11.01.2011, 14:03 Uhr | cst; ZDF
Boerries Klassen, neuer Junglehrer am Gymnasium Altona. (Foto: ZDF)
Die Botschaften aus deutschen Klassenzimmern sind alarmierend: Acht Prozent eines Jahrgangs verlassen laut des Bildungsberichts der Bundesregierung die Schule ohne Abschluss. Jeder fünfte 15-Jährige kapituliert vor einfachen Lese- oder Mathematikaufgaben. Gleichzeitig gehen Deutschland die Lehrer aus. Die ZDF Dokumentationsreihe "37 Grad" hat für die Sendung "Immer mit Herzblut" ein Jahr lang zwei Lehrer in ihrem schwierigen Alltag begleitet.
Nach Rechnung des Philologenverbandes fehlen derzeit 45.000 Pädagogen. Darüber hinaus haben Staatsschulen damit zu kämpfen, dass immer mehr Eltern nach dem PISA-Schock ihnen die Bildung ihrer Kinder nicht zutrauen und sie auf Privatschulen schicken.
Wie erleben Lehrer den täglichen Kampf im Klassenzimmer? Für Junglehrer Börries Klassen (30) steht die erste Schulstunde am Gymnasium im Hamburger Stadtteil Altona an. Nach dem Studium in Hannover und Referendariat in Bremen ist dies seine erste Stelle. Schon beim Vorstellungsgespräch hat er erfahren, wie gefragt er ist. Der Direktor begrüßte ihn damals mit den Worten: "Was können wir tun, um Sie für unsere Schule zu gewinnen?"
Am Gymnasium unterrichtet der Junglehrer Mathematik und Politik. Um sich nicht gleich zu Beginn zu viel zuzumuten, entscheidet er sich für eine Dreiviertelstelle. Doch schnell wird ihm klar, dass die Arbeit ihn mehr fordert, als er erwartet hat. Das verkürzte Abitur verlangt, dass er seine Schüler nun durch einen straffen Lehrplan führen muss - was etliche Kinder überfordert und damit auch den Junglehrer in Gewissensnöte bringt, weil er sich immer vorgenommen hat, all seine Schützlinge zur Versetzung zu führen.
Conny Törber (54), Lehrerin an der berufsbildenden Schule Walter-Gropius in Hildesheim, unterrichtet die Schüler, die an den Staatsschulen gescheitert sind und nicht einmal den Hauptschulabschluss haben. In einem zweijährigen Programm soll Conny Törber ihnen nun helfen diesen nachzuholen. Seit 25 Jahren kümmert sie sich so um die Verlierer des deutschen Schulsystems. Ihr Job hat sich grundlegend verändert, seitdem sie 1982 Lehrerin wurde. "Ich bin inzwischen immer weniger Lehrerin und immer mehr Sozialarbeiterin," resümiert sie ernüchtert.
Ein neues Schuljahr bedeutet für Conny Törber nicht einfach nur 50 neue Schüler, sondern 50 schwierige Fälle: Schulabbrecher, Schwänzer, schwangere Teenager. Für diese Schüler ist das zweijährige Berufseinstiegsprogramm die letzte Chance auf einen Schulabschluss und damit die Aussicht auf eine Lehrstelle. Auf dem Lehrplan stehen zunächst nicht Mathe und Deutsch, sondern Sozialtraining. Sich an Regeln halten, das kannten die Schüler bisher nicht. Soziale Kompetenzen, Pünktlichkeit, Höflichkeit, anklopfen - das fordert Törber ein, immer und immer wieder: "Diese Dinge sind bei den Schülern fast nicht mehr vorhanden."
Die Atmosphäre im Klassenzimmer ist unruhig und laut. Weil viele Schüler früher oft geschwänzt haben, muss Conny Törber Grundlagen vermitteln. Einigen fällt es sichtlich schwer, sich zu konzentrieren. Immer häufiger müssen die Lehrer auffangen, was im Elternhaus zu kurz kommt: die Kinder erziehen, Wissen vermitteln, einen Ausbildungsplatz besorgen. Die engagierte Lehrerin geht dabei auch ungewöhnliche Wege: Sie begleitet ihre Schüler zu Bewerbungsgesprächen, besucht die Eltern, zeigt den Schülern, die so viele schlechte Erfahrungen gemacht haben, ihre Stärken auf. Dennoch stößt sie immer wieder an ihre Grenzen. Etwa, wenn die Schülerin, die sie zum Bewerbungsgespräch begleitet hat, danach ihre Unterlagen einfach nicht abgibt oder das Theaterprojekt nur von einem Drittel der Schüler besucht wird.
