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ZDF-Doku-Reihe "37 Grad": Abitur trotz Hartz IV

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"Ich will's mal besser haben"

23.11.2011, 09:53 Uhr | ZDF; mmh

Marko kämpft um ein besseres Leben. (Foto: ZDF)

Marko kämpft um ein besseres Leben. (Foto: ZDF)

G8, Gemeinschaftsschule, Ganztagsschule - Deutschlands Bildungslandschaft ist mit vielen Baustellen und Missständen übersät. Die ZDF-Reihe "37 Grad" zeigt Lebensläufe junger Abiturienten, die mit ihren ganz eigenen Problemen zu kämpfen haben, denn sie kommen aus sozial benachteiligten Familien und müssen für ihr Alter eine enorme Verantwortung tragen. Statt zu viel Förderung von den Eltern zu erhalten, sind sie ganz auf sich allein gestellt. Eine Sache treibt sie an: "Ich will´s mal besser haben".

Zwei Kinder kämpfen um ein anderes Leben

Hartz IV, Migrationshintergrund und eine Verkettung zahlreicher anderer Probleme - Marko und Merve haben eigentlich kaum Chancen, aus dem Teufelskreis auszubrechen und trotzdem schaffen sie es, aus eigener Kraft. Zwei Erfolgsstorys zeigt das ZDF in der Doku-Reihe "37 Grad" unter dem Titel "Ich will´s mal besser haben". Das Bittere daran: Es sind wohl nur wenige Kinder so stark wie Marko und Merve. Und es gibt zu wenig Hilfe in Fällen wie ihren.

Ein Kind, eine Familie, ein Haus, davon träumen Merve und Marko, das ist die Lebensperspektive, für die sich das alles lohnt: Einkaufen, arbeiten, die kleine Schwester aus der Kita abholen, Englisch lernen, das steht allerdings erst mal für Merve auf dem Stunden-Plan nach der Schule.

Während ihre Freunde nach der Schule frei haben, Hausaufgaben machen, vielleicht in das Sporttraining oder in den Musikunterricht gehen, müssen Marko (17) und Merve (18) aus Berlin erst einmal ganz andere Dinge erledigen. Marko, der auf dem Weg in die Oberstufe ist, lebt in einer vom Jugendamt betreuten WG. Die Abiturientin Merve aus Berlin kümmert sich um den Haushalt und ihre kleine Schwester, da ihre Mutter schwer krank ist.

"Keiner nimmt ein bisschen Leid ab"

Markos Eltern sind Hartz IV-Empfänger, hatten große Probleme, ihr eigenes Leben zu meistern und waren mit der Erziehung ihrer Kinder komplett überfordert. Er fragt sich oft, ob seine Eltern das überhaupt verstehen, um was es ihm geht. Vielleicht nicht, aber "ich bin stolz, dass er so weit gekommen ist, er kommt auch noch weiter", sagt seine Mutter, die ihm nicht viel Hilfe auf seinem Weg zu diesem besseren Leben bieten kann. Er ist sehr reif für sein Alter, aber manchmal würde auch er sich mehr Unterstützung wünschen. "Da muss ich alleine durch, das ist manchmal schwer zu meistern, weil da keiner ist, der einem ein bisschen Leid nimmt."

Jedes Wochenende besucht er gemeinsam mit seinem jüngsten Bruder die Eltern und weiß, so will er nicht leben. Trotzdem: als asozial würde er seine Eltern nicht bezeichnen, auch wenn sie sich nicht genug um ihn und seine Geschwister kümmern konnten. Das Heim war für Marko ein Glücksfall. "Da konnten wir uns besser entwickeln. Da hatten wir dann mehr vom Leben." Er nutzte seine Chance.

Marko: Sehnsucht nach geregeltem Leben

In der ersten Klasse, als Marko ständig fehlte und keine Schulbücher hatte, blieb er sitzen. Schon vorher war das Jugendamt auf die Familie aufmerksam geworden. Marko und seine fünf Geschwister kamen vor acht Jahren schließlich in ein Heim. Dort erlebte Marko zum ersten Mal, was es heißt, eine Perspektive zu haben und fing an, sich in der Schule anzustrengen.

Ausnahmeschüler mit Zielen

Er ist Klassenbester und steht jetzt in der 10. Klasse seiner Gesamtschule kurz vor dem Eintritt in die gymnasiale Oberstufe. Vor einem Jahr ist Marko aus dem Kinderheim in eine Wohngruppe des Jugendamts umgezogen. Marko ist der einzige Bewohner der WG, der Abitur machen wird, das beeindruckt seine Mitbewohner und seine Lehrer. Ein Ausnahmeschüler, sagen sein Betreuer und seine Lehrer.

