08.06.2009, 13:10 Uhr | sca
Wie konnte das passieren? Diese Frage stellten sich Eltern, deren Kinder mit akuter Alkoholvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert wurden, in der ZDF-Doku 37°.„Ich habe immer gedacht, was sind das nur für Familien, wo so etwas vorkommt! Aber jetzt weiß ich: Eigentlich kann es jeden treffen - jedes Kind, jede Familie“, berichtet eine Mutter, deren zwölfjährige Tochter Joana mit Vollrausch in eine Klinik eingeliefert wurde. Die ZDF-Doku 37° begleitete drei Familien, deren Kinder mit Vollrausch in Kliniken eingeliefert wurden. Deutlich wird: Komasaufen ist kein Unterschichtsphänomen. Die Eltern suchen nach Gründen und überlegen, wer Schuld ist. Dabei kommen die drei Familien zu unterschiedlichen Schlüssen.#
Fotoshow Bilder aus der Doku "Mein Kind im Vollrausch"
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Für die Kinderärztin Anna gehört die Versorgung von schwer alkoholisierten Jugendlichen zu ihrem Berufsalltag in der Notaufnahme des Klinikums München-Schwabing. 200 Fälle pro Jahr werden in der Klinik in München-Schwabing behandelt. Routine, bis eines Nachts Rettungssanitäter ihren 16-jährigen Sohn Jonas einliefern: bewusstlos, besudelt mit Erbrochenem, mit einem Alkoholpegel von 2,5 Promille. "Das war peinlich", sagt Jonas, "da meine Mutter ja dort im Krankenhaus Ärztin war, und eigentlich alle im Krankenhaus wussten, dass ihr Sohn mit einer Alkoholvergiftung eingeliefert wurde". Bei Jonas stand ein Umzug bevor, die letzte Nacht in München will Jonas mit seinen Freunden noch einmal richtig feiern. Bier, Wodka, Cocktails, alles nicht zum ersten Mal. "Ich habe mir schon gedacht, dass ich auf einen gewissen, schönen Pegel kommen will. Aber natürlich wollte ich schon nach Hause kommen", sagt der 16-Jährige.
Kati hatte das Ziel der Party erreicht, "möglichst schnell dicht werden". Früher gab es Zeiten, da habe sie dreimal die Woche mit ihren Freunden getrunken. Auf der Suche nach Gründen sagt sie, dass Mädchen glauben, schneller Jungs kennenzulernen. Aber es sei auch wie ein Wettkampf: Wer verträgt mehr. Die Eltern fragen sich, "war man zu wenig da, hat man zu wenig gemeinsam unternommen, hat man zu wenig nachgefragt, hat man zu wenig Kontakt zur Schule gehalten?". Man fühle sich hilflos. Der Vater fragt sich, wie das tagsüber passieren kann. Abends hätten sie ihr Kind immer abgeholt und aufgepasst. Von einem totalen Verbot hält der Vater aber nichts, weil er glaubt, dass wäre kontraproduktiv. Damit w
Ihrer Tochter wisse im Moment nicht richtig, wo sie steht, sagt ihre Mutter. Sie will kein Kind mehr sein, sie will Erwachsen sein. Auch wenn sie ihre beste Freundin Alex, die öfter mal Bier trinkt, jetzt nicht mehr treffen darf. Die Tochter findet das inakzeptabel, weil sie findet, dass die Eltern ihr nicht die Freunde wegnehmen dürfen. Die Mutter betrachtet es als ihre Aufgabe, ihrer Tochter zu verdeutlichen, dass sie Alkoholkonsum und trinkende Freunde in ihrem Alter nicht tolerieren kann, die Alkoholkonsum als normal oder okay empfinden. Manchmal fragen sich die Eltern von Joana, ob sie selber noch Alkohol trinken sollten, vor den Kindern. Vielleicht seien sie damit ein schlechtes Vorbild, überlegt der Vater.
In den Medien reißen die Berichte über komasaufende Jugendliche und betrunkene Kids nicht ab. Tatsächlich nimmt der Alkoholkonsum unter Jugendlichen seit 1979 aber ab, sowohl in Deutschland als auch im europäischen Ausland. Entwarnung kann das aber nicht bedeuten, denn Komasaufen, Flatrate-Trinken oder "Binge Drinking" wird immer verbreiteter. Die Zahl der eingelieferten stark alkoholisierten Jugendlichen ist in den letzten Jahren angestiegen. Über 23.000 Zehn- bis Zwanzigjährige wurden 2007 teils besinnungslos betrunken eingeliefert. Zum Vergleich: Im Jahr 2000 waren es laut Statistischem Bundesamt 9500 Jugendliche, 2004 bereits 16.400 und im Jahr 2006 19.500 junge "Komasäufer". Im Drogen- und Suchtbericht 2009 der BzGH gaben 20,4 Prozent der Jugendlichen an, in den letzten 30 Tagen mindestens einmal "Binge-Trinken" praktiziert zu haben. 2008 wurden erstmals mehr Mädchen als Jungen in Kliniken eingewiesen. Und auch den ersten Rausch erleben die meisten heute im Kindesalter, mit gerade 14 Jahren.
Mit zehn Millionen Euro pro Jahr wird eine neue Kampagne der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) finanziert. Kinospots, Plakate und Anzeigen sollen vor allem 16- bis 20-Jährige ansprechen, teilte BZgA-Direktorin Elisabeth Pott mit. Die Drogenbeauftragte Sabine Bätzing sprach sich erneut für den regelmäßigen Einsatz jugendlicher Testkäufer zur Durchsetzung des Jugendschutzes aus, auch wenn sich die Länder-Innenminister zuletzt nicht dazu durchringen konnten. Die Gegner dieses Ansatzes hätten keine überzeugenden Argumente vorbringen können, sagte Bätzing.
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