Auch nach Feierabend ist Schule für Conny Törber ein Thema. Ihr Mann ist beruflich viel im Ausland unterwegs, der Sohn schon außer Haus - so bleibt Zeit sich "ihren" Schülern zu widmen. Zu Hause führt die Lehrerin Gespräche mit Kollegen und arbeitet an neuen Projekten.
Ein Privatleben, in dem die Schule nicht vorkommt, diese Hoffnung hat Börries Klassen noch nicht aufgegeben. Auch wenn es im Moment nicht danach aussieht. Obwohl er nur eine Dreiviertelstelle hat, gibt er 100 Prozent Einsatz. Der Schulalltag ist anstrengend: keine Pausen, Vertretungsstunden, fünf Klassen unterrichten, 150 neue Namen und Gesichter merken. Die Schüler mögen ihn, das ist Vor- und Nachteil zugleich. "Das Wichtigste für einen Lehrer ist das richtige Verhältnis von Nähe und Distanz zu finden", gibt ihm ein erfahrener Kollege mit auf den Weg.
In Hamburg wechselt die Hälfte der Grundschüler auf das Gymnasium. Gut ein Drittel davon hat Schwierigkeiten, dem Lehrplan zu folgen. Seit G8 eingeführt wurde, das Gymnasium also in acht Jahren durchlaufen wird, ist es besonders für die Schüler schwierig, die sich an der Leistungsgrenze bewegen. Das Abitur schafft nur die Hälfte der Schüler, die in der fünften Klasse begannen. Klassen muss erkennen, dass es Schüler gibt, die er überhaupt nicht erreicht. Dabei wollte er doch gerade auf jeden Schüler möglichst individuell eingehen. Börries Klassen reagiert körperlich, wird häufig krank. Auch er muss lernen: Nicht jedes Problem lässt sich lösen, nicht jedem Schüler wird er helfen können.
Das Schuljahr neigt sich dem Ende zu. Börries Klassen ist nervös, sein erstes Abitur als Lehrer steht an. Als er die Aufgaben sieht, atmet er auf: "Das können die Schüler." In Hildesheim bei Conny Törber ist Theaterpremiere. 400 Zuschauer fiebern mit. Törbers Theaterprojekt hat sich doch noch zu einer Erfolgsgeschichte entwickelt - für die Jugendlichen ein ganz neues Erlebnis.
Nach den Ferien beginnt der Kampf der Lehrer von vorn. In den nächsten zehn Jahren werden in Deutschland 460.000 Pädagogen in den Ruhestand gehen. Bereits jetzt sind bundesweit 45.000 Stellen unbesetzt. Lehrer mit Herzblut werden dringender gebraucht, denn je.
Quelle: t-online.de
vater schrieb:
am 10. Februar 2012 um 08:18:54
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realität
In der Realität sieht alles anders aus.Mit Kritik können die meisten Lehrer überhaupt nicht umgehen und lassen dies dann an den
Schülernj aus.Hinzu kommen private Probleme,die ungelöst in die Klassenräume getragen werden. Die sogenannten Junglehrer sollten selbst auch Supervision machen,bevor sie für die Schüler tragende Entscheidungen als Klassenlehrer fällen.So auch in diesem Fall.
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kritiker schrieb:
am 13. Januar 2011 um 12:05:44
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susa
und diesen neuen aktivierenden unterricht, der geht nicht im frontalunterricht, dazu muss der unterricht indivdualsiert werden, jeder
muss immer sein gesamtes vorwissen aktivieren können, um neue probleme zu lösen, dann macht zb. matheunterricht sinn und es kommen die eigentlich gewollten problemlöser heraus. und das gilt letztlich für alle fächer. dazu müssen lehrer ausgebildet werden, dass sie das können. kann man auch schon im prinzip im kindergarten machen, muss man auch.
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Susa schrieb:
am 13. Januar 2011 um 08:12:15
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Lehrer 2
Mir ist auch klar, das der Beruf Lehrer nicht einfacher wird, wenn man sich die SPLEENS von Teenies vor Augen führt. Aber muss der
heutrige LEHRstoff (z.B. im Gymi) derart massig + anspruchsvoll durchgezgen werden. Als Betriebswirtin konnte ich z.B. den Mathestoff kaum folgen. Und die Kids wurden durchgepeitscht zur nächsten Ex oder Schulaufgabe. Abend-, wochenend- und ferienfüllendes Lernen für was ? Was bleibt nachhaltig oder ist elementar ? Pisa ? Aber Allgemeinwissen = fehlanzeige ...
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