Essen kochen, Aufräumen, Wäsche waschen, Arzttermine - er ist für alles selbst verantwortlich, oft auch für seine Eltern. Er füllt mit ihnen Anträge und Formulare aus. So wie ihm jemand geholfen hat, hilft er seinen Eltern - für Marko selbstverständlich. Zwei Wecker braucht er morgens, aber er hält die Disziplin durch. Das geregelte Leben hat er erst im Heim kennengelernt.

Anders leben als die Eltern

Er will ein anderes Leben als seine Eltern und tut alles dafür, in die gymnasiale Oberstufe versetzt zu werden. Sein Traum vom Leben: "Ich will ein geregeltes Leben, eine Frau, Kinder, vielleicht ein Haus." Jedenfalls anders, besser. Selbst Verantwortung übernehmen, eigene Entscheidungen treffen, er kennt es nicht anders und will es nicht anders. Er hat die erste Hürde auf dem Weg zum Abitur geschafft.

Merve: Abitur trotz Familienstress

Merves tägliches Pensum: Für's Abi lernen, nachmittags arbeiten, die kleine Schwester (3) aus der Kita holen, abends kochen und aufräumen, weil ihre Mutter oft krank ist, Ruhe braucht. Da wird Lernen zum Luxus. Die 18-Jährige muss nach der Schule arbeiten gehen, weil ihre Eltern getrennt sind und der Vater keinen Unterhalt zahlt.

Kindermädchen, Putzfrau, Mutter, das alles ist sie. "Ich muss mich auf sie verlassen", sagt ihre Mutter.  Ihr Organisationstalent kommt ihr zugute, doch sie muss auf sich achten, sie mutet sich vielleicht doch zu viel zu. Doch sie hat keine Wahl. Ausgerechnet in der Schlussphase des Abiturs muss ihre Mutter für zwei Monate in die Klinik: Diagnose Burn out. Und das ausgerechnet in einer Zeit, in der andere Eltern jeden Stress von ihren Kindern fern halten. Trotzdem hat Merve das Abi geschafft, ihre Mutter ist wieder gesund. Auch wenn Merve von den Noten enttäuscht ist, ohne den Druck wären sie sicherlich besser gewesen, kann sie  ihr Wunschstudium beginnen.

Hinter den Aufgaben verschwinden

Als Merve aufs Gymnasium kam, war sie die einzige Türkin in der ganzen Stufe und hatte mit vielen Vorurteilen zu kämpfen. In ihrem Job, Hausaufgabenbetreuung für türkische Kinder in einer Moschee, hat sie schon einigen Kindern geholfen, es auf das Gymnasium zu schaffen.  

"Viel Arbeit, viel Verzicht", so fasst es ihre Lehrerin zusammen. In einem ernsten Gespräch ermahnt sie Merve: "Du verschwindest hinter deinen vielen außerschulischen Aufgaben." Sie selbst merke das gar nicht, meint die 18-Jährige, die Beobachtung der Lehrerin sei für sie interessant. 

Oft lernt sie bis spät in die Nacht. Aber aufgeben kommt für sie nicht in Frage. Sie will studieren, Managerin werden und dann eines Tages ihrer Mutter das Haus kaufen, dass sie sich nie leisten konnten.

Alles andere als zu viel Förderung

Marko und Merve schaffen es alleine, ganz ohne finanzielle und ideelle Unterstützung ihrer Eltern. Sie sind das absolute Gegenstück zu den Kindern, die beinahe zu viel gefördert, fast gedrillt und verplant werden. Diese beiden Gegenstücke gehören heute zu unserer Gesellschaft. Der Film von Caroline Haertel und Mirjana Momirovic will bewusst diesen Kontrast zeigen.


ZDF; mmh  

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Kommentare (33)

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Thema: "ZDF-Doku-Reihe "37 Grad": Abitur trotz Hartz IV"

Karin Reske schrieb: am 23. November 2011 um 21:18:52
(4) (2) Täuschung
Beide Beispiele machen uns was vor. Marko lebt schon lange mit allen Unterstützungen, die das Jugendamt Kindern und Jugendlichen
in Wohngruppen auch finanziell bietet - das ist nun wirklich der letzte Ort in Deutschland, wo man sich um ausreichende Ausstattung mit Schulmaterial und Hilfe Gedanken machen muss, und auch erhält man reichlich Unterstützung von doch gut ausgebildeten Erziehern, die zudem solche guten Beispiele durch entsprechende Darstellung in der Schule unterstützen.
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Maya schrieb: am 23. November 2011 um 21:09:13
(3) (1) "Ich will's mal besser haben"
das haben Generationen vorher auch schon getan. Was ist daran ungewöhnlich? Während der Schulzeit
jobben, das Studium sich "erarbeiten" war ganz normal.
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Feljenn schrieb: am 23. November 2011 um 16:05:07
(1) (0) Hartz V Kinder
Merves Mutter scheint nicht begriffen zu haben, dass sie ihre Tochter unter-stützen muss,während Markos Eltern ihrem Sohn
vermitteln,dass sie stolz auf ihn sind.
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