den ein freundliches Wort, höfliches Auftreten öffnet u.U. manche Tür schneller und langfristiger als das Diplom in der Tasche.
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Ullerle schrieb:
am 22. Oktober 2011 um 13:49:36
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Allgemeinbildung
Die soziale Bildung scheint keine Rolle mehr zu spielen.Dinge die in meiner Jugend wichtig waren wie Höflichkeit, Anstand ,
Respekt vor alten Menschen und Verständniss sowie ein gutes Miteinander im täglichen Leben,Hilfs- bereitschaft und...sind unwichtig. Unsere Erfahrung ist das Rücksichtlosig- keit und schlechtes benehmen sowie Geldgier und maximaler Profit die wichtig sind. Man erreicht das in dem man über "Leichen geht". Was spielt Mozart für eine Rolle wenn die alten entlass